Die neue Identität: Online-Reputation ist wichtiger als Geld und Macht

Die Identität im Internet wird wichtiger als privates Vermögen oder Einfluss. Ähnlich wie beim Kreditrating bekommen persönliche Informationen einen Wert zugewiesen, mit dem gehandelt wird. Wer sich online falsch präsentiert, riskiert zur persona non grata zu werden. Diese Tatsache ist längst zum Geschäftsmodell geworden, indem Unternehmen den Online-Ruf ihrer Kunden aufhübschen.

Niemand kann genau kontrollieren, welche personenbezogenen Informationen an welcher Stelle in den Suchmaschinen des Internets aufgelistet werden. Der Fall Bettina Wulf beweist: Wer einmal eine Information aus dem Internet löschen will, muss große Anstrengungen bewältigen, ohne eine Garantie auf Erfolg. Aber nicht nur Politiker-Gattinnen müssen auf ihre Präsenz im Netz achten. Beim Surfen gibt jeder Mensch mit jedem Klick mehr Informationen über sich preis. Diese Informationen werden täglich wertvoller.

Das Unternehmen reputation.com verdient Geld damit, die Online-Präsenzen ihrer Kunden aufzuputschen und Suchergebnisse bei Google zu optimieren. Das kostet mindestens 700 US-Dollar. Bestenfalls erscheinen beim Googlen einer Privatperson dann die private Webseite sowie soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter, LinkedIn oder Wikipedia. Diese Inhalte kann man kontrollieren und darin ein Image von der Person oder dem Unternehmen transportieren.

Das Motto des Gründers von reputation.com Michael Fertik: Im Internet sind wir alle nackt. Die Screens unserer Smartphones und Tablets geben viel mehr Informationen preis als ein Blick durch die Fenster einer Wohnung.

In seinem Buch The Reputation Economy, argumentiert Fertik, dass es noch nie so wichtig war wie jetzt, sein digitales Ich zu optimieren. Es sei eine Frage der Zeit, bis jeder Mensch einen Reputations-Wert (Scoring) zugewiesen bekommt, ähnlich wie der eines Kreditscorings. Der Unterschied: Bei einem Kreditscoring werden Parameter wie Zahlungsmoral, Fälligkeiten und Kreditrahmen einzelnen Akteuren beim Abschluss eines Vertrages übermittelt. Der Reputations-Wert basiert auf dem digitalen Fußabdruck, den jeder Mensch im Internet hinterlässt, wenn er online geht.

Wer aufgrund dieser Informationen personalisierte Benutzerprofile erstellen kann, verfügt über ein mächtiges Instrument, argumentiert Fertik. „Die Reputation wird wertvoller als Geld oder Macht“, sagt er dem Guardian.

Soziale Kontakte im Internet haben bereits jetzt einen real messbaren Wert. Weil eine Mutter von zwei Kindern – eine Lehrerin mit positivem Kreditrating – nicht genügend Freunde auf Facebook hatte, konnte sie auf dem Vermietungs-Portal airbnb.com keine Unterkunft mieten. Das Programm entschied, ihr Facebook-Profil sei gefälscht.

In Großbritannien läuft derzeit eine Debatte, die von Premierminister David Cameron angestoßen wurde. Cameron will durchsetzen, dass der gesamte Datenverkehr im Internet dem Staat zur Verfügung steht. Online-Dienste wie Snapchat – bei dem Fotos kurz nach dem Verschicken automatisch gelöscht werden – müssten dann verboten werden.

Künftig werden reale Entscheidungen über Menschen auf dem Wert von Reputations-Scorings getroffen. Das kann die persönliche Karriere, den Konsum oder intime Bereiche betreffen.

Doch man ist der Datensammlungs-Wut im Internet nicht schutzlos ausgeliefert. Jeder kann sein Image im Netz selbst gestalten, sagt Fertik. Unternehmen rät er, positive Bewertungen von Online-Nutzern zu sammeln und auf so vielen Blogs und Netzwerken zu veröffentlichen, wie möglich. Das gleiche gilt auch für Privatpersonen. Man solle so vielen Seiten wie möglich beitreten und diese ausschließlich mit positiven Informationen von sich füllen. Die Fülle an positiven Informationen soll die negativen dabei überblenden.

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