Mittelstand sucht Investoren für Industrie 4.0

Mittelständische Unternehmen suchen nach Finanzierungsmöglichkeiten für den Strukturwandel in der Industrie. Die Vernetzung einzelner Maschinen – auch Industrie 4.0 genannt – kostet Geld. Große Unternehmen sind da schon einen Schritt weiter.

Die Vernetzung von Maschinen ist das große Thema auf der Computermesse Cebit. Experten sind sich sicher, dass die unter dem Schlagwort Industrie 4.0 bekannte Technologie davor steht, seit Jahrzehnten eingespielte Produktionsprozesse in vielen Branchen auf den Kopf zu stellen. Viele Unternehmen arbeiten mit Hochdruck an der Umsetzung der Ideen in die harte Realität. Dabei haben die Großunternehmen mit ihren tiefen Taschen die Nase vorn. Jungunternehmer, die mit ihrem Erfindungsgeist die vermeintlich nächste industrielle Revolution vorantreiben sollen, sitzen auf dem Trockenen: „Wir suchen nach Geld“, sagt Ferdinand Wiegelmann, Chef der westfälischen Firma PTX. Das Start-Up will Maschinen das Sehen beibringen. Bislang vollziehen etwa Roboter nur einprogrammierte Bewegungsabläufe nach – mit der neuartigen 3D-Kamera von PTX und viel Computerpower sollen sie sich selbstständig in Bewegung setzen.

Ein mit seinem eigenen Geld gebauter Prototyp sei fertig, doch fehle nun die Anschlussfinanzierung von 1,5 Millionen Euro. Wagniskapitalgeber hätten abgewinkt: „Die wollen ein fertiges Produkt mit kalkulierbarer Rendite“, beschreibt Wiegelmann seine Erfahrungen. Auf der Suche nach Geld ist auch Firmenchefin Katja Beyer. Ihr Miniunternehmen Vayu Sense ist auf Systeme für die Herstellung von Medikamenten spezialisiert, bei denen Messwerte aus dem Produktionsprozess direkt auf das Handy geschickt werden. So können Fehler in dem hochsensiblen Verfahren schneller erkannt werden. Derzeit gehört das Miniunternehmen einer reichen deutschen Familie, doch seien neue Mittel willkommen. „Wir suchen einen strategischen Investor“, sagt Beyer.

Unterdessen stellen die Telekom und SAP die Weichen: Sie haben sich zusammengetan, um Standards für die Technologie festzuzurren. „Wir sind in der Pionierphase“, sagt Ingrid-Helen Arnold, IT-Chefin von SAP, zu Reuters. Eine Anwendungsidee: Felder können mit Sensoren ausgestattet werden, die Bauern sagen, in welchen Ecken der Boden nährstoffarm ist. Gedüngt werden muss dann nicht der gesamte Acker, sondern nur einzelne Abschnitte. Der Chiphersteller Intel setzt neue vernetzte Sensoren in der eigenen Produktion ein. „Wir messen die Vibration von Maschinen und können an den Mustern ablesen, wann die Anlage ausgetauscht werden muss“, sagt Intel-Deutschlandchef Christian Lamprechter.

Der Wandel wird tiefgreifend: Weil Computer künftig direkt mit Computern kommunizieren können, werden sie Schritt für Schritt nicht nur das Fahren von Autos, die Buchhaltung, die Bestellung von Waren, sondern durch die Vernetzung mit den Fabrikrobotern auch die industrielle Produktion übernehmen – und sich vielleicht auch eines Tages selbst reparieren oder sogar programmieren. Die Politik steht bereits in den Startlöchern. „Mein Ziel ist, dass Deutschland und Europa Innovationen anführen, in allen wichtigen Bereichen der digitalen Ökonomie – etwa der Industrie 4.0″, sagt Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel. Auf der Cebit stellt er eigens eine neue Initiative vor, um die neue Technologie voranzutreiben.

Dabei mangelt es nicht nur an Geld, sondern auch am Verständnis, was Industrie 4.0 eigentlich ist. Die Digitalisierung der Industrie generiert Unmengen von Daten aus Maschinen. Das Verständnis und die Verarbeitung dieser Daten sind der Schlüssel zur erfolgreichen Vernetzung. Maschinen kommunizieren künftig nicht nur innerhalb eines Unternehmens, sondern auch mit Maschinen von Partnerbetrieben. So wird die Produktion optimiert.

Kommentare

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  1. 4. Reich sagt:

    Dem Mittelstand kann man nur eines empfehlen:
    Sucht euch solvente Kunden und es klappt.
    Stellt in Nischenmärkten Spitzenprodukte her.
    Lauft nicht den Gesundbetern und Angelsachsen hinterher.
    Die können es nicht und konnten es noch nie.
    Was sie beherrschen ist das Kriegshandwerk.
    Das aber läuft sich tot, wenn niemand mehr da ist, der den Wiederaufbau bezahlt.
    Produziert das, was der Mensch braucht.
    Der Rest ist Ausschuß der auf die Halde kann.
    Wie Millionen teuer, unverkäuflicher KFZ weltweit beweisen.

  2. Hans von Atzigen sagt:

    Alles schön und gut die neuen Technologien versprechen erhebliche Produktivitätssteigerungen. Der Haken. Für diese Produktivitätssteigerungen gibt es rasend schnell wachsend einen schwindenden solventen Markt= Solventen Absatzmarkt.
    Das einzige das wächst ist die Zahl der Masse an Menschen die den Konsum ihrerseits immer weniger real selbst erwirtschaften kann.
    Investitionskapital wird längst im Übermass nicht mehr real erwirtschaftet sondern aus dem NICHTS geschöpft.
    Auf der Absatz = Marktseite das Gleiche Bild. Konsum= Kaufkraft wird zunehmend nicht mehr real erwirtschaftet sondern über Kredit= Geldschöpfung künstlich am laufen gehalten.
    Tja der Traum vom Ökonomie-Perpetuum- Mobile.
    Der Markt, der Regulativ von Angebot und Nachfrage ist längst verheerend ausgehebelt.
    Der ausgehebelte Markt wird es letztlich wieder ins Lot zwingen, kaum noch abwendbar mit verheerender Brachialgewalt.

  3. Christian Stroetmann sagt:

    Das Problem des Kameraherstellers ist, dass sein Produkt weder neu ist noch sein Unternehmen irgendwelche herausragenden Qualitäten besitzt, weshalb er auch genau diese Antworten von potentiellen Investoren bekommt. Solch eine 4D-Kamera zum Beispiel war bei uns im OntoLab und bei Style of Speed vor 10 Jarhen neu.

    Im Allgemeinen reicht es nun einmal nicht, einfach auf einen Web-Auftritt zu gehen, sich etwas auszusuchen und zu realisieren, um es dann als Konkurrenzprodukt anzubieten.
    Die Situation ist aufgrund der kürzeren Innovationszyklen mittlerweile sogar so, dass man mit Plagiaten immer nur noch zu spät kommt.

    Übergeordnete Standards für das Internetz der Dinge versucht man schon seit mehr als 15 Jahren zu entwickeln und zu etablieren. Dabei gibt es schon mehr als genug.

    Mit schönen Grüßen
    C.S.