Industrie-Unternehmer müssen Datenverarbeitung lernen

Die Digitalisierung der Industrie generiert Unmengen von Daten aus Maschinen. Das Verständnis und die Verarbeitung dieser Daten sind der Schlüssel zur erfolgreichen Vernetzung. Maschinen kommunizieren künftig nicht nur innerhalb eines Unternehmens, sondern auch mit Maschinen von Partnerbetrieben. So wird die Produktion optimiert.

Die zunehmende Digitalisierung und Vernetzung der Wirtschaft ist nach Ansicht des Chefs des Konzerns Voith GmbH, Hubert Lienhard, eine Riesenchance für die deutsche Industrie. „Unser Vorteil in Deutschland ist das sogenannte Domänen-Wissen – wir kennen unsere Maschinen, wie wir bei Voith etwa die Krafteinheiten in Wasserkraftwerken oder Papiermaschinen“, sagte Lienhard am Montag in einem Reuters-Interview. Deshalb seien die Unternehmen in einer sehr guten Position, die Daten bei der zunehmenden Vernetzung, die auch unter dem Stichwort Industrie 4.0 läuft, selbst zu nutzen. „Wenn es uns gelingt, Daten aus unseren Anlagen und Maschinen richtig zu verarbeiten, dann ist das unser Einstieg“, sagte er mit Blick auf die amerikanischen IT-Konzerne, die auf die Verarbeitung von Big Data, also der Analyse großer anfallender Datenmengen spezialisiert sind.

Mit Industrie 4.0 ist die Vernetzung und Digitalisierung auch der industriellen Produktion gemeint. Dabei werden Maschinen und Bauteile mit Sensoren und Sendern ausgestattet, um direkt mit anderen Maschinen kommunizieren zu können. Wie bei der Auswertung von Personendaten wird hier ein milliardenschweres neues Geschäftsfeld erwartet. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel hatten gewarnt, die deutsche Industrie könne den weltweiten Anschluss verlieren und den US-IT-Konzernen das Geschäft überlassen, wenn sie nicht eigene Standards für die Nutzung der Daten entwickelt.

Lienhard, der auch Vorsitzender des Asien-Pazifik-Auschusses der deutschen Wirtschaft (APA) ist, forderte, dass sich Deutschland und Europa bei dem Thema koordinieren sollten. „Es ist im Moment zu früh, dass wir als deutsche Industrie große strategische Initiativen starten und etwa eine Abstimmung mit den japanischen Partnern anstreben“, sagte er am Rande des Besuchs von Bundeskanzlerin Merkel in Tokio. „Dazu sind wir noch nicht weit genug.“ Es gebe nun die vom Wirtschaftsministerium organisierte Plattform Industrie 4.0, die erst einmal auf die Beine kommen müsse.

Lienhard wies Vorwürfe zurück, dass die deutschen Unternehmen und Politik das Thema verschlafen hätten, weil es etwa in den USA bereits einen Zusammenschluss mehrerer Dutzend Firmen für die Entwicklung eines Standards gebe. Daran haben sich auch Firmen wie Siemens oder Bosch angeschlossen. „Aus meiner Sicht sind die Japaner beim Thema Industrie 4.0 auch nicht weiter als wir. Und auch die Amerikaner haben keinen signifikanten Vorsprung“, sagte der APA-Chef. „Jetzt ist einfach die Zeit reif, das Thema aufzugreifen.“ Es gebe nun die Möglichkeit, große Mengen an Daten zu verarbeiten, dazu komme ein billiger Datentransport.

Die schrittweise Entdeckung und Umsetzung des Themas zeige sich auch in der eigenen Firma. „Angefangen haben wir mit Sensoren und Vermittlungstechnologie, die wir in unsere Automatik-Getriebe für Stadtbusse eingebaut haben“, sagte der Voith-Chef. „Wir können damit bei jedem Getriebe auf der Welt feststellen, wie oft und wann es schaltet. Das erlaubt uns, unseren Kunden konkrete Maßnahmen vorzuschlagen, um Sprit zu sparen.“

Jetzt werde die Technik auf viele andere Voith-Produkte übertragen und etwa bei Papiermaschinen mehr Sensorik eingebaut. Genutzt werde die Vernetzung aber auch für die eigene Fertigung. „Einzelteile erhalten intelligente Chips, mit denen diese der Verarbeitungsmaschine signalisieren, was aus ihnen werden soll“, sagte Lienhard. Er räumte ein, dass dadurch die Abhängigkeit zwischen den Firmen durch die zunehmende Vernetzung wachse. Voith sei etwa bei Wasserkraftwerken Systemintegrator und würden dann entsprechende Daten auch von Zulieferern sammeln, die Komponenten liefern. Bei anderen Produkten müsste das Unternehmen dann Daten an andere abgeben. Voith ist vor kurzem beim Roboterbauer Kuka eingestiegen.

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