EZB-Geldschwemme hilft Europas Unternehmen kaum

Selbst in den positivsten Szenarien für die Geldpolitik der EZB gibt es kaum einen messbaren Vorteil für die Unternehmen in Europa. Realistisch ist, dass die Kreditnachfrage in Europa nicht steigt, sondern die Aktienmärkte weiteren Rekorden nachjagen. Neue Schocks und Krisen werden dann das zaghafte Wachstum aufzehren und neue Schulden hervorbringen.

Das Anleihen-Ankauf-Programm von EZB-Chef Mario Draghi wird einer Umfrage zufolge kaum positive Effekte für Europas Unternehmen haben. Die neuen Milliarden werden den Wert des Euro drücken und an der Börse neue Höchstständer herbeiführen. Doch es besteht ein reales Risiko, dass das Geld nicht an die Unternehmen in Form von Krediten weitergegeben wird. Dann gibt es auch keine neuen Investitionen, die Europa so dringend benötigt.

Das größte Risiko ist nach Ansicht der Euler Hermes Ökonomen vor allem ein möglicher starker Anstieg der Ölpreise in Kombination mit einem schwachen Euro. Wenn dann die Finanzmarkt-Akteure wieder leichtsinnig mit dem billigen Geld der EZB umgehen wie vor dem Ausbruch der Finanzkrise (moral hazard), dann könnten weitere Schocks an den Märkten das angestrebte Wachstum zunichtemachen.

Selbst wenn die Zinsen für Kredite an Unternehmen in den Krisenländern aufgrund des neuen Geldes fallen und Firmen wieder mehr investieren, prognostiziert Euler Hermes für Unternehmen außerhalb des Finanzsektor ein mögliches Plus bei den Margen von 1 Prozentpunkt in 2015-2016. Allerdings nur bei dem optimalen Szenario, in dem die Nachfrage in Europa wieder steigt, was in der Folge zu steigenden Handelsvolumina und steigenden Absatzpreisen und damit wachsenden Umsätzen führen würde.

Doch die Auswirkungen der Maßnahmen der EZB sind nicht so leicht prognostizierbar. „Die Wirkungen sind schwer absehbar, werden in Europa aber wohl geringer sein als in den USA“, sagte Bundesbankpräsident Jens Weidman, der im Rat der Europäischen Zentralbank gegen das Anleihenkaufprogramm gestimmt hatte. Das auf 1,1 Billionen Euro taxierte „Quantitative Easing“

(QE) soll einen für die Wirtschaft verheerenden Preisverfall auf breiter Front (Deflation) abwenden. Doch reale Anzeichen einer Deflation gibt es nicht. Der niederländische Notenbankchef Klaas Knot stellte am Wochenende den Zeitpunkt der EZB-Entscheidung infrage. Falls das QE seine Wirkung verfehlen sollte, habe die EZB nicht mehr viele Optionen, um die Inflation wieder anzuregen.

Indem die EZB den Banken Staatsanleihen und andere Papiere abkauft, will sie ihnen Luft verschaffen, die Kreditvergabe anzukurbeln. Die Lebenshaltungskosten in der Euro-Zone waren im Dezember um 0,2 Prozent gesunken und damit erstmals seit über fünf Jahren negativ. Die EZB strebt eigentlich knapp zwei Prozent Inflation an.

Weidmann bezweifelte nun, dass es sich um eine echte Deflation handelt. Die niedrigen Inflationsraten seien durch die sinkenden Ölpreise getrieben, sagte er der Welt am Sonntag. Er warnte zudem vor Nebenwirkungen. „Viele Staaten müssten eigentlich Schulden abbauen, doch die Anreize dafür werden nun geringer.“ Bei hoher Staatsverschuldung könne wiederum die Notenbank unter Druck geraten, für immer mehr Erleichterungen zu sorgen. Das QE ändere nichts am Grundsatzproblem: „Das schleppende Wachstum in Europa geht letztlich auf eine hohe Verschuldung und einen Mangel an Wettbewerbsfähigkeit in einzelnen Ländern zurück.“

Eine Geldschwemme in Europa sei in ihren Auswirkungen mit der USA vergleichbar. In den USA sei das Zinsniveau anfangs deutlich höher gewesen. Außerdem finanzierten sich US-Unternehmen stärker über den Kapitalmarkt. Wertpapierkäufe wirkten dort viel direkter als in einer Wirtschaft, die sich über Bankendarlehen finanziere, so Weidmann.

Sein niederländischer Kollege Knot sagte, es wäre besser gewesen, wenn die EZB das QE-Programm, das ein letztes Mittel sei, in Reserve gehalten hätte. Es werde Effekte haben, aber ob es ausreiche, um den Einsatz einer so starken Medizin mit erheblichen Nebenwirkungen zu rechtfertigen, werde sich zeigen. Er wisse nicht, was die EZB tun solle, wenn QE nicht wirke.

In einem Beitrag für die Wirtschaftswoche machte EZB-Chef Mario Draghi erneut deutlich, dass er flankierend auf politische Reformen setzt. Die Mitglieder des Währungsraums sollten in einer „echten Wirtschaftsunion“ Beschlüsse fassen und über einheitliche Institutionen umsetzen. Doch als Chef der Europäischen Zentralbank hat Draghi gar keinen Einfluss auf die Reformpolitik der EU-Mitgliedstaaten. Außerdem gehen die Aussagen Draghis über das Mandat der Preisstabilität hinaus. Die Möglichkeiten der auf Preisstabilität ausgerichteten EZB seien begrenzt, schrieb Draghi. Mit ihrer Geldpolitik könne sie nicht auf Schocks reagieren, die nur ein Land oder eine Region beträfen. Deshalb will Draghi in die Wirtschaftspolitik der Länder eingreifen.

EZB-Direktoriumsmitglied Yves Mersch sprach sich für eine stärkere Vereinheitlichung der Finanzmärkte im Rahmen einer europäischen Kapitalmarktunion aus. „Es gilt, auch politisch schwierige Bereiche anzugehen“, sagte er laut Redetext am Sonntag in Osnabrück. Dazu zählten die Offenlegungspflichten von Unternehmen, die Finanzaufsicht, das Insolvenzrecht und eine Angleichung der Kapitalertragssteuerregeln. Die EU-Kommission will in den kommenden fünf Jahren einen grenzüberschreitenden europäischen Kapitalmarkt schaffen. EU-Finanzmarktkommissar Jonathan Hill will dazu im Februar einen Vorschlag machen.

In Deutschland stößt das QE-Programm vor allem bei der CSU auf Kritik. Ihr Finanzexperte Hans Michelbach forderte die Bundesbank zum Boykott auf: „Einen Kauf von Staatsanleihen durch die Bundesbank darf es nicht geben.“ Bayerns Finanzminister Markus Söder reklamierte mehr Stimmrechte für die Bundesbank im EZB-Rat. „Wir haften mit fast 30 Prozent. Entsprechend muss auch unser Stimmanteil gestärkt werden.“

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  1. Leopold sagt:

    Draghi ist ein Finanzmann. Und wenn dann hilft er nur den Finanzmärkten!Und für die Weinerei Deutschlands ist es zu spät. Deutschland hat sich schon lange in die Ecke drängen lassen. Markante Worte sollten nur davon ablenken.