Mittelstand sucht verstärkt nach neuen Niederlassungen in China

Deutsche Mittelständler eröffnen in China neue Niederlassungen. Das sinkende Wirtschaftswachstum schreckt sie nicht ab. Logistiker, Rechtsanwälte, Consulting-Häuser und Steuerberater drängen ebenfalls nach China. Dabei zieht es sie überwiegend in kleiner Städte außerhalb Shanghai, Peking oder Guangzhou.

Unternehmen aus Deutschland wollen ihr China-Geschäft weiter verstärken: 35 Prozent der bereits im Reich der Mitte tätigen Firmen planen innerhalb der kommenden drei Jahre neue Niederlassungen vor Ort. Es zieht sie dabei raus aus den ganz großen Städten,  zeigt eine Studie des German Centre Shanghai und des Chinaforums Bayern. Für den „China Poll“ wurden mehr als 180 in China tätige deutsche Unternehmen befragt.

Das scheint überraschend. Die chinesische Industrie ist im März so deutlich geschrumpft wie seit einem knappen Jahr nicht mehr. Der von der Großbank HSBC und dem Markit-Institut erhobene Einkaufsmanagerindex sank vorläufigen Angaben vom Dienstag zufolge um 1,5 auf 49,2 Punkte. Nur Werte über 50 signalisieren ein Wachstum. Der starke Rückgang kommt überraschend: Experten hatten mit 50,6 Punkten gerechnet.

Ein kräftiger Frühjahrsaufschwung in der Volksrepublik zeichnet sich nicht ab. Die Industrieaufträge sanken der Umfrage zufolge doch ebenfalls so deutlich wie seit elf Monaten nicht mehr. Zudem hielten sich die Unternehmen mit Neueinstellungen so stark zurück wie seit der Finanzkrise Anfang 2009 nicht mehr.

Doch das schreckt die Mittelständler nicht ab. „Es geht den Unternehmen bei Neuansiedlungen längst nicht mehr nur um den Aufbau von Produktionsanlagen“, sagt Christian Sommer, Geschäftsführer des German Centre Shanghai. „Die in den vergangenen Jahren auf dem Markt verkauften Maschinen benötigen Ersatzteile und Reparaturen. Entsprechend stehen Service- und After-Sales-Angebote hoch im Kurs. Aber auch Unternehmen anderer Branchen suchen vermehrt nach weiteren Standorten in China: Logistiker, Rechtsanwälte, Consulting-Häuser oder Steuerberater – sie alle interessieren sich für neue Niederlassungen. Das zeigt die Befragung ebenso wie unsere Erfahrungen vor Ort.“

Unabhängig von Tätigkeit und Branche: Den Unternehmen geht es vor allem darum, im lokalen Markt erfolgreich zu sein. Als verlängerte Werkbank der Welt taugt das Reich der Mitte nach Überzeugung der deutschen Firmen ohnehin nicht mehr. Entsprechend haben Personalkosten bei der Standortwahl nur eine geringe Bedeutung. Entscheidend ist dagegen der Zugang zu qualifizierten Mitarbeitern.

„Die meisten deutschen Unternehmen müssen kämpfen, um geeignete Mitarbeiter zu finden“, sagt Stefan Geiger, Geschäftsführer des Chinaforums Bayern. „Sie haben einen hohen Qualifizierungsbedarf. Den können insbesondere Mittelständler nicht alleine decken.“ 74 Prozent der Firmen wünschen sich daher Kooperationen bei der Aus- und Weiterbildung ihres Personals. Und 58 Prozent würden gerne Vereinbarungen treffen, die einen Verzicht auf das gegenseitige Abwerben von Mitarbeitern vorsehen.

„Die Unternehmen prüfen sehr genau, wo sie sich niederlassen wollen. Und sie sind bei der Standortentscheidung wählerischer geworden“, sagt Sommer. Insbesondere Produktions- und Einkaufsniederlassungen würden im Gegensatz zu früher zunehmend außerhalb von Shanghai, Peking oder Guangzhou errichtet. Im Fokus stehen oft kleinere Städte im Umfeld der großen Metropolen.

Das German Centre Shanghai, eine Tochter der BayernLB, plant daher eine eigene Tochtergesellschaft in Taicang. Die Stadt in der Provinz Jiangsu im Osten der Volksrepublik China liegt etwa 50 Kilometer nordwestlich von Shanghai und gilt als beliebter Standort für  Unternehmen aus der Bundesrepublik. Das German Centre Taicang wird Firmen aller Branchen dort ab Ende dieses Jahres Infrastruktur und Unterstützung anbieten. „Vor allem für Mittelständler ist die gebotene Kombination aus Bürovermietung, der Bereitstellung einer verlässlichen Infrastruktur sowie einem Zugang zu lokalen Netzwerken von großer Bedeutung“, so Sommer.

Die Industriestaaten-Organisation OECD sieht im langsameren Wachstum der chinesischen Wirtschaft kein Problem. Das Bruttoinlandsprodukt werde in diesem Jahr nur noch um 7,0 und 2016 um 6,9 Prozent zulegten, prognostiziert sie. „Sieben Prozent sind nachhaltiger, sieben Prozent verhindern Preisblasen und sieben Prozent sind erreichbar“, sagte Generalsekretär Angel Gurria. 2014 war die Wirtschaft mit 7,4 Prozent so langsam gewachsen wie seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr.

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