Neues Gaskraftwerk von E.ON & Co steht vor dem Aus

Das modernste Gaskraftwerk in Europa ist von der Stilllegung bedroht. Betreiber E.ON stellt den Betrieb infrage. Die Energiewende macht Gaskraftwerke im Vergleich zu erneuerbaren Energien und sogar Kohle unrentabel. Der Vorfall könnte Bayern dazu bringen, beim Streit über neue Stromtrassen nachzugeben.

Das erst vor wenigen Jahren für über eine Milliarde Euro hochgezogene Gaskraftwerk im bayerischen Irsching steht wegen der fehlenden Wirtschaftlichkeit vor dem Aus. „Wir diskutieren derzeit intensiv eine Stilllegung“, erklärte am Freitag der Darmstädter Versorger HSE, der an einem Block beteiligt ist. Entschieden werde bis Ende März. Auch der Energieriese E.ON, der die Blöcke alleine und mit Partnern betreibt, stellt den Betrieb infrage. Die Bundesnetzagentur wird laut Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel eine Stilllegung untersagen, wenn die Anlage unverzichtbar ist. Daher prüfe die Regulierungsbehörde nun, ob die Blöcke vier und fünf für die Netzstabilität von Bedeutung seien. Sollte sie einen Weiterbetrieb anordnen, werde dieser auch vergütet. Ein Antrag auf Stilllegung eines Kraftwerks muss ein Jahr im Voraus gestellt werden.

Die beiden Blöcke in der Nähe von Ingolstadt mit einer Leistung von 1.400 Megawatt sind zum Symbol für Fehlentwicklungen in der Zeit der Energiewende geworden. Eigentlich sollten moderne Gaskraftwerke ein Stütze des Systems werden, da sie weniger klimaschädliches Kohlendioxid ausstoßen als Kohlekraftwerke. Der Betrieb der Gaskraftwerke lohnt sich aber kaum noch, da wegen des Ausbaus des Ökostroms und der Überkapazitäten die Strom-Großhandelspreise auf den tiefsten Stand seit Jahren gefallen sind. Da Gas als Brennstoff teurer ist als Kohle, fahren viele Versorger ihre Anlagen zurück, während Kohlekraftwerke gut ausgelastet sind.

Die Blöcke 4 und 5 in Irsching laufen noch bis Ende März 2016 mit einer Sonderregelung, durch die ihr Betrieb von den Stromkunden subventioniert wird. Danach bekommen die Eigentümer je Block pro Jahr insgesamt einen zweistelligen Millionenbetrag. „Wir wollen die Anlage gerne wirtschaftlich weiterbetreiben“, erklärte die Darmstädter HSE. Gesellschafter von Block 5 sind neben E.ON und HSE die Frankfurter Mainova und die Nürnberger N-Ergie. Der Nürnberger Versorger hat mit Irsching nach eigenen Angaben bereits mehr als 40 Millionen Euro Verlust eingefahren. „Das Gaskraftwerk Irsching war im Jahr 2014 ausschließlich auf Anweisung des Netzbetreibers in Betrieb, um die Stromversorgung in Süddeutschland zu stabilisieren. Ein Einsatz daneben im Markt lohnte sich nicht und kam auch nicht zustande“, erläuterte eine Sprecherin.

Mit ihrer Ankündigung dürften die Irsching-Betreiber nun den Druck auf die Politik erhöhen wollen. Dass sie die Anlage für immer und ewig abschalten wollen, ist angesichts ihres geringen Alters und der hohen Investitionskosten zweifelhaft. Sie könnten aber auch einer vorübergehende Stilllegung beantragen. Bundesweit machen sich viele Versorger für einen so genannten Kapazitätsmarkt stark, wonach die Stromkunden die Bereitstellung von Energie rund um die Uhr aus konventionellen Kraftwerken bezuschussen würden. Auch dies könnte Irsching helfen. Die Bundesregierung zeigt dafür aber bislang wenig Gegenliebe.

Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer forderte Bundeswirtschaftsminister Gabriel zum Handeln auf. „Es ist geradezu ein Treppenwitz, dass wegen der noch nicht getroffenen Entscheidungen, unter welchen Bedingungen konventionelle Kraftwerke weiterbetrieben werden sollen, jetzt das modernste Gaskraftwerk Europas stillgelegt werden soll, damit alte Kohlekraftwerke weiterlaufen können“ sagte er dem ARD-Hauptstadtstudio. „Das ist ein Treppenwitz.“ Er fordere Gabriel auf, so schnell wie möglich Klarheit zu schaffen, wie es mit den konventionellen Kraftwerken in Deutschland weitergeht.

Gabriel und Seehofer streiten bereits seit längerem über den Netzausbau. Bayern sperrt sich gegen den Bau großer Stromtrassen, die den Windstrom aus Norddeutschland nach Süddeutschland bringen soll. Es sei klar, dass Bayern dringend die Netze brauche, sagte Gabriel am Freitag. „Es ist ja etwas merkwürdig, öffentlich mehr Gaskraftwerke in Bayern zu fördern, wenn wir gerade merken, dass ein hochmodernes Gaskraftwerk nicht wirtschaftlich läuft.“

 

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar. Wie lautet Ihrer?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

  1. Rudolf Steinmetz sagt:

    Erpressung – vermutlich in Absprache; Seehofer bei Pelzig: „Die gewählt sind, haben nichts zu entscheiden, und die zu entscheiden haben, sind nicht gewählt.“