Kunden zeigen Interesse an verpackungsfreien Lebensmitteln

Acht von zehn Kunden suchen nach Möglichkeiten, Lebensmittel verpackungsfrei einkaufen. Doch bislang gibt es zu wenige Geschäfte, die sich diese Nachfrage zunutze machen. Unternehmen in Wien und Berlin-Kreuzberg leisten Vorarbeit.

Die überwiegende Zahl der Verbraucher in Deutschland würde beim Kauf von Lebensmitteln auf Verpackungen verzichten. Acht von zehn Kunden wären bereit, ihre eigenen Transportbehälter mitzubringen, wie eine am Donnerstag vor der Grünen Woche veröffentlichte Umfrage der Wirtschaftsprüfer PricewaterhouseCoopers (PwC) zeigt. „Der verpackungsfreie Einkauf ist kein Nischenthema für eine kleine Elite, die ökologisch bewusst lebt, sondern hat die breite Bevölkerung erreicht“, erklärt Gerd Bovensiepen, Leiter des Geschäftsbereichs Handel und Konsumgüter. Auf das geänderte Bewusstsein der Verbraucher müsse die Branche reagieren: die Industrie mit mehr wiederverwertbaren Verpackungen und die Supermärkte mit verpackungsfreien Waren bei einzelnen Sortimenten.

Der erste verpackungsfreie Supermarkt in Berlin hat im September vergangenen Jahres in Kreuzberg eröffnet. Die Kunden können sich Speiseöl selbstständig in dafür bereitgestellte Abfüllflaschen abzapfen. Selbstverständlich kann jeder seine eigenen Behälter für die Lebensmittel mitbringen. Den Kunden geht es um das Produkt, nicht um die Marke. Das Geschäft mit dem Namen „Original Unverpackt“ ist ein Nachfolger des Pilotprojektes der Maß-Greißlerei-Gründerin Andrea Lunzer in Wien. Das Geschäft funktioniert deshalb, weil vielen Menschen überflüssige Verpackung auf die Nerven geht. Das Bewusstsein, auf Verpackungen zu verzichten, löst bei ihnen eine neue Freude am Einkaufen aus. Bald soll es auch einen Laden in der Schweiz geben.

Doch noch ist die Zahl der Supermärkte, die Lebensmittel ohne Verpackung verkaufen, überschaubar. Doch beim Verbraucher stößt das Konzept auf Interesse – vorrangig aus Umweltschutzgründen, aber auch, weil die Konsumenten so leichter Mengen nach ihrem Bedarf einkaufen und nicht durch „Mogelpackungen“ getäuscht werden können, wie die Umfrage zeigt. Am ehesten würden die Befragten Obst und Gemüse (71 Prozent) und Backwaren (62 Prozent) verpackungsfrei kaufen, auch bei Trockenprodukten wie Reis, Linsen oder Nudeln könnten sich das noch 37 Prozent vorstellen. Bei Molkereiprodukten oder flüssigen Lebensmitteln wie Essig, Öl oder Saft sind die Kunden aber skeptisch. Nicht einmal die Hälfte würde diese Produkte in eigene Behälter abfüllen.

Noch wachse die Zahl der Verpackungen Jahr für Jahr durchschnittlich um zwei bis drei Prozent, wegen der steigenden Zahl an Single-Haushalten und des Trends zu Convenience-Produkten, so der Experte. „Doch das Bewusstsein der Verbraucher verändert sich.“ Die Industrie sollte deshalb Materialien sparsamer und noch mehr Verpackungen auf Basis nachwachsender Rohstoffe einsetzen. Am liebsten würden die Kunden ihre verpackungsfreien Waren in den herkömmlichen und nicht in speziellen Geschäften einkaufen. Es sei zwar unrealistisch, dass die Supermärkte komplett umstellten. „Aber sie könnten bei einzelnen Sortimenten auch verpackungsfreie Waren anbieten, wobei ich vor allem Bio-Produkte und regionale Produkte für ein geeignetes ‚Testfeld‘ halte.“ Hier könne gut mit kleinen regionalen Erzeugern zusammengearbeitet werden. Ein Hindernis sei jedoch, dass bislang weniger als ein Drittel der Kunden bereit sei, für verpackungsfreie Waren mehr zu zahlen.

Fast 16,6 Millionen Tonnen Verpackungsmüll fielen laut Statistischem Bundesamt 2012 in Deutschland an. 1991 waren es noch 15,6 Millionen Tonnen. Damals trat die Verpackungsordnung in Kraft, die Herstellern und Vertreibern Rücknahme- und Verwertungsauflagen machte. Seither ist zwar die Müllmenge nicht kleiner geworden, aber die Verwertungsquote der Verpackungen, für die wertvolle Rohstoffe eingesetzt werden, auf 96,3 von 39,2 Prozent gestiegen.

Am häufigsten verpacken die Unternehmen Waren weiter in Papier, Pappe oder Karton. Es folgen Kunststoffe, Glas, Holz und Metalle. Gestiegen ist in dem Zeitraum vor allem der Verbrauch an Kunststoffen, um fast 70 Prozent auf 2,8 Millionen Tonnen, der von Glas hingegen um rund 40 Prozent geschrumpft.

Kommentare

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  1. Tahsin Dag sagt:

    Toller Beitrag!
    Sehr geil, wenn es dann noch Unternehmen gibt, die genau nach diesen Aspekten umweltfreundliche, nachhaltige und innovative Verpackungen herstellen wie die PAPACKS aus Köln.

    Mehr Infos unter:
    http://www.papacks.com

  2. Eva Söhngen sagt:

    Tolle Sache! Darf ich an dieser Stelle darauf hinweisen, dass es auch in Kiel einen Laden gibt, der ausschließlich unverpackte Ware verkauft? Er heißt „unverpackt – lose, nachhaltig, gut“ und es bereits seit dem 1. Februar 2014. Für alle Interessierten hier ein Link auf dessen Homepage: http://www.unverpackt-kiel.de/
    Mit freundlichen Grüßen
    Eva Söhngen

  3. Rudolf Steinmetz sagt:

    HÖCHSTE Zeit! Von 100 €uro in einem üblichen Bio-Laden gehen minimum 5 €uro an die Erdöl-Industrie für die Verpackungen. UND es sind NICHT die Plastik-Tüten (die werden gerne demonstrativ entfernt!) sondern die Packungen für Wurst, Käse oder z.B. Milch d.h. Innenkaschierungen aus Kunststoff für Milchtüten oder Einwickelpapier.
    NEUERDINGS WERDEN sogar den Kosmetika oder Zahncreme Nano-Kunstoffe beigemischt – ein Verbrechen!