Mittelstand bringt Österreich mehr Wohlstand als Großunternehmen

Die mittelständischen, nicht die größten Unternehmen Österreichs bringen die meisten Arbeitsplätze und den größten Wohlstand. In Wien gibt es zwar die umsatzstärksten Unternehmen und die größte Kaufkraft. Doch auch die größte Arbeitslosigkeit. Im Umkehrschluss können Städte wie Klagenfurt mit wenigen großen Unternehmen eine hohe Kaufkraft bringen.

Wien ist ein Magnet für die größten, umsatzstärksten Firmen Österreichs. Ein gewichtiges Oberösterreich mit starker Industrie und starkem Handel gibt es nicht nur in Linz, sondern auch in Wels. Salzburg liegt überraschend vor der zweitgrößten Stadt Österreichs, Graz.

Die Schwäche Ostösterreichs liegt im Anziehungspunkt für umsatzkräftige Unternehmen, sobald Wien und die umgebenden Bezirke aus der Betrachtung ausgeklammert werden. Auch Kärnten und früher stark industrialisierte Bezirke der Steiermark wie Leoben können der Analyse zufolge kaum noch die in Punkto Umsatz größten Arbeitgeber Österreichs locken. Das sind die Ergebnisse des Bezirksrankings Österreich vom Dienstleister Bisnode D&B.

Österreich ist trotz namhafter Marken wie Red Bull, Voestalpine, Swarovski, OMV und anderer Großunternehmen ein Land mit klein- und mittelständischer Struktur. Im landesweiten Schnitt machen Firmen mit weniger als 50 Beschäftigten, also Klein- und Kleinstunternehmen, satte 98 Prozent der Unternehmenslandschaft aus. Speziell vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob eine hohe Anzahl an umsatzkräftigen Unternehmen automatisch Wohlstand und hohe Beschäftigung für ihre Heimatbezirke bedeuten.

Die Kaufkraft gibt dazu eine deutliche Antwort: Wien, das von den 1.000 umsatzstärksten Unternehmen Österreichs beinahe 400 für sich verbucht, beheimatet auch die Bezirke, die mit der bundesweit größten Kaufkraft ausgestattet sind. Die GfK-Kaufkraftdaten von 2014 listen unter den Top10 Bezirken der Alpenrepublik acht aus Wien. Wobei die Bewohner des ersten Wiener Gemeindebezirks demnach mit rund 42.000 Euro pro Kopf beinahe über die doppelte Kaufkraft des bundesweiten Schnitts verfügen. Die einzigen beiden Bezirke außerhalb Wiens, die sich in unter die besten zehn reihen können, sind Mödling und Wien-Umgebung. Hinter den Top10 reiht sich Korneuburg ein.

Wie die Studie zeigt, bieten die niederösterreichischen Bezirke des Wiener Speckgürtels wie Mödling und Wien-Umgebung attraktive Standorte für große Player. Alleine Mödling kommt mit rund 40 der umsatzstärksten Unternehmen dem Industriestandort Linz (Stadt) schon sehr nahe. Offenbar profitieren auch die Einwohner davon, ebenso wie von ihrem Zugang zum Arbeitsmarkt Wien. Dies geht sogar so weit, dass Niederösterreich eine höhere Pro-Kopf-Kaufkraft aufweist als das Bundesland Wien mit samt seinen 23 Bezirken.

Dennoch, große Unternehmen bringen nicht allen Einwohnern sofort Wohlstand. Die Stadt Linz nimmt im Umsatzranking den zweiten Platz nach Wien ein. In Punkto Kaufkraft kann sich Linz aber erst an 14. Stelle einreihen. Die Stahlstadt liegt damit aber noch über dem österreichischen Kaufkraftschnitt. Dass im Umkehrschluss Bezirke mit relativ wenigen großen Unternehmen dennoch hohe Kaufkraft haben können, zeigt Klagenfurt. Die Kärntner Landeshauptstadt beheimatet trotz seiner knapp 100.000 Einwohner nur zwölf der umsatzstärksten Unternehmen. Trotzdem liegt Klagenfurt im Kaufkraftranking nur knapp hinter Linz.

Große Unternehmen bieten vielen Menschen Arbeit. Die Vermutung liegt nahe, dass in Top-Bezirken nach Umsatz die Arbeitslosigkeit niedrig ist. Ganz im Gegenteil hat Wien die höchste Arbeitslosigkeit Österreichs: 12,8 Prozent nach nationaler Definition laut Statistik des Arbeitsmarktservice (AMS) für Juli 2014. Im Vergleich dazu lag im selben Zeitraum die gesamtösterreichische Arbeitslosigkeit bei 7,4 Prozent. Auch Graz, an Einwohnern zweitgrößte Stadt Österreichs und im Umsatzranking mit rund 40 Unternehmen knapp hinter Linz und Salzburg gelegen, liegt bei der Arbeitslosigkeit weit über dem Bundesschnitt. 11,4 Prozent bedeuten den vierthöchsten Wert in Österreich.

Andererseits liegen unter den Bezirken mit der höchsten Arbeitslosigkeit Städte mit einem geringen Anteil an Umsatzkaisern. In Steyr (Stadt) waren im Juli 2014 11,9 Prozent als arbeitslos gemeldet, der zweithöchste Werte Österreichs für die Stadt mit nur vier der Top1.000-Unternehmen nach Umsatz. Als weitere Bezirke mit über zehn Prozent an Arbeitssuchenden zeigt das AMS die niederösterreichischen Bezirke Wiener Neustadt (Stadt) und St. Pölten (Stadt), beide im Umsatzranking abgeschlagen mit einstelliger Anzahl an großen Unternehmen. Die These vom Osten Österreichs, der ohne Wien schwach ist, wird dadurch ebenso untermauert wie die vom schwachen Süden: Villach (Stadt) und Klagenfurt (Stadt) haben in Relation zu ihrer Einwohnerzahl nicht nur wenige Großunternehmen (drei bzw. zwölf), sondern liegen auch auf den Plätzen fünf und sechs der heimischen Arbeitslosenstatistik.

Ein Zusammenhang zwischen umsatzstarken Unternehmen und der Situation Arbeitssuchender in den Bezirken lässt sich nur bedingt herstellen. Interessanterweise gibt es in der burgenländischen Weinbaustadt Rust, die als einziger Bezirk Österreichs kein einziges Großunternehmen aufweist und den höchsten Anteil an Land- und Forstwirtschaft hat, mit die niedrigste Arbeitslosigkeit Österreichs: 3,5 Prozent ist der sechstbeste Wert bundesweit. Wobei man allerdings auch die Größenordnung mitbedenken muss. Die 3,5 Prozent entsprechen 28 arbeitslosen Personen.

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