Ökonomen: Risiko für Grexit beträgt 50 Prozent

Das Risiko für einen Austritt Griechenlands ist Experten zufolge auf 50 Prozent gestiegen. Das Szenario eines Austritts wird konkreter: Im März hat Griechenland kein Geld mehr. Die EZB stoppt die Notkredite, dann kommt der Bank Run. Die harte Linie von Finanzminister Varoufakis bei den Verhandlungen mit der Troika zeigt, dass Griechenland keine Angst mehr vor dem Ende des Euro hat.

Wenn Griechenland sich nicht mit seinen europäischen Partnern einigen kann, droht die Pleite. Die Chancen für einen Austritt stehen derzeit genauso hoch wie die eines Verbleibs in der Euro-Zone. Im März können die Griechen die Milliarden-Kredite nicht mehr bedienen. Spätestens dann müsste auch die Europäische Zentralbank (EZB) reagieren und den Hellas-Geldhäusern Notfallhilfen ihrer Notenbank in Athen entziehen.

Dreh- und Angelpunkt ist die Verlängerung der Ende Februar auslaufenden Rettungshilfen, mit denen die EU-Staaten das Pleiteland seit Jahren über Wasser halten. In einem Brief hat der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis eine Verlängerung beantragt. Vor allem Schäuble vermisst darin jedoch ein Bekenntnis zu Reformen und sieht keinen substanziellen Lösungsvorschlag. Sollte Deutschland in der Euro-Gruppe gegen eine Verlängerung stimmen, stünde Griechenland ohne neue Kredithilfen da.

„Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass es dazu kommt“, meint der Finanzexperte Wolfgang Gerke. Er ist mit seiner Skepsis nicht allein: Experten beziffern das Risiko eines chaotischen Euro-Austritts mittlerweile auf 50 Prozent. Der Chef des Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, hält es sogar für möglich, dass Varoufakis einen Euro-Austritt aktiv betreibt: „Er ist ein guter Ökonom und Spieltheoretiker. Ich vermute, er pokert so hoch, weil er die Arbeitslosigkeit entweder mit ganz viel Geld überkleistern oder aus dem Euro raus will“, sagte Sinn dem Nachrichtensender n-tv.

Das Land ist von seinen ausländischen Gläubigern abhängig. Berechnungen der Commerzbank zufolge werden rund zwei Drittel der Staatsschulden vom europäischen Rettungsschirm (142 Milliarden Euro), den Euro-Ländern (53 Milliarden) und dem Internationalen Währungsfonds (IWF, 34 Milliarden) gehalten. Mit Bürgschaften über gut 53 Milliarden Euro ist Deutschland größter Gläubiger.

Scheitern die Verhandlungen mit den Euro-Partnern, dürfte der EZB nichts anderes übrig bleiben, als die Gewährung der Notfall-Kredite an das Bankensystem einzustellen. Denn ELA-Hilfen dürfen nur an solvente Geldhäuser vergeben werden. Griechenland wäre aber ohne neue Kredite bald zahlungsunfähig. Banken bekämen das unmittelbar zu spüren, da sie in größerem Umfang griechische Anleihen halten. „In der Bilanz der Banken müssten die Titel dann aber entsprechend wertberichtigt werden. Und das wiederum hätte die Konsequenz, dass die griechischen Banken dann vermutlich de facto insolvent sind“, sagt Volkswirt Adalbert Winkler von der Frankfurt School of Finance and Management. Mit dem Stopp der Notfallhilfen würde das Finanzsystem austrocknen, da sich Hellas-Banken bereits jetzt nur noch über solche Notfallkredite ihrer Notenbank frisches Geld beschaffen können.

Bank-Kunden würden durch die Ereignisse spätestens jetzt aufgeschreckt – ein Ansturm auf die Institute und ihre Geldautomaten würde einsetzen. Dieser „Bank-Run“ würde zu einem vollständigen Kollaps des Finanzsystems führen. „Griechenland müsste dann Kapitalverkehrskontrollen sowohl nach außen als auch nach innen hin einführen“, schätzt Winkler. Das beträfe die Überweisung von Guthaben ins Ausland, aber auch den Zugang zu Konten im Inland. Möglich ist nach Einschätzung von Experten auch, dass die Regierung die Banken erst einmal für mehrere Tage schließt, um einen Neustart des Finanzsystems vorzubereiten. Das könnte mit einer neuen Währung geschehen – obwohl rechtlich gesehen der Euro dann immer noch Zahlungsmittel wäre.

Dieses könnte wie einst vor den Zeiten des Euro „Drachme“ oder auch „Neue Drachme“ heißen. Dann würde die Zentralbank in Athen Herr des Verfahrens sein: Sie könnten mit den neuen Scheinen die Finanzinstitute mit frischem Geld versorgen. Auch der Staat würde so mit der Notenpresse über Wasser gehalten – doch mit fatalen Folgen, warnt Commerzbank-Ökonom Christoph Weil: „All dies würde wahrscheinlich das ohnehin schon geringe Vertrauen in die neue Währung unterminieren, so dass die neue Drachme gegenüber dem Euro massiv abwerten würde.“ Manche Experten halten 50 Prozent und mehr für möglich.

Blieben die Schulden unangetastet in Euro bestehen, könnte die Staatsverschuldung Griechenlands bei einer deutlichen Abwertung der neuen Drachme bis auf 230 Prozent des Bruttoinlandsproduktes explodieren, wie die Commerzbank berechnet hat. „Darum wird die griechische Regierung alles daran setzen, diese Schuldenlast zu verringern“, meint Weil.

Analysten der DZ-Bank haben ein eigenes Austritts-Szenario entwickelt:

„Der Euro wäre zwar noch offizielle Währung, er dürfte im Innenverhältnis aber nur noch (und vielleicht auch nur vorübergehend) als Bargeld-Instrument zum Einsatz kommen, bis Drachme-Scheine gedruckt werden könnten. Der Staat würde seine Euro-Verbindlichkeiten ebenfalls auf Drachme umstellen, was einer einseitigen Abänderung von Kredit- und Anleihebedingungen gleichkäme und einen Default auslösen würde.

Der offizielle EWU-Austritt dürfte einige Zeit auf sich warten lassen, bis ein rechtlicher Weg gefunden wäre, wie Griechenland trotz Grexit in der EU bleiben könnte. Griechenland würde vor allem auf die mit der EU-Mitgliedschaft verbundenen Vorteile, insbesondere als Netto-Zahlungsempfänger, nicht verzichten wollen. Die wirtschaftlichen Folgen des Grexits dürften jedoch auch bei einer weiteren EU-Mitgliedschaft drastisch sein. Eine ausgeprägte Rezession, ein herber Verlust von Vermögenswerten und eventuell sogar ein humanitärer Notstand sind denkbar. Langfristig könnte Griechenland aber von niedrigeren Lohnstückkosten der Industrie und einem Aufschwung im Tourismus profitieren.“

Griechenland brechen auf der einen Seite in der Krise die Steuereinnahmen weg, auf der anderen stehen Zins- und Tilgungszahlungen an Gläubiger an. Einen IWF-Kredit über 1,5 Milliarden Euro kann Griechenland im März vermutlich noch bezahlen. Danach ist das Geld weg.

Kommentare

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  1. Peter G. sagt:

    Was – leider – von den Medien überhaupt nicht thematisiert wird: Griechenland hat seit Dezember 2014 im Rahmen des ELA-Notprogramms, jedoch gegen dessen Regeln, bis dato 68,3 Milliarden Euro auflagenfrei erhalten. Von diesen Geldern, die an sich nur voübergehend illiquiden, aber noch solventen Banken zukommen sollten, sind bis vor einer Woche ca. 20 Milliarden von griechischen Bankkunden abgehoben worden. Davon sollen 6 Milliarden ins Ausland geschafft worden sein.
    Wo sind die restlichen fast 50 Milliarden geblieben?
    Warum machte die EZB nicht Kapitalverkehrskontrollen zur Bedingung?
    Es drängt sich der Eindruck eines abgekarteten Spiels zwischen Draghi und Tsipras/Varouflakis auf. Die EZB scheint sich jeder politischen Kontrolle entzogen zu haben.

  2. Neue Unternehmer braucht das Land! sagt:

    Die EU oder sagen wirs doch konkret die Milliardäre der Welt können sich
    einen Austritt Griechenlands nicht leisten. Warum?
    Sollte Greiechenland der EU den Rücken kehren, würde es auch der Nato
    den Rücken kehren, was dann Verhandlungen zwischen Rußland und Griechenland
    nach sich ziehen würde, mit dem Ergebniss das Russland seine Stützpunkte
    direkt vor der Haustüre der EU sprich der Milliardäre hätte. Wer hat hier die
    Hosen voll?
    Griechenland hat noch nicht mal angefangen zu Pokern. Mit Rußland im Rücken,
    dem Öl im Meer ist für Griechenland einiges auf dem Weltmarkt möglich.
    Griechenland sollte so hoch Pokern wie möglich. Denn was sollten sie noch verlieren?

    • maria sagt:

      Unternehmer haben keine Chance in diesem Land. Die morgige Reformliste wird, da bin ich mir sicher abgelehnt und es kommt in den Folgemonaten zum ersten Euroaustritt. Das ist aber denke ich kein Weltuntergang. Projekte können halt teilweise auch scheitern. Desweiteren denke ich die Syrza möchte einen Austritt aus dem Euro. Die möchten auch aus der NATO raus!!!

  3. wolfgang sagt:

    Die Verhandlungen zeigen nicht, dass Griechenland keine Angst vor einem Ausstieg aus dem Euro hat. Vielmehr zeigen die Verhandlungen, dass Griechenland unbedingt einen Schuldenschnitt will. Das geht auch im Euro. Im Notfall wäre es das folgende Szenario:

    Griechenland zahlt keine Zinsen und keine Tilgung und rettet auch seine Banken nicht.
    Die restlichen Einnahmen reichen zur Deckung der Ausgaben.

  4. Delta120 sagt:

    Wenn man als einzige Linke Regierung nur Neoliberalen gegenüber sitzt, dann geht man mit Grexit und Staatsinsolvenz in die Verhandlung. Da weiß man, dass die Neoliberalen wahrscheinlich nach einem Grexit ein: Ceterum censeo Athena esse delendam und hoffen, dass dann hoffentlich der Linke Spuk vorbei ist (Wiederholungsgefahr Spanien) und man nimmt als Neoliberaler die Große Wahrscheinlichkeit des überlaufenes Griechenlands zu Russland billigend in Kauf.

  5. Friedel sagt:

    Am besten wäre, alle Länder die für die weitere Alimentierung der Griechen sind, bezahlen auch dafür.

  6. Hans von Atzigen sagt:

    Bestechende Vermutung von Herrn H.W. Sinn.
    Die ganze Übung erfordert etwas Zeit und Vorbereitung.
    1.Staatsbankrot.
    2.Wiedereinfuhrung der Drachme.
    3.Staatliche Devisenbewirtschaftung im Auslandsgeschäft.
    Konsequenz:
    Griechenland ist aus dem EURO.
    UND aus der EU.
    Neue Geschäftspartner für die Griechen?
    Die stehen Gewehr bei Fuss.
    China, Russland, denkbar sind noch Andere.
    Was bleibt danach der EU?
    Die Kröte schlucken oder mit einer EU Armee einmarschieren.
    Das Ding wird spannend sehr spannend.