Weniger Tarifverträge: Lohnungleichheit in Deutschland wächst

Die Lohnschere geht in Deutschland stärker auseinander als in Großbritannien oder den USA. Der Anteil der tarifgebundenen Betriebe ist von 60 auf 35 Prozent gesunken. Doch auch Besserverdienende konnten ihre Löhne in 20 Jahren nur um inflationsbereinigt 2,5 Prozent steigern.

Die Löhne in Deutschland haben sich einer Studie zufolge vor allem wegen der Tarifflucht vieler Betriebe in den vergangenen Jahren immer stärker auseinanderentwickelt. Während die Beschäftigten im oberen Fünftel der Einkommensskala seit Mitte der 90er Jahre ihre Reallöhne steigern konnten, sanken sie für das untere Fünftel deutlich ab, ergab eine am Mittwoch veröffentlichte Studie der Bertelsmann-Stiftung. „Verantwortlich für diese Entwicklung ist zu 43 Prozent die stark rückläufige Zahl der preisgebundenen Unternehmen“, heißt es in der Untersuchung, die in Zusammenarbeit mit dem Ifo-Institut in München entstand. Dagegen leiste der verstärkte internationale Handel mit lediglich 15 Prozent einen eher geringen Beitrag zu dieser Entwicklung.

Insgesamt konnten die Beschäftigten der oberen 20 Prozent in der Verdienstrangliste der Studie zufolge ihre Reallöhne inflationsbereinigt um 2,5 Prozent seit Mitte der 90er Jahre ausbauen. Das Lohnniveau im unteren Fünftel sei um zwei Prozent abgesackt. Trotz dieser wachsenden Lohnungleichheit liege Deutschland hier noch unter dem Durchschnitt der in der OECD engagierten Gruppe der Industrieländer. Die Löhne in Deutschland seien aber in den vergangenen beiden Jahrzehnten stärker auseinandergedriftet als beispielsweise in den USA und Großbritannien.

Das liegt nach Auffassung der Autoren der Studie vor allem an der wachsenden Zahl der Betriebe, die sich aus dem Geltungsbereich der Tarifverträge verabschiedeten. Der Anteil der tarifgebundenen Betriebe sei seit Mitte der 90er Jahre von 60 Prozent auf 35 Prozent gesunken. Damit fiel die Quote der Beschäftigten, die in tarifgebundenen Firmen arbeiten, von 82 auf 62 Prozent. „Dieser Rückgang ist der stärkste Treiber für die wachsende Lohnungleichheit“, heißt es in der Studie.

Ein weiteres Ergebnis der Untersuchung ist, dass es zwischen national und international tätigen Unternehmen ein Lohngefälle gibt. Bereits Mitte der 90er Jahre zahlten exportorientierte Betriebe einen um elf Prozent höheren Bruttolohn. Bis 2010 wuchs dieser Unterschied auf knapp 15 Prozent. Als Konsequenz aus der Studie forderte der Chef der Bertelsmann-Stiftung: „Wir brauchen in Deutschland mehr Anstrengungen, um die Einkommensungleichheit zu verringern und dabei die Beschäftigungsverluste möglichst gering zu halten.“ Zudem müsse der Staat verhindern, dass die Löhne im Zuge des Wettbewerbs immer stärker nach unten gedrückt werden. Auch nach Einführung der Mindestlöhne bestehe hier weiter Handlungsbedarf.

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