Banken verlieren an Bedeutung: Unternehmen nutzen mehr Crowdfunding

Unternehmen in Europa kommen auch ohne Banken an Start- oder Investitionskapital. Crowdfunding gewinnt an Bedeutung. Am besten funktioniert die Schwarmfinanzierung in Großbritannien. Deutschland hinkt bei der Akzeptanz dieser modernen Finanzierungsform hinterher.

Immer mehr Unternehmen in Europa kommen bei der Finanzierung einer Studie zufolge ohne klassische Banken aus. Die Wirtschaftsprüfungs- und Unternehmensberatungsgesellschaft EY (Ernst & Young) erwartet, dass sich das Volumen alternativer Finanzierungen in diesem Jahr mehr als verdoppeln wird. EY-Partner Christopher Schmitz geht von mehr als sieben Milliarden Euro aus, die über Online-Plattformen oder direkte Kredite von Privatinvestoren und Unternehmen an kleinere und junge Firmen vergeben werden. „Die Finanzierungsmöglichkeiten für gute Ideen und Produkte erweitern sich, sie sind nicht mehr allein auf den Bankkredit oder Risikokapitalgeber angewiesen“, sagte Schmitz. „Gerade für Start-ups ist der Weg zur Bank nicht mehr die einzige Finanzierungsmöglichkeit.“

Schon in den vergangenen Jahren hat der Markt für alternative Finanzierungen nach der am Mittwoch veröffentlichten Studie von EY und der Universität Cambridge ein rasantes Wachstum erlebt: von 487 Millionen Euro 2012 hat er sich auf 2,96 Milliarden Euro 2014 versechsfacht. Crowdfunding werde dadurch immer stärker auch für traditionelle Investoren attraktiv, erklärte EY. Für die Studie wurden die Daten von 14 Branchenverbänden und 255 Online-Plattformen ausgewertet.

In Deutschland stecken Crowdfunding und andere Alternativen zum Bankkredit oder Finanzinvestoren allerdings noch in den Kinderschuhen: Die Studie beziffert das Volumen 2014 auf 140 Millionen Euro. Der mit Abstand größte Markt ist Großbritannien, auf das mehr als drei Viertel des Finanzierungsvolumens entfallen – und die Wachstumsraten dort sind immer noch deutlich höher als im europäischen Durchschnitt. Dort hätten die Banken am stärksten unter der Finanzkrise gelitten, weshalb sich Firmen schnell nach alternativen Geldquellen umsehen mussten, erklärte EY.

Auf dem europäischen Kontinent am verbreitetsten sind – vor allem für jungen Unternehmen – direkte Darlehen von Privatpersonen, gefolgt vom klassischen Crowdfunding, bei dem die Geldgeber später im Erfolgsfalle etwa damit belohnt werden, dass sie das Produkt früher erhalten als andere. Das stärkste Wachstum weisen der Studie zufolge Kredite von Unternehmen oder Institutionen an andere Firmen auf. Die Online-Kreditplattform Lending Club war in den USA im vergangenen Jahr an die Börse gebracht worden.

Die EU hat bereits angekündigt, allgemeine Regeln für Crowdfunding aufstellen zu wollen. Banken droht durch diese Form der Finanzierung der Verlust großer Teile des Geschäfts im Mittelstand – die Kreditvergabe ist bereits seit Jahren rückläufig. Verbraucherschützer fordern eine Obergrenze für Crowdfunding.

 

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  1. Wolfram sagt:

    In Großbritannien wächst das Crowdfunding vor allem so deutlich, da die vier/fünf marktbeherrschenden Banken ganze Gegenden „unbanked“ lassen, wie es dort heißt. Inzwischen ist der Rückzug aus der Fläche dort so weit fortgeschritten, dass sogar die Kirchen eine Banklizenz beantragt und erhalten haben, um speziell den Mittelstand irgendwie mit Geld und Finanzdienstleistungen zu versorgen.

    Es ist sachlich falsch dafür die Finanzmarktkrise verantwortlich zu machen. Diese hat zwar zur desolaten Lage auf der Insel beigetragen, Ursache des Rückzugs der banken ist aber schlicht und ergreifend das Streben nach Maximalrendite und die Fehleinschätzung, dass klassisches Bankgeschäft uninteressant ist. Darum hat man ja so gern am großen Casinospiel vor Krisenausbruch teilgenommen. Über diese Zusammenhänge gab es bereits in den 90er Jahren regierungsbeaufttagte Studien.

    Aus diesem Grund sehen aktuell Regierung und Opposition in GB auch mit großem Interesse auf die deutschen Bankstrukturen. Bei uns verhindern Sparkassen und Genossenschaftsbanken, dass es zu „unbanked areas“ oder „unbanked people“ gibt.

    Darum ist Crowdfunding hierzulande nicht so rasant wachsend – obwohl ein interessantes Modell – wie in GB.

    Ein simpler Volumenvergleich von Crowdfunding in Deutschland und Großbritannien, ohne Berücksichtigung der Bankstrukturen und der Geschäftspolitik der klassischen Kreditinstitute ist daher nicht mehr als ein Marketinggag der Crowdfunding-Bewegung.