Schlechte Wechselkurse senken Gewinne britischer Exporteure

Britische Unternehmen leiden unter extrem ungünstigen Wechselkurs-Bedingungen. Der schwache Euro verteuert ihre Exporte nach Europa. Der steigende Wert des US-Dollars wiederum erhöht die Einkaufskosten von Rohstoffen. Noch profitiert die Wirtschaft von der niedrigen Inflation. Doch die Debatte um einen "Brexit" aus der EU löst neue Unsicherheiten aus.

Das britische Pfund steigt im Wert im Vergleich zum Euro und fällt im Vergleich zum US-Dollar. Das führt Unternehmen Großbritanniens in eine Zwickmühle. Das Programm zum Ankauf von Staatsanleihen der EZB hat das britische Pfund Sterling auf 1,42 Euro anwachsen lassen. Das ist der höchste Wert seit sieben Jahren. Gleichzeitig bereiten sich Investoren darauf vor, dass der US-Dollar weiter an Wert gewinnen wird.

Diese beiden Währungsentwicklungen könnten die Gewinne britischer Unternehmen drücken, berichtet die FT. Besonders betroffen sind die Firmen, die Rohmaterialien aus den USA importieren und ihre Produkte auf dem EU-Markt verkaufen. Die Einkaufskosten erhöhen sich aufgrund des starken Dollars dramatisch. Die Exporte in den Euro-Raum fallen aufgrund des starken britischen Pfundes entsprechend schwach aus. Die EU macht für britische Exporteure 40 Prozent des Absatzmarktes aus.

Diese Währungskonstellation ist für die britischen Exporteure am ungünstigsten. Der starke Dollar kann durch niedrige Energiekosten aufgrund des geringen Ölpreises kompensiert werden. Aber der schwache Euro bleibt eine große Herausforderung. Britische Exporteure senken ihre Preise im Euro-Raum. Doch das drückt die Gewinne in den Keller. Unternehmen in Großbritannien bleibt nichts anderes übrig, als die Produktion zu optimieren und Kosten zu sparen.

Das schwache Exportgeschäft nach Europa senkt auch die Konjunkturaussichten für Großbritannien. Die Wirtschaftsleistung werde 2015 wie im vorigen Jahr um 2,6 Prozent zulegen, sagte OECD-Generalsekretär Angel Gurria bei der Vorstellung der Prognose in London, doch Großbritannien dürfe sich darauf nicht ausruhen.

Obwohl Großbritannien 2014 andere große Industriestaaten wie die USA und auch Deutschland in den Schatten gestellt habe, seien Fortschritte nötig. Die Betriebe müssten durch höhere Produktivität Lohnzuwächse ermöglichen. Dies sei wichtig, um den Lebensstandard der Briten zu heben. Dies sei „eine zentrale Herausforderung der kommenden Jahre“, so die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Gurria sagte, die Infrastruktur müsse verbessert, finanziell gesunden Firmen der Zugang zu frischem Geld erleichtert und die Berufsausbildung gestärkt werden. Zugleich mahnte die OECD das Land, auch nach den im Mai anstehenden Parlamentswahlen den Kurs der Haushaltssanierung beizubehalten. Im Wahlkampf haben sowohl die regierenden Konservativen von Ministerpräsident David Cameron als auch die oppositionelle Labour-Partei angekündigt, die Ausgaben für Schulen und das Gesundheitswesen nicht anzutasten. Laut OECD könnte dies allerdings dazu führen, dass in anderen Bereichen zu kräftig gekürzt werden müsse.

Das Wachstum der britischen Wirtschaft kommt auch durch die niedrige Inflation zustande, die den Anstieg der Lebenshaltungskosten bremst und den Konsum anregt. Die Preise in Großbritannien steigen so langsam wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Zum Vorjahr legten sie im Januar laut Statistikamt ONS nur noch um 0,3 Prozent zu. Eine niedrigere Inflationsrate hat es seit Beginn der amtlichen Aufzeichnungen im Jahr 1989 noch nicht gegeben. Nach Schätzungen des ONS sind die Lebenshaltungskosten sogar seit 1960 nicht mehr so langsam gestiegen.

Diese Stärkung der Kaufkraft der Bürger dürfte der konservative Regierung von Premierminister David Cameron in die Hände spielen, die sich im Mai Wahlen stellen muss. Zugleich könnte die niedrige Inflation die für Anfang nächsten Jahres erwartete Zinswende in Großbritannien hinauszögern. Die Bank of England (BoE) hält den Schlüsselzins seit mehr als fünf Jahren auf dem historisch niedrigen Niveau von 0,5 Prozent.

Sie erwartet, dass es noch rund zwei Jahre dauern wird, bis ihr Ziel einer Inflationsrate von zwei Prozent annähernd erreicht ist. Die BoE will daher mit einer Zinserhöhung nichts überstürzen. Zugleich hält sich Notenbankchef Mark Carney sogar eine Hintertür für eine Zinssenkung offen, falls die Gefahr eines Preisverfalls auf breiter Front drohen sollte. Dieses derzeit für Großbritannien als eher unwahrscheinlich erachtete Szenario einer Deflation gilt als bedrohlich, da Verbraucher bei beständig sinkenden Preisen auf eine weitere Verbilligung spekulieren und Käufe aufschieben könnten. Damit würde eine Abwärtsspirale aus sinkenden Löhnen und stockenden Investitionen ausgelöst, die die Wirtschaft letztlich abwürgen könnte.

Die Widerstände gegenüber der EU sind in Großbritannien in den vergangenen Jahren so stark gewachsen, dass eine Debatte um den Austritt aus der EU nach einem Referendum immer mehr an Bedeutung gewinnt. Der ehemalige britische Premier Sir John Major schätzt die Wahrscheinlichkeit eines Austritts auf 50 Prozent, Tendenz steigend.

„Als eine sehr alte Demokratie können wir die öffentliche Meinung nicht ignorieren“, warnte der ehemalige britische Premier Sir John Major bei einer Veranstaltung der Konrad Adenauer Stiftung. Aus diesem Grund habe Cameron ein Referendum für 2017 in Aussicht gestellt, wenn er denn wiedergewählt werden würde. „Ich wünsche es mir nicht, aber die Chance, dass mein Land sich für unabhängig erklärt, schätze ich auf 50 Prozent.“ Großbritanniens „Frustration ist kein Spiel“. Es gebe ein reales Risiko einer Abspaltung, was die „Zukunft Großbritanniens beschädigen könnte und Europa im Ganzen“, sagte Major. Europa würde die „zweitgrößte und robusteste Volkswirtschaft“ verlieren und „den vielleicht am weitesten reichenden diplomatischen Arm und die größte militärische Kapazität der EU mit Nuklearkapazität.“

So sei für Großbritannien die immer stärker werdende Europäische Integration ein massives Problem und auch die Diskrepanz zwischen der Eurozone und den anderen Mitgliedsstaaten. Je stärker die Länder der Eurozone sich wirtschaftlich, sozial und juristisch annähern, umso wichtiger sei es, zu klären, welche Position die übrigen EU-Länder zukünftig haben werden, so der ehemalige Premier. Die Macht der EU-Institutionen und die große Uneinigkeit hinsichtlich der Einwanderungspolitik betonte er diesbezüglich. Wohingegen beispielsweise einige europäische Bevölkerungszahlen schrumpfen, wuchs die Bevölkerung in Großbritannien um sieben Prozent.

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