Franken-Schock führt zu mehr Zukäufen durch Schweizer Firmen im Ausland

Schweizer Firmen sind nach der Aufwertung des Franken zu zahlungskräftigen Käufern geworden. Übernahmen im europäischen Ausland nehmen zu, sagen Investmentbanker. Der schwache Euro macht auf Unternehmen aus Deutschland zu attraktiven Übernahme-Objekten.

Die plötzliche massive Aufwertung des Franken schafft in der Schweiz auch Gewinner. Während Exportunternehmen unter dem jüngsten radikalen Kurswechsel der Notenbank Verluste einfahren, sind die Kassen der kaufhungrigen Firmen auf einen Schlag kräftig angeschwollen. Investmentbanker rechnen deshalb mit mehr Zukäufen von Schweizer Unternehmen im Ausland, insbesondere in den USA. Nicht nur die Firmen könnten auf Schnäppchenjagd gehen, auch die Banken wittern gute Geschäfte. Denn kommen die Deals zustande, fließen Millionen an Beratungshonoraren in ihre Kassen.

Die Schweizerische Zentralbank (SNB) gab die Anbindung des Frankens an den Euro völlig überraschend auf, die Währung gewann innerhalb kürzester Zeit ein Fünftel an Wert. Auch viele Berater für Firmenübernahmen in Zürich erwischte die SNB auf dem völlig falschen Fuß. „Als die Entscheidung gefallen war, haben bei uns alle erst mal den Stift beiseitegelegt“, sagt ein Investmentbanker. „Dann haben wir die Taschenrechner gezückt und die Folgen für die laufenden Transaktionen durchgerechnet.“

Unterm Strich bleiben Verlierer und Gewinner übrig: Der starke Franken schreckt zwar zum einen ausländische Käufer von Firmen in der Schweiz ab, weil der Kaufpreis in Dollar oder Euro von jetzt auf gleich massiv gestiegen ist. „Der eine oder andere kleinere Deal, bei denen das Währungsrisiko nicht abgesichert ist, wird überprüft“, erklärte Rolf Bachmann, Schweiz-Chef der Investmentbank Lazard. Aber er hat noch von keiner Transaktion gehört, die gestoppt wurde.

Entscheidender ist aber, was die Aufwertung des Franken für kaufwillige Schweizer Unternehmen bedeutet. Denn die Firmen des kleinen Landes gehören traditionell zu den Jägern und nicht zu den Gejagten. Viele eidgenössische Unternehmen sitzen auf hohen Geldbeständen und viele wollen es auch ausgeben. Im vergangenen Jahr zählte die Beratungsfirma KPMG immerhin 201 Fälle, in denen Schweizer Unternehmen im Ausland zukauften und lediglich 86, die zum Ziel ausländischer Firmen oder Investoren wurden. Zu den größten Transaktionen gehörte die Übernahme des französischen Zementkonzerns Lafarge durch Holcim und der Kauf der amerikanischen InterMune durch Roche.

Nun sind die Vorzeichen noch günstiger, denn Zukäufe im Ausland sind nach dem Kurswechsel der SNB im Januar deutlich billiger zu haben. „Schweizer Unternehmen haben jetzt mehr Schlagkraft“, erklärt Bachmann. Ob und wann sie tatsächlich zukaufen, hänge allerdings nicht zuletzt von der konjunkturellen Entwicklung insbesondere im restlichen Europa ab. Ein anderer Banker geht entsprechend davon aus, dass Schweizer Firmen vor allem US-Ziele ins Visier nehmen dürften. Denn wer sich dieser Tage ein amerikanisches Unternehmen einverleibt, kann darauf hoffen, vom Wirtschaftsaufschwung jenseits des Atlantiks zu profitieren.

Aber nicht nur aussichtsreiche ökonomische Perspektiven dürften Schweizer Unternehmen nun vermehrt ins Ausland locken. Nach der scharfen Verteuerung der heimischen Währung können Firmen bares Geld sparen, wenn sie einen Teil ihrer Kosten in andere Währungsräume verschieben. „Gerade für Exportunternehmen macht es strategisch Sinn, geografisch zu diversifizieren“, fasst ein Investmentbanker zusammen. „Wir gehen davon aus, dass wir durch den SNB-Entscheid deshalb mindestens gleich viel oder mehr Fusionen oder Übernahmen sehen werden.“

Trotzdem haben die Investmentbanken nicht nur Grund zum Jubeln. Denn um eine zu starke Frankenaufwertung abzufedern, hat die Notenbank zugleich Negativ-Zinsen eingeführt. Die Folge: Bei vielen Anleihen von Unternehmen mit einer guten Bonität ist die Rendite auf null oder sogar ins Minus gerutscht. Das heißt, Anleger verdienen mit diesen Anleihen nichts mehr, sondern machen sogar ein Verlustgeschäft. Das bringt die Pensionskassen des Landes, die oft ein Fünftel ihrer Gelder in Franken-Anleihen angelegt haben, in Bedrängnis.

„Mit Franken-Obligationen und mit Anleihen von Staatsschuldnern im OECD-Raum kann man wahrscheinlich in den kommenden Jahren nur noch Geld verlieren“, sagt Pensionskassen- und Anlage-Berater Graziano Lusenti. Entsprechend rät er seinen Kunden, den Anteil solcher Papiere drastisch zu reduzieren. Das trifft auch die Banken, die mit der Platzierung von Anleihen üblicherweise viel Geld verdienen. „Es ist schwierig, Bonds zu verkaufen, wenn ein Investor drauflegen muss“, erzählt ein Investmentbanker. „Das schmerzt.“

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