Wüstenstrom-Projekt Desertec steht kurz vor dem Aus

Die Gesellschafter beraten kommende Woche über den weiteren Verlauf des Wüstenstrom-Projektes Desertec. Die Energieproduktion zum Verbrauch vor Ort entwickelte sich schneller als das milliardenschwere Energieprojekt, das Solarstrom aus Afrika nach Europa liefern sollte. Politische und gesellschaftliche Krisen in Afrika sowie sinkende Energiepreise in Europa könnten das Projekt nun endgültig zum Scheitern bringen.

Das schwer kriselnde Wüstenstrom-Projekt Desertec steht Insidern zufolge vor dem endgültigen Aus. Wenn sich am Montag und Dienstag nächster Woche die Gesellschafter der umstrittenen Desertec Industrial Initiative (DII) in Rom treffen, dürften sie das Ende für die erst fünf Jahre alte Unternehmung verkünden, wie es am Mittwoch aus Industriekreisen hieß. Die DII hielt sich bedeckt und verwies auf die Versammlung der 20 Gesellschafterfirmen am Montag.

Das Scheitern der Wüstenträume war schon länger absehbar. Die meisten deutschen Technologie- und Baukonzerne wie Siemens, Bosch, E.ON oder Bilfinger haben sich schon abgewandt, genauso wie die ursprünglich namensgebende Desertec-Stiftung. Der Club of Rome, in dem sich Experten mit Themen wie Nachhaltigkeit und Grenzen des Wachstums beschäftigen und in dessen Mitte die Idee einst geboren worden war, kehrte der Industrie enttäuscht den Rücken.

Beim fulminanten Start des Megaprojekts 2009 hatten die Manager der Energie-, Technik- und Finanzbranche noch glänzende Augen. Fast eine halbe Billion Euro sollte in Solarkraftwerke unter der Sonne Nordafrikas und dem Vorderen Orient investiert werden, so die Pläne. Der Sahara-Strom sollte über Verbindungen über das Mittelmeer nach Süd- und Zentraleuropa fließen und dort klimaschädliche Kohlekraftwerke überflüssig machen. Der Rückversicherungsriese Münchener Rück machte sich zum Vorreiter des Energietraums. Längst ist auch dort Ernüchterung eingetreten. Ihre Einstellung zu den Zukunftsplänen wollen die Münchner vor der Sitzung kommende Woche nicht preisgeben. „Mal sehen wie es weiter geht“, sagte ein Sprecher lediglich.

Pech und Fehlschläge

Das auf ein halbes Jahrhundert angelegte Großprojekt stand unter einem schlechten Stern in Zeiten, in denen Konzernlenker selbst Prognosen über wenige Monate scheuen. In der spannungsgeladenen Zielregion Nordafrika brach der arabische Frühling aus, eine Zeit enormer politischer und ökonomischer Unsicherheit brach an. Die Investoren agierten vorsichtiger.

Hinzu kam die Reaktorkatastrophe von Fukushima, die paradoxerweise das Fortkommen der DII erschwerte. Die Europäer wandten ihren Blick stärker auf die heimische Energiewirtschaft und trieben den Ausbau erneuerbaren Energien vor Ort voran. Ihnen kam ein rapider Preisverfall für Photovoltaikanlagen entgegen, die Kosten für Solarstrom wurden immer geringer. Die Aussicht, 15 Prozent der europäischen Gesamtenergiemenge aus Desertec-Anlagen zu bekommen, wurde immer reizloser, wenn etwa Bayern auch als Folge der deutschen Energiewende schon bis zu 35 Prozent seines Energiebedarfs aus erneuerbaren Quellen im eigenen Land beziehen kann.

Aber Desertec hatte nicht nur Pech. Von Beginn an gab es Querelen. So setzten die Europäer eher auf die vergleichsweise teure Solarthermie – die Stromgewinnung aus Sonnenhitze – und erlebten damit ein Debakel. Allein Siemens versenkte mehr als 400 Millionen Dollar in der Technologie und stieg letztlich aus. Die afrikanischen und arabischen Länder, die eigentlich Geschäftspartner werden sollten, beklagten sich anfangs über die koloniale Attitüde der Nachbarn nördlich des Mittelmeers. Es folgte ein Streit über die Aufnahme des chinesischen Netzbetreibers State Grid in den Kreis der Gesellschafter. Die Co-Geschäftsführerin Aglaia Wieland flog im Streit über die Strategie raus. Der verblieben DII-Chef Paul van Son richtete sein Haus stärker auf die Beratung von Einzelprojekten für die heimische Stromerzeugung vom Maghreb bis zur Levante aus. Bleiben wollte er allerdings nicht mehr längerfristig, zumal die DII-Verträge Ende des Jahres auslaufen. Im Januar wechselt der bärtige Niederländer zum Energieversorger und DII-Partner RWE.

Strom für Nordafrika

Die DII-Gesellschaft verweist unterdessen auf die Erfolge. Mit ihrer Unterstützung liefen derzeit 68 Erzeugungsprojekte in Nordafrika, vornehmlich in Algerien und Marocco.

Sollten die Gesellschafter der gut zwei Dutzend Mitarbeiter umfassenden DII ein neues Budget von zwei Millionen Euro nicht mehr gewähren, ist Insidern zufolge auch ein Weiterleben als Beratungsgesellschaft auf eigene Faust denkbar. Neue Energieprojekte könnten die Münchner dann entgeltlich beraten. Ob das Büro dann weiterhin in Schwabing liegen wird, ist offen. Energieexpertin Claudia Kemfert von Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung ist optimistisch: „Desertec war und ist interessant, wenn man die Energieversorgung in Nordafrika sicherstellen will. Die Kosten für Solar- und Windparks sinken auch dort kontinuierlich“, sagte sie. „Die Idee Strom von Nordafrika nach Europa zu bringen ist sicherlich nicht tot, aber es war auch für Desertec immer die zweite Priorität nach der Energieversorgung vor Ort. Wenn man die Energieversorgung in Europa viel stärker integriert, bleibt es eine Perspektive, sich mit Nordafrika zu vernetzen. Das ist eine Aufgabe von Jahrzehnten.“

Kommentare

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  1. Rudolf Steinmetz sagt:

    Ein selbst verursachtes Chaos infolge kolonialistischer Großmannssucht. Anders gesagt: eine typische Rockefeller-Idee die dezentrale Sonnenenergie zu Zentralisieren.

  2. Ossi. sagt:

    Hahaha…

    Deren Kapazität belaufe sich auf vier Megawatt, so viel wie vier Atomkraftwerke, betonte ein Sprecher

    Pro Atomkraftwerk ist das ein bischen wenig, 1GigaWatt dürfte da realistischer sein, gibt auch welche die haben 1GW pro Block….