Depresionen: Aufklärung und Behandlung sind wichtiger als Berufsverbot

Joachim Herrmann, Bayerns Innenminister, fordert die Möglichkeit eines Berufsverbotes für Depressive. Doch Depressionen sind eine Volkskrankheit, die noch immer tabuisiert wird. Vor einem Berufsverbot muss mehr Aufklärungsarbeit betrieben werden. Es gibt Therapien, mit denen Depressionen überwunden werden können.

Nach dem vermutlich vom Co-Piloten herbeigeführten Absturz eines Germanwings -Flugzeugs mehren sich die Forderungen nach Berufsverboten für Menschen mit schweren Depressionen. Doch Depressionen sind eine Volkskrankheit, die immer noch nicht als solche behandelt und diskutiert werden.

Derzeit sind ca. fünf Prozent der Bevölkerung im Alter von 18-65 Jahren in Deutschland an einer behandlungsbedürftigen Depression erkrankt, schreibt die Deutsche Depressionshilfe. „Das sind in Deutschland ca. 3,1 Millionen Menschen, wobei zu beachten ist, dass in den Gruppen unter 18 und über 65 Jahren ebenfalls Menschen von depressiven Störungen betroffen sind. Daraus ergibt sich eine geschätzte Anzahl von ca. 4 Millionen Personen, die an einer depressiven Episode leiden.

Aufklärung und therapeutische Hilfe sind einem Berufsverbot vorzuziehen. In Deutschland gibt es dort erheblichen Nachholbedarf: In Thüringen wird nur jeder fünfte Mensch mit schweren Depressionen angemessen behandelt.

Zwar ist es menschlich und sinnvoll, alles zu tun, damit ein Unglück wie das der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen nie wieder geschieht. Allerdings ist das ein „Ding der Unmöglichkeit“, schreibt die Märkische Oderzeitung zu dem Thema:

„Denn man kann Menschen nicht in den Kopf schauen. Nicht jeder ehemals Depressive ist ein potenzieller Selbstmörder. Vorschriften, bei Untersuchungen künftig regelmäßig solche Krankheitsbilder abzufragen, sind gut gemeint. Allerdings dürften sie eher zum Gegenteil führen: Betroffene würden Strategien entwickeln, um nicht entdeckt zu werden. Wer Ehrlichkeit erwartet, muss den Patienten im Gegenzug Hilfe anbieten, sei es durch Therapien oder durch Einsätze jenseits von Passagierflugzeugen. Denn man kann Menschen zwar nicht in den Kopf schauen. Aber man kann sie an die Hand nehmen.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann sagte dem Magazin Focus, Voraussetzung für ein Berufsverbot müsse aber eine „sorgfältige medizinische Begutachtung“ sein. „Wenn diese zum Ergebnis kommt, dass etwa ein Pilot, ein Busfahrer oder ein Taxifahrer dauerhaft nicht mehr geeignet ist, Menschen oder sonstige Güter zu transportieren, ohne dass Gefahr für Leib und Leben anderer besteht, dann kann solchen Personen auch der Führerschein beziehungsweise die Lizenz entzogen werden“, sagte der CSU-Politiker.

Ähnlich äußerte sich der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Karl Lauterbach: „Bei bestimmten Formen der Depression könnte ein Berufsverbot unter bestimmten Umständen notwendig sein.“ Das hänge aber sehr vom Einzelfall ab. „Wenn etwa eine gefährliche Depression klar diagnostiziert wird und sich der Patient einer Behandlung verweigert, wäre ein Berufsverbot die letzte Konsequenz“, sagte der Gesundheitsexperte.

Das Bundesgesundheitsministerium schloss sich dem Vorstoß nicht an. Ob etwa ein Pilot für seinen Beruf infrage komme, sei in erster Linie eine berufsärztliche Entscheidung, sagte ein Sprecher. Zugleich seien arbeitsrechtliche Fragen berührt. Die Kriterien, unter welchen Umständen jemand seinen Job nicht mehr ausüben könne, müsse wiederum die für den Berufszweig zuständige Aufsichtsbehörde festlegen.

Der Focus hatte den Absturz der Germanwings-Maschine genutzt, um eine Umfrage in Auftrag gegeben. Danach befürworten 58 Prozent der Deutschen bei sensiblen Berufsgruppen wie Pilot, Busfahrer oder Lokführer im Fall von Depressionen die Möglichkeit eines Berufsverbots. 32 Prozent der Befragten lehnten das ab. Zehn Prozent machten keine Angaben.

Kommentare

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  1. jue sagt:

    A) Meiner Ansicht liegt der Absturz des Flugzeuges nicht an dem Piloten
    und
    B) Warum beseitigt man nicht den Ursprung der Depressionen. Den dieser liegt vorwiegend bei den Arbeitgebern. Firmen und inkompetente Führungskräfte sind doch der eigentliche Verursacher für diese Misere.

    Die Deutschen Wirtschaftsnachrichten sollten doch einmal eine Umfrage bei Arbeitnehmern durchführen und Ihre Meinungen über Fehlverhalten von Führungskräften offenbaren.