Umfrage: Franken-Aufwertung bremst Schweizer Wachstum stark aus

Der Franken steigt nach der Entscheidung der EZB weiter in die Höhe. Das Wirtschaftswachstum in der Schweiz wird dadurch abgeschwächt. Für Finanzmarkt-Akteure schwinden die Job-Chancen. Firmen senken ihre Gewinnprognosen. Die Regierung sieht jedoch bislang davon ab, ein neues Konjunkturprogramm aufzulegen.

Die Überbewertung des Schweizer Frankens wird in den kommenden Monaten anhalten und sich im Falle von negativen Wirtschaftsmeldungen sogar noch verstärken. Dennoch soll die Schweizer Wirtschaft einer Studie zufolge nicht in eine Rezession schlittern. Im Detail glauben nur 36,3 Prozent der Schweizer Umfrageteilnehmer, dass die Überbewertung des Frankens auf eine kurzfristige Überreaktion des Marktes zurückzuführen sei und bald abflauen werde. Die anderen meinen, dass die Euro-Franken-Parität vorderhand ein stabiles Gleichgewicht darstelle (28,1%) oder sich die Frankenstärke bei negativen Überraschungen sogar noch akzentuieren könne (35,6%).

Dies prognostiziert eine Mehrheit von 295 Investment-Akteuren, die an einer Blitzumfrage von CFA Switzerland teilgenommen haben. Diese wurde kurzfristig im Rahmen des jährlich weltweit durchgeführten CFA Institute 2015 Global Market Sentiment Survey lanciert, weil die überraschende Aufhebung des Mindestkurses vom Schweizer Franken zum Euro eine völlig neue Entscheidungsbasis für Prognosen aus Schweizer Sicht geschaffen hat.

„Die Situation ist sehr anspruchsvoll“, sagte Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann am Mittwoch. „Für unsere Wirtschaft ist ein Kurs bei 1,10 eine sehr große Herausforderung.“ Maßnahmen, um der Exportindustrie des Landes, Tourismus und Einzelhandel unter die Arme zu greifen, will die Regierung derzeit nicht ergreifen. „Der Bundesrat ist der Auffassung, dass ein Konjunkturprogramm, das primär die Binnennachfrage unterstützen würde, zurzeit nicht angebracht ist“, erklärte der Wirtschaftsminister. „Die Frage nach einem solchen Programm müssen wir erst dann wieder stellen, wenn die Schweiz sich einer schweren Rezession nähern würde. Das ist aber zurzeit überhaupt nicht der Fall.“

Die Regierung ziehe keine voreiligen Schlüsse und werde die Situation laufend analysieren. Die Europäische Zentralbank (EZB) wird bis Ende September 2016 monatlich für 60 Milliarden Euro Staatsanleihen und andere Wertpapiere aus den Euro-Ländern aufkaufen, sagte EZB-Chef Mario Draghi am Donnerstag in Frankfurt.

Der EZB-Beschluss und der Ausgang der Parlamentswahlen in Griechenland seien „zwei wichtige Momente“, sagte Schneider-Ammann. Es bleibe abzuwarten, wo sich der Franken-Kurs einpendelt. Der Euro rutschte „Falls die starke Überbewertung lange anhält, wird sich die Wettbewerbsfähigkeit vieler Unternehmungen natürlich deutlich verschlechtern“, sagte Schneider-Ammann.

Die unerwartete Aufhebung der mehr als drei Jahre geltenden Euro-Kursuntergrenze von 1,20 Franken durch die Schweizerische Nationalbank (SNB) vergangene Woche hatte die Finanzmärkte in Aufruhr versetzt, Euro, Dollar und Aktienkurse waren abgestürzt. Für die Gemeinschaftswährung wird aktuell etwas weniger als ein Franken bezahlt, die US-Devise ist für 0,8575 Franken zu haben. Ein starker Franken macht die Produkte von Schweizer Firmen, die ihre Waren im eigenen Land herstellen, im Ausland teurer. Dadurch sinkt die Wettbewerbsfähigkeit.

Mittelfristig (per Ende Juni 2015) gehen die Finanzmarkt-Teilnehmer von einer Beibehaltung der Euro-Franken-Parität aus. Bezüglich des US-Dollars wird eine Abschwächung auf CHF 0.9407 erwartet, was einer Abwertung des Frankens von immerhin 7 Prozent entspricht. Nur 25,4 Prozent erwarten eine scharfe Rezession als Folge, während 67,8 Prozent eine Wachstumsschwäche erwarten, ohne dass die Wirtschaft in eine Rezession abgleiten wird.

Während eine Mehrheit der Analysten die Kommunikationspolitik der SNB in der Substanz für angemessen, unvermeidbar und effektiv halten (52,9%), sind 39,9 Prozent der Meinung, dass sie unnötigen Schaden angerichtet hat, da die Bekanntgabe der Entscheidung während des handelsfreien Wochenendes wesentlich ruhiger aufgenommen worden wäre. Entsprechend hat die Glaubwürdigkeit der SNB bei 55,8 Prozent der Teilnehmer gelitten. Nur für eine Minderheit von 13,8 Prozent hat sie an Glaubwürdigkeit gewonnen.

Im Durchschnitt erwarten die antwortenden Chartered Financial Analysten (CFA) für 2015 lediglich ein weltwirtschaftliches Wachstum von 2 Prozent.

Bezüglich Jobchancen in der Finanzbranche zeichnet sich seit einigen Jahren weltweit wachsende Zuversicht ab. Kurz vor der Entscheidung der SNB glaubten 30 Prozent aller Antwortenden, dass sich die Aussichten verbessern und 20 Prozent, dass sie sich verschlechtern. 2012 sah dies ganz anders aus: Nur 14 Prozent glaubten an eine Verbesserung und 35 Prozent an eine Verschlechterung. Am pessimistischen Ende dieser Liste befinden sich die Schweizer sowie Deutschen CFA-Mitglieder: Hier sehen nur 13 Prozent bzw. 12 Prozent eine Aufhellung voraus, 40 Prozent (bzw. 32%) eher düstere Zeiten.

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  1. Samson sagt:

    Deutschland hatte in der Vergangenheit immer wieder seine Währung aufgewertet nämlich die feste Deutsche Mark.

    Trotzdem wuchs die Wirtschaft immer stärker, weil die Produkte im Ausland ja auch preiswerter einzukaufen sind.

    Augenwischerei die Nachteile beim Tourismus so stark zu betonen und die Vorteile beim Import klein zu reden.

    Merkt das keiner???