Kaum Rückzüge: Deutsche Unternehmen in der Ukraine harren aus

Nach Schätzungen des Osteuropavereins der deutschen Wirtschaft sind derzeit rund 2000 Unternehmen mit deutscher Beteiligung in der Ukraine tätig. Und diese könnten auch gut ein Jahr nach dem Ausbruch des bewaffneten Konflikts weitestgehend unbehelligt arbeiten - zumindest im Westen des Landes. Im umkämpften Osten geht es nicht mehr um Produktion. Hier gilt es, den Vandalismus in Grenzen zu halten.

Ein knappes Jahr nach Beginn des bewaffneten Konflikts in der Ukraine zeigt die deutsche Wirtschaft vor Ort Durchhaltevermögen. „Nur wenige Unternehmen aus Deutschland haben ihre Zelte abgebrochen“, sagte der Vorsitzende des Osteuropavereins der deutschen Wirtschaft, Marcus Felsner, in einem am Sonntag veröffentlichten Reuters-Interview. „Die Stimmung ist aber ausgesprochen angespannt.“ Nach Schätzungen des Verbandes sind bis zu 2000 Unternehmen mit deutscher Beteiligung in der Ukraine tätig, davon rund 600 als direkte Tochtergesellschaften deutscher Firmen wie etwa der Autozulieferer Leoni, der Handelsriese Metro und der Technologiekonzern Siemens.

Die meisten deutschen Firmen hätten ihre Produktionsstandorte im Westen der Ukraine und arbeiteten weitgehend unbeeinträchtigt von dem Konflikt zwischen Armee und prorussischen Separatisten im östlichen Landesteil, erklärte der Vorsitzende des nach eigenen Angaben mitgliederstärksten Verbandes im Ostgeschäft. Allerdings bekämen sie die Mobilmachung deutlich zu spüren, denn der Einzug vieler Ukrainer zum Wehrdienst habe die Abläufe teils stark durcheinandergebracht. „Ein kompletter Zusammenbruch der Produktion konnte aber meist verhindert werden.“

Produktion in der Ost-Ukraine zum Teil eingestellt

Unternehmen im umkämpften Osten oder auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim sind mit größeren Problemen konfrontiert. Fertigungsstandorte seien unzugänglich, die Produktion zum Teil eingestellt und die Bemühungen allein darauf gerichtet, den Vandalismus in Grenzen zu halten, beschrieb Felsner die Lage. So wurden Märkte der Metro in Donezk und auf der Krim geplündert oder vorübergehend geschlossen. Der Baustoffkonzern HeidelbergCement legte wegen der Gefechte vorübergehend ein Zementwerk nahe Donezk still. Auch deutsche Speditionen gehören zu den Leidtragenden, weil Teile der Ukraine nicht mehr angesteuert werden können.

Die in der Ukraine produzierenden deutschen Unternehmen beschäftigen laut Felsner im Schnitt 1100 Mitarbeiter. Deutschlands Direktinvestitionen beliefen sich 2014 nach offiziellen ukrainischen Angaben auf rund fünf Milliarden Euro.

Auch die Wirtschaftskrise der von der Staatspleite bedrohten Ukraine macht den deutschen Betrieben zu schaffen. Ein praktisches Problem sei angesichts des Verfalls der ukrainischen Währung die drastisch gesunkene Verfügbarkeit von Devisen, sagte Felsner. Dies führe dazu, dass die Deutschen zum Teil über Wochen ihre Frachten aus dem Ausland nicht bezahlen könnten.

„Unsichtbarer Rückzug“

Auch wenn nur wenige Unternehmen der Ukraine den Rücken gekehrt hätten, vollziehe sich in anderen Fällen ein unsichtbarer Rückzug, sagte Felsner. So kürzten einzelne Firmen derzeit ihre Budgets für Warenkredite der ukrainischen Töchter und nähmen sie so faktisch fast vollständig aus dem Markt. „Es wird deswegen kein Unternehmen von deutscher Seite geschlossen, aber es ist eine stille Rückführung des Geschäfts.“

Allerdings bietet die Ukraine Felsner zufolge auch in Zeiten der Krise noch äußerst lukrative Einstiegsmöglichkeiten für ausländische Investoren. Großes Potenzial bergen etwa die großen zusammenhängenden und noch nicht vollständig privatisierten landwirtschaftlichen Nutzflächen mit ihren fruchtbaren Schwarzerdeböden. Das Land verfügt mit 32 Millionen Hektar über doppelt so viel landwirtschaftlich nutzbare Fläche wie Deutschland. „Die Produktivität ist noch so gering, dass man dort mit westlicher Technik Unglaubliches erreichen könnte“, erklärte Felsner. Derzeit gilt ein Moratorium für den Verkauf solcher Flächen, allerdings besteht die Möglichkeit für eine langjährige Pacht, was bereits westliche Agrarholdings auf den Plan gerufen hat. Ungeachtet der Krise ist Felsner zufolge ein steigendes Interessen an den Agrarflächen zu beobachten. Kritiker verurteilen den Kontrolltransfer über das Land als „Landgrabbing“ profitorientierter Konzerne ohne Rücksicht auf die ukrainische Souveränität.

„Die Ukraine mit ihren etwa 45 Millionen Verbrauchern ist einer der letzten großen unerschlossenen Märkte in Europa“, sagte Felsner. „Außer warme Worte zu äußern müssen sich EU und Bundesregierung klar zum Reformprozess in der Ukraine bekennen, damit wieder eine Aufbruchstimmung entsteht.“

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