Roboter wechseln aus der Fabrik an den Schreibtisch

Die Robotik erhält Einzug in den Dienstleistungssektor. Bereits jetzt gefährdet der technologische Wandel nicht nur Industrie-Jobs: Arbeitsplätze von Buchhaltern, Bankangestellten, Rechtsanwaltsgehilfen und Steuerfachkräften werden sich verändern oder wegfallen. Intelligente Software kann Prozesse aus allen Branchen automatisieren und auslagern. Der Wandel kann aber auch Jobs hervorbringen, die anspruchsvoller, kreativer und besser bezahlt werden.

Der Wandel des tertiären Sektors hat begonnen. Aufgrund der voranschreitenden Automatisierung und der rasanten Entwicklung immer intelligenter werdender Maschinen erhalten Roboter in den kommenden Jahren verstärkt Einzug in Dienstleistungsbereiche. Zahlreiche Jobs werden wegfallen, die strukturelle Arbeitslosigkeit könnte so stark und so plötzlich steigen wie zu Zeiten der Automatisierung in der Industrie.

Ein neuer Service-Computer von IPSoft mit dem Namen Amelia hilft Ölfirmen wie Shell und Baker Hughes dabei, neue Mitarbeiter einzuarbeiten und Aufträge zu erteilen. Ärzte arbeiten in Pilotprojekten mit Watson zusammen, einem Supercomputer von IBM. Watson assistiert den Ärzten bei der Diagnose der Patienten und schlägt selbstständig einen Behandlungsplan vor. Auch Anwaltskanzleien nutzten intelligente Software, um Gesetzestexte nach Anhaltspunkten für die Entlastung der Klienten zu durchsuchen – das sei vorher die Hauptaufgabe von Rechtsanwaltsgehilfen gewesen, berichtet die britische Tageszeitung The Guardian.

Dieser Strukturwandel der Dienstleister bedeutet nicht, dass es weniger Arbeit geben wird. Technologischer Fortschritt hat aus historischer Perspektive stets genauso viele neue Arbeitsplätze geschaffen, wie er alte zerstört hat. Waren und Dienstleistungen werden billiger, der Wohlstand soll entsprechend steigen. Martin Ford, Autor des bald erscheinenden Buches „The Rise oft he Robots“, sieht das etwas skeptischer. Für ihn ist es offensichtlich, dass die Arbeitskraft der Menschen im Vergleich zu der von Maschinen immer weniger wert sein wird. Ford bezieht sich auf eine Studie des Pew Centres, die besagt, dass der technologische Wandel bis 2025 mehr Stellen vernichten als erschaffen werde.

Denn die Roboter bedrohen nicht länger nur die Jobs von Fabrikarbeitern. Der Wandel betrifft Ford zufolge „jeden Menschen, der an einem Schreibtisch vor einem Computer sitzt und Informationen jeglicher Art bearbeitet“, das treffe ganz besonders dann zu, wenn die Arbeit auf Routine und Skripten basiere.

Besonders deutlich bzw. erschreckend ist dieses Szenario mithilfe einer Software des New Yorker Start-ups Work Fusion vorstellbar. Die Software kann Arbeitsprozesse jeglicher Art analysieren und in kleinste Prozesse aufsplitten. Diese werden so weit wie möglich automatisiert. Für den Rest der Arbeit werden Freelancer eingestellt, die Aufgaben erledigen, für die man tatsächlich nachdenken muss. Das Besondere dabei: Die Software lernt von den Freelancern. Mit der Zeit trainierten die Selbstständigen das Programm dazu, immer mehr Prozesse auslagern zu können und immer mehr Freelancer zu ersetzen, so Ford.

Für Freelancer entstehen aber auch neue Möglichkeiten, Geschäftsmodelle zu entwickeln, die auf dem Prinzip der Wirtschaft auf Abruf (Economy on Demand) basieren. Denn das Ziel des Automatisierungsprozesses ist nicht, Arbeitsplätze abzuschaffen, sondern die Arbeiter von Routineprozessen zu befreien, damit sie neuen, kreativeren Arbeiten nachgehen können.

Ford argumentiert, dass künftig nicht mehr massenhaft Jobs über Nacht überflüssig würden und eine große Welle der strukturellen Arbeitslosigkeit ausgelöst werde. Die Jobs würden eher in Zeiten der wirtschaftlichen Rezession wegfallen. In Zeiten des Aufschwungs fänden Unternehmen dann Möglichkeiten, Menschen durch Maschinen zu ersetzen. Dieser Prozess würde mehrere Jahre anhalten.

Eine weitere technikskeptische Perspektive liefern Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee in ihrem Buch „The Second Machine Age“. Sie sagen, dass es kein politisch oder wirtschaftlich gültiges Gesetz gebe, dass besage, dass technologischer Fortschritt Arbeitsplätze schaffen und Wohlstand herbeiführen müsse. Aus dieser Hypothese leiten sie ab, dass der technologische Wandel mit einem politischen, wenn nötig radikalen Wandel der Regulierung einhergehen müsse. Die Aufgabe des Staates sei es, Unternehmern die Möglichkeiten zu geben, neue Technologien auf den Markt zu bringen und Industrien zu verändern. Gleichzeitig warnen Wissenschaftler wie Stephen Hawking vor den großen Unbekannten der künstlichen Intelligenz, sie fordern Unternehmer auf, sich selbst moralische Leitlinien zu geben.

„Computer können bereits jetzt besser Schach spielen, bessere Rechtsarbeit leisten und medizinische Diagnosen stellen“, so Brynjolfsson. „Dieser Prozess wird sich beschleunigen.“ Dabei handele es sich um einen Prozess, der bereits seit den 70er Jahren laufe. Die Auswirkungen seien nur erst jetzt sichtbar.

Einer Studie der Universität Oxford zufolge sind allein in Großbritannien in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren 35 Prozent aller Jobs gefährdet.

Das ist ein Umstand, der bereits in dem rasant wachsenden Niedriglohnsektor in ganz Europa abzulesen ist. Aktuellstes Beispiel ist die Deutsche Post, die sich durch eine neue Struktur im Versand – ähnlich wie Amazon – ihren eigenen Niedriglohnsektor schafft.

Bürojobs, Tätigkeiten in der Verwaltung, im Vertrieb, bei Dienstleistern jeglicher Art, im Transportwesen und am Bau sowie im Handwerk sind gleichermaßen gefährdet. Jobs in der Buchhaltung, in der Bank, Jobs von Steuerexperten, Verkäufern und sogar Kellnern sind betroffen.

Arbeitsplätze, die am wenigsten gefährdet sind, sind die von Hotel-Managern, Ärzten, Lehrern, Krankenschwestern, Architekten, Anwälten, Beratern im Management, IT-Fachkräften, Erziehern, Künstlern und Journalisten. Roboter können zwar bereits Finanz- und Sportnachrichten automatisch schreiben, doch der Beruf wird deshalb aufgrund seiner hohen Anforderungen nicht wegfallen. Deutschland braucht zudem zahlreiche neue Pflegekräfte. Doch die Interaktion von Robotern und pflegebedürftigen Menschen ist noch undenkbar.

Die Robotik kommt nicht um ein grundlegendes Problem herum: das gezielte Greifen und Ausführen von präzisen Handbewegungen. „Während ein Mensch problemlos in eine Dose voller unterschiedlicher Einzelteile fassen und das richtige herausholen kann, ist dieser einfache Prozess für einen Roboter noch unmöglich“, erläutert Rodney Brooks, Gründer von Rethink Robotics, die mit ihrem Roboter Baxter neues Terrain erkundet haben.

Vor der Schaffung neuer Stellen steht jedoch immer zunächst die Vernichtung von Arbeitsplätzen. Erst nach dieser (kreativen) Zerstörung können dann neue interessantere, kognitiv anspruchsvollere und besser bezahlte Jobs entstehen.

Kommentare

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  1. so-ist-es sagt:

    Tja,
    da können sich diese Herrschaften ihre Produkte nur noch selbst kaufen
    oder an ihre Roborter veräußern. Mal sehn, wie lang das geht.
    Gier frisst Hirn!

  2. Dumm Erchen sagt:

    Ist ja alles ganz toll.
    Ich allerdings halte intelligent Politiker für existenziell wichtig.
    Schickt endlich Intelligente in die Parlamente.

  3. jule sagt:

    Denn die kreative Zerstörung kommt der Entstehung neuer, interessanterer, kognitiv anspruchsvollerer und besser bezahlter Jobs zuvor.

    ABER NUR FÜR EINE Minderheit! Die Masse wird dadurch in Low Budget jobs abgedrängt. Überflüssige — daher ist der demographische Wandel Deutschlands Stärke und Vorteil gegen Massenarbeitslosigkeit! Eine Verheißung nach 40 Jahren von derselben! Weniger Junge brauchen weniger Jobs.

    die 20:80 Gesellschaft droht – ein gr. Rest bekommt Tittytainment, nur noch 20% reichen für die Produktion aller DL und Waren aus

    wo ein Programmiererjob neu entsteht, entfallen 10 000 in der Produktion — und die wenigen müssen eben besser ausgebildet sein.

    DE ist mit niedrigen Geburtenrate auf gutem Weg, daher weniger Jugendarbeitslose nachher, vorausgesetzt, die sind gut aus- und vorgebildet.