Seit der Finanzkrise: Chinas Schulden explodieren

Die Schulden Chinas haben sich seit Beginn der Finanzkrise vervierfacht. Schätzungen zufolge steigen sie doppelt so stark wie das BIP des Landes und liegen bei umgerechnet über 28 Billionen Dollar. Grund dafür sind die steigende Zahl fauler Kredite und der schwache Immobilienmarkt. Investoren ziehen ihr Kapital aus China ab. Das hat auch folgenreiche Auswirkungen auf das weltweite Finanzsystem.

Die Schuldenlast entwickelt sich zu einem ernstzunehmenden Problem für Wirtschaft und Regierung. China hat die internationale Finanzkrise vor allem deshalb relativ unbeschadet überstanden, weil die Zentralbank massiv Geld in den Markt pumpt. Die People’s Bank of China (PBOC) hat im Februar erneut Geld in Umlauf gebracht. 45 Milliarden Yuan – etwa 7,2 Milliarden Euro – flossen in den Geldmarkt. Deutlich mehr als die durchschnittlichen 39,3 Milliarden Yuan, die die Bank zu Beginn des Jahres zur Verfügung stellte.

Chinas Gesamtverschuldung hat sich seit Beginn der Finanzkrise mit einem Anstieg von 7,4 Billionen Dollar auf 28,2 Billionen Dollar fast vervierfacht. Das entspricht 282 Prozent des BIP. Bleiben die Wachstumszahlen der Wirtschaft auf dem aktuellen Niveau, kann die Gesamtverschuldung Chinas im Jahr 2018 schnell auf 400 Prozent des BIPs ansteigen, heißt es in der aktuellen McKinsey Studie.

Ziel der Liquiditätsspritzen ist einerseits eine Reaktion auf die Nachfrage nach Bargeld. Viele Chinesen und Investoren ziehen ihr Kapital ab und investieren lieber in Europa oder den USA. Andererseits soll die Kreditvergabe weiter angekurbelt werden, um das Wachstum der Wirtschaft wieder zu beschleunigen. In den vergangenen Jahren war die Kreditvergabe der Banken stark zurückgegangen. Faule Kredite und hohe Rücklagenforderungen von Seiten der chinesischen Regierung waren der Grund. Um dem Boom der Schattenbanken Einhalt zu gebieten, lockert Peking nun schon seit ein paar Monaten Schritt für Schritt die Vorgaben für Banken zur Kreditvergabe. Erst Anfang Februar hat die chinesische Zentralbank mitgeteilt, den Mindestreservesatz noch einmal um 0,5 Prozent auf 19,5 Prozent zu senken.

Gu Ying von der Investmentbank JPMorgan sagt, dass auch das chinesische Neujahrsfest und der anschließende Urlaub vieler Chinesen bei den Geldinjektionen eine Rolle gespielt hat. Er schätzt, dass für Reisen und Geschenke noch einmal zusätzlich Bargeld in Höhe von ein bis zwei Billionen Yuan benötigt wird. Der Hauptgrund für die zusätzlichen Gelder ist der Kapitalabfluss. Der PBOC und den Geschäftsbanken zufolge lagen die Nettodevisenabflüsse im Dezember bei 118,4 Milliarden Yuan, im November waren es nur 2,17 Milliarden Yuan.

Besonders kritisch ist die hohe Konzentration der Schulden auf den Immobiliensektor. „Wir schätzen, dass fast die Hälfte der Schulden der chinesischen Haushalte, Unternehmen und Regierungen direkt oder indirekt etwas mit dem Immobiliensektor zu tun hat“, so die Autoren der McKinsey-Studie. „Die Konzentration auf die Immobilienbranche stellt eine erhebliche Gefahr dar.“ Die Regierung pumpte viel Geld in die Industrie, es entstand ein regelrechter Boom, dessen Blase zu Platzen droht. Seit 2008 sind die Immobilienpreise in 40 chinesischen Städten um 60 Prozent gestiegen, in Shanghai und Shenzhen sogar noch stärker.

Die Schwäche im Immobiliensektor könnte damit die Zahl der faulen Kredite in den Bilanzen der Banken rapide ansteigen lassen. Das wiederum wäre auch für Europas Banken spürbar. So haben beispielsweise europäische Banken gegenüber China offene, risikobehaftete Forderungen in Höhe von 362,762 Milliarden Dollar, wie der aktuelle Bericht der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) zeigt. Für deutsche Banken sind das Mitte des Jahres Forderungen in Höhe von 40,66 Milliarden Dollar (fast 32 Milliarden Euro), bestätigte die BIZ den Deutschen Wirtschafts Nachrichten.

Die Staatsverschuldung Chinas liegt derzeit bei etwa 28 Billionen Dollar. Hier spielen unter anderem auch die Kredite der lokalen Regierungen eine große Rolle. Diese stiegen seit dem Investitionsprogramm von 2009 auf 2,9 Billionen Dollar. JP Morgan schätzt die Schulden sogar auf 3,36 Billionen Dollar. Vor allem die regionalen Regierungen waren für Investitionen in Infrastrukturprojekte, sozialen Wohnungsbau und ähnliches verantwortlich. Allein dafür haben sich Schulden im Umfang von 1,7 Billionen Dollar angesammelt.

Ministerpräsident Li Keqiang hält die Schuldenlast Chinas für tragbar. 70 Prozent der neuen Schulden seien in Vermögenswerte investiert worden, die in der Zukunft auch einen Ertrag abwerfen könnten. Damit spricht Li auf die jüngst entstandenen Geister-Städte an, die in den Jahren seit der Finanzkrise 2008 mit den Schulden gebaut wurden. In den vergangenen vier Jahren hat sich der Leerstand in den Städten wie Ordos (ehemals Kangbashi) erhöht und soll von derzeit 15 Prozent auf 20 Prozent in 2016 steigen, berichtet der Business Insider. Die chinesische Führung hofft, dass die wachsende Bevölkerung Chinas bald die finanziellen Mittel verfügt, um die neuen Wolkenkratzer in den Geister-Städten bewohnen zu können.

Es ist davon auszugehen, dass China die Schuldenlast mittelfristig nicht signifikant senken kann. Dafür haben die lokalen Regierungen zu geringe Einnahmen. Das führt dazu, dass mittlerweile 40 Prozent der Regierungen ihre Schulden mit Landverkäufen begleichen. Und allein 20 Prozent der neu aufgenommenen Schulden werden genutzt, um ältere Kredite zu bezahlen. Der sich verlangsamende Immobilienmarkt erschwert es den lokalen Regierungen zunehmend, ihre Kredite zu bedienen. Standard & Poor’s betonte im November 2014, dass die Hälfte der chinesischen Provinzen nicht als Investment empfohlen würden, wenn sie durch eine Agentur bewertet würden.

Sollten die lokalen Regierungen nicht mehr in der Lage sein, ihre Raten zu begleichen, wäre dies im gesamten Bankensektor spürbar. Die China Development Bank hat an lokale Regierungen Kredite in Höhe von 600 Milliarden Dollar vergeben und die vier größten kommerziellen Banken Chinas etwa 300 Milliarden Dollar. Mehr als ein Drittel der Kredite haben die lokalen Regierungen aus dem Schattenbankensystem. Umgerechnet 6 ,5 Billionen Dollar der Staatsschulden stammen aus Krediten von Schattenbanken. Das System der Schattenbanken ist seit Beginn der Finanzkrise um 36 Prozent gestiegen.

Kommentare

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  1. George sagt:

    Wer lange verfolgt und Warnungen, welche in den 1970 iger Jahren prominente Analytiker ausgesprochen haben, weiterverfolgt hat kommt eindeutig zu dem Schluß das wir mitten im prognostizierten Wirtschaftskrieg sind. Vorausgesagt sind vier Wirtschaftsblöcke. Wenn Europa nicht die richtigen Entscheidungen trifft und weiter abhängig von den Vereinigten Staaten ist, wird es wohl nur drei große Wirtschaftsblöcke geben. Wohin Europa tendiert, in Abhängigkeit oder ein eigenständiger Wirtschaftsblock bleibt abzuwarten. Die generelle Inflation ist innerhalb der nächsten drei Jahre nicht aufzuhalten.
    Ein neues Wirtschaftssystem ist gefragt. Das derzeitige hat ausgedient.

  2. Felix Klinkenberg sagt:

    Nur mit dem Unterschied, das nicht so wie bei uns, die privaten too Big to Fail Banken und deren Besitzer, die 85 Familien Clans, mit ihren egoistischen Interessen, über das verhalten, der Chinesischen Zentralbank herrschen, sondern die, dem Gesamtwohl und der realen Wirtschaftstätigkeit verpflichtete Regierung. Wenn in China, ein privater Unternehmer, sich verspekuliert oder die Gesetze bricht, muss er anders wie bei uns, mit ernsthaften Konsequenzen rechnen.

  3. Hans von Atzigen sagt:

    Das haben in der Vergangenheit denn doch zu viele übersehen.
    Auch in China wachsen die Bäume nicht in den Himmel.
    Die Globale Entwicklung driftet in Richtung Totaler Unbeherrschbarkeit.