Wirtschaftsstandort Deutschland verliert an Attraktivität

Fast die Hälfte der deutschen Industrieunternehmen will 2015 lieber im Ausland investieren. Die deutschen Unternehmen wenden ihren Blick hin zu den europäischen Nachbarländern. Um hohe Kosten und die zunehmende Bürokratie in Deutschland zu umgehen, investieren sie im Ausland.

Seit Anfang des Jahres ist der Bürokratieindex im Vergleich zu den Vorjahresmonaten gesunken. Im deutschen Mittelstand sieht die Wahrnehmung der Bürokratie jedoch ganz anders aus. 92 Prozent der Unternehmen empfinden die Bürokratiebelastung als hoch bzw. sehr hoch, wie eine aktuelle Untersuchung durch das Meinungsforschungsinstitut TNS Emnid im Auftrag des Software-Unternehmens Sage zeigt.

Mehr als zwei Drittel der Unternehmen gaben sogar an, sie hätten das Gefühl, die Bürokratiebelastung sei in den vergangenen zwölf Monaten gestiegen. Besonders in den Bereichen Steuern, Sozialversicherung, Arbeitsschutz, Arbeits-und Sozialrecht sowie hinsichtlich der Dokumentationspflicht ist der Aufwand für die befragten Unternehmen zu groß.

Die Folgen des Bürokratieaufwandes zeigen sich in den Reaktionen der Unternehmen. So sind 37 Prozent der Unternehmer nach eigenen Angaben durch die Bürokratie von der Einstellung neuer Mitarbeiter abgehalten worden. Knapp ein Drittel hält sich deswegen bei Investitionen zurück.

Und immerhin gaben 30 Prozent der Befragten an, sogar schon einmal ein Projekt der Firma aufgrund bürokratischer Hürden abgebrochen zu haben. Allerdings geben auch 61 Prozent an, sich selbst nicht für den Bürokratieabbau einzubringen.

Die Bundesregierung hatte zuletzt im Dezember des vergangenen Jahres 21 neue Maßnahmen beschlossen. Diese sollen nach eigenen Angaben dazu beitragen, den Mittelstand in Sachen Bürokratie zu entlasten. Im Juli 2015 soll die Bürokratie-Bremse in Kraft treten.

Neben der Bürokratie kritisieren die Unternehmen am Standort Deutschland auch die hohen Kosten für Strom und Arbeitnehmer. Mittlerweile tendieren deutsche Industrieunternehmen deutlich mehr dazu, im Ausland statt im Inland zu investieren. 23 Prozent der im Ausland aktiven Unternehmen gaben an, aus Kostengründen vermehrt im Ausland zu investieren. „Zuvor hatte dieses Investitionsmotiv über lange Jahre kontinuierlich verloren“, so der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) in einer aktuellen Studie.

So planen 47 Prozent der Industriebetriebe, in diesem Jahr im Ausland zu investieren. Dem DIHK zufolge sind das so viele wie noch nie zuvor. Sowohl Großunternehmen als auch Mittelständler setzen auf das Ausland, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung: Während Großunternehmen ihre Investitionspläne sogar erhöhen, senkt der Mittelstand seine geplanten Investitionsausgaben leicht. „Betriebe mit 200-500 Mitarbeitern und mit 20-200 Mitarbeitern reduzieren ihre Investitionssalden jeweils um drei auf noch immer relativ positive Werte von 21 bzw. 14 Punkten.“

Insgesamt gaben 31 Prozent der Industrieunternehmen, die dieses Jahr im Ausland investieren wollen, an, ihre Investitionen noch erhöhen zu wollen. 56 Prozent wollten im gleichen Maße investieren wie im vergangenen Jahr.

Besonders die Kosten für Energie und Arbeitskräfte schlagen hier zu Buche. Geben bei den Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitern 20 Prozent die hohen Kosten als Grund an (6 Prozent mehr als 2014) sind es bei den Mittelständlern „überdurchschnittliche“ 28 Prozent. Viele der Unternehmer sehen in den steigenden Kosten ein grundsätzliches Problem für die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands.

Bei den Investitionsplanungen der Industrie-Unternehmen macht sich auch die Ukraine-Krise bemerkbar. Nur 17 Prozent der Unternehmen wollen in diesem Jahr in der Region Ukraine, Russland, Südosteuropa und der Türkei investieren. 2014 waren es noch 26 Prozent. „Die Unternehmen rechnen trotz der schmerzlichen Einbußen im Russlandgeschäft im vergangenen Jahr noch einmal mit kräftigen Verlusten im laufenden Jahr“, so der DIHK.

47 Prozent der Industrieunternehmen wollen in die EU-15-Länder investieren – einen „höheren Wert als 47 Prozent hat bisher noch keine Region erreicht“. Der Umfrage zufolge ist dies auch auf die Reformen in vielen europäischen Ländern zurückzuführen.

Die zwischen 2004 und 2007 dazugekommenen EU-Länder sind zwar auch attraktiv. Allerdings begrenzen hier Korruption und schlechte Infrastruktur die Investitionsfreude der deutschen Industrieunternehmen. In China sind dagegen 45 Prozent der Unternehmen aktiv.

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