Hörsaal statt Werkbank: Unternehmen bilden weniger Azubis aus

Die Zahl der Ausbildungsplatzverträge sinkt auf den tiefsten Stand seit der Wiedervereinigung. Jugendliche beginnen lieber ein Studium, als eine Ausbildung. Sie ziehen die breite Orientierung an der Uni einer schnellen Qualifizierung für einen Beruf vor.

Trotz aller Sorgen um einem Fachkräftemangel wird in Deutschland immer weniger ausgebildet. Rund 518.000 Jugendliche schlossen 2014 einen Ausbildungsvertrag ab und damit so wenige wie seit Anfang der 1990er Jahre nicht, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch in Wiesbaden mitteilte. Das seien 7.500 oder 1,4 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Als Gründe werden die rückläufige Zahl von Schulabgängern und die höhere Neigung zum Studium genannt.

Im größten Ausbildungsbereich Industrie und Handel, zu dem auch Banken und Versicherungen gehören, wurden demnach 1,7 Prozent weniger Lehrlingsverträge abgeschlossen als im Vorjahr. Im Handwerk, dem zweitgrößten Bereich, gab es ein Minus von 1,5 Prozent. Im kleinsten Ausbildungsbereich – der sogenannten Hauswirtschaft – sank die Zahl der neuen Ausbildungsverträge 2014 um 10,3 Prozent. Diese Lehrlinge arbeiten oft in der Gastronomie oder in Wohn- und Pflegeeinrichtungen.

Das Bundeskabinett berät am Vormittag über den Berufsbildungsbericht. Dessen Bilanz unterscheidet sich von der Statistikbehörde, weil als Stichtag der 30. September zugrundegelegt wird. Die Regierungszahlen sind seit Dezember bekannt. Demnach wurden 522.200 Ausbildungsverträge 2014 neu abgeschlossen, was einem Rückgang um 1,4 Prozent entspricht. Das waren so wenige Lehrverträge wie noch nie seit der Wiedervereinigung.

Bildungsministerin Wanka sagte, die gesellschaftliche Wertschätzung der dualen Ausbildung müsse wieder erhöht werden. Sie appellierte an den Mittelstand: Die Unternehmen müssten sich mit aller Kraft der Steigerung der Attraktivität der beruflichen Bildung widmen.

Die Arbeitgeber verwiesen darauf, dass erneut mehr Lehrstellen unbesetzt blieben als im Jahr davor. Die Zahl der Schulabgänger mit Haupt- und Realschulabschluss sei in den vergangenen zehn Jahren deutlich stärker gesunken als die Zahl der Ausbildungsverträge. Das Engagement der Unternehmen sei anhaltend hoch und die Chancen für Bewerber hätten sich verbessert, so die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände

Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) erklärte, junge Leute bräuchten beim Übergang in Ausbildung und Beruf mehr Unterstützung. Mit der Berufseinstiegsbegleitung werde ihnen in der Schlussphase der Schule gezielt unter die Arme gegriffen.

Bundesregierung, Deutscher Gewerkschaftsbund und die Wirtschaft hatten im Dezember eine neue Allianz für Aus- und Weiterbildung gegründet. Sie sieht unter anderem vor, dass in diesem Lehrjahr bis zu 10.000 Plätze für eine assistierte Ausbildung finanziell gefördert werden sollen. Lehrling und Betriebe erhalten dann Unterstützung von Trainern.

Viele Jugendliche mit Migrationshintergrund finden dennoch keine Ausbildung. Rund 60 Prozent der Lehrbetriebe hätten noch nie einen Jugendlichen mit Migrationshintergrund ausgebildet. Eine Ausbildungsplatzgarantie könnte erfolglosen Bewerbern Angebote zukommen lassen. Staatliche Sprach-Förderprogramme könnten Hemmschwellen bei der Einstellung abbauen.

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