Europäischer Chemiemarkt verliert erheblich an Bedeutung

Bis 2035 wird sich der Umsatz des weltweiten Chemiemarkt mehr als verdoppeln. Doch der Markt in Asien wächst, droht die europäische Chemie zurückzufallen. Vor allem zu hohe Produktionskosten und zu viel Regulierung gefährden die europäische Chemieindustrie.

Das Wachstum des weltweiten Chemiemarkts wird sich in den kommenden Jahren deutlich verlangsamen. Derzeit liegt das weltweite Wachstum bei durchschnittlich 4,1 Prozent jährlich. Die Beratungsgesellschaft Roland Berger geht aber von einer leichten Abkühlung auf nur noch 3,6 Prozent zwischen 2030 und 2035 aus. Insgesamt werde der Umsatz von heute 2,6 Billionen Euro nur noch auf 5,3 Billionen Euro anwachsen.

Dieser Trend wird vor allem den europäischen Chemiemarkt treffen, wie die Roland Berger Studie „Chemicals 2035 – Gearing up for growth: How Europe´s chemical industry can gain traction in a digitized world“ zeigt. Während Europa im Jahr 2000 noch ein Drittel des Marktes für sich beanspruchen konnte, sind es heute nur mehr 19 Prozent. Bis 2035 soll der Marktanteil sogar auf 13 Prozent absinken. Das Wachstum des europäischen Chemiemarktes wird sich bis 2035 auf jährliche 1,5 Prozent abkühlen, so die Studie.

„Obwohl europäische Chemieunternehmen eine hohe Produktivität vorweisen und sehr innovativ sind, konsolidiert sich der Markt seit Jahren, vor allem in Europa“, sagt Martin Erharter von Roland Berger. Wichtige Themen wie die zunehmende Digitalisierung der Industrie und neue Kundenanforderungen setzen Chemiekonzerne immer stärker unter Druck.

Ein Grund ist die zunehmende Präsenz Asiens. China und Indien bauen ihre Industrie aus. Das macht sie unabhängiger vom Import europäischer Chemieerzeugnisse und schafft gleichzeitig Konkurrenz für die Industrie aus Europa. Die Studie legt nahe, dass Asien im Gegensatz zu Europa bis 2035 62 Prozent des weltweiten Chemiemarktes besetze wird.

Aber auch im Nahen Osten wird die Bedeutung der Chemieindustrie immer größer. Hier herrscht neben niedrigeren Arbeitskosten auch ein Vorteil bei der Rohstoffbeschaffung. Die Nähe zu den notwendigen Rohstoffen und die gesunkenen Rohstoffpreise begünstigen diese Entwicklung erheblich. Die Produktionskosten für eine Tonne Äthylen liegen in dieser Region derzeit bei etwa 250 Dollar.

In Europa sind die Produktionskosten fast doppelt so hoch. Zumal neben den Arbeitskosten und den hohen Energiepreisen auch die zunehmende Regulierung auf EU-Ebene den Kostenaufwand für die Betriebe nach oben schraubt. Von 2008 bis heute stieg die Zahl der EU-Regulierungen für die Chemieindustrie um 56 Prozent.

Die höheren Anforderungen der Kunden und die zunehmende Digitalisierung sind zusätzliche Herausforderungen für die Industrie. „Chemieunternehmen sollten auch von den erheblichen Vorteilen von Industrie 4.0 profitieren“, so die Studie. Sie erlaubt eine erheblich effizientere und auf den Kunden abgestimmte Produktion. Nur Unternehmen, die die entstehenden Möglichkeiten voll ausnutzen, werden langfristig erfolgreich sein.

Der europäische Trend spiegelt sich auch in der deutschen Chemiebranche. Deutschland ist noch die weltweit viertgrößte Chemieindustrie. Eine Studie von Oxford Economics zeigt, dass der Chemiestandort Deutschland seit 2008 an Wettbewerbsfähigkeit verloren hat. Für 2015 erwartet der Verband der Chemischen Industrie einen Anstieg der Produktion um 1,5 Prozent. „Die Preise für chemische Erzeugnisse werden dabei um 2 Prozent sinken, sodass der Branchenumsatz um 0,5 Prozent auf 189,9 Milliarden Euro zurückgeht“, so der Verband. Während im ersten Quartal 2015 die Chemieproduktion im Vergleich zum Vorquartal um 1,9 Prozent gestiegen war, schrumpfte sie im Vergleich zum Vorjahresquartal allerdings um 0,2 Prozent. Mit 46 Milliarden Euro lagen die Erlöse der Branche 1,3 Prozent unter dem Niveau des Vorquartals.

Die Verkäufe an inländische Kunden fielen saisonbereinigt gegenüber dem Vorquartal um 2,3 Prozent auf 17,3 Milliarden Euro. Im Vergleich zum Vorjahr fiel der Rückgang mit 4,5 Prozent noch stärker aus. Immerhin konnten das Auslandsgeschäft mit um 0,2 Prozent gestiegenen Verkäufen  und die Abwertung des Euros die Branche Auf Wachstumskurs halten.

Die zunehmende Bedeutung der Chemieindustrie in Regionen wie Asien ist vor allem für die deutsche Industrie gefährlich. Schließlich erwirtschaftet die Branche 60 Prozent ihres Umsatzes mit Kunden im Ausland. Die Konkurrenz aus anderen Ländern setzt die Branche unter Druck. Kunden in den aufstrebenden Regionen orientieren sich an nationalen Produkten und Wettbewerber besetzen immer mehr Marktanteile.

„Der Chemiestandort Deutschland wird auch in den kommenden Jahren Weltmarkt- und Welthandelsanteile verlieren“, so Oxford Economics: Bei den Energiekosten hat Deutschland vor allem gegen- über dem Nahen Osten und den USA einen Wettbewerbsnachteil. Aber auch innerhalb Europas zählen die deutschen Industriestrompreise zu den höchsten. „In jüngster Zeit wurden politische Prioritäten gesetzt, die die Wettbewerbsfähigkeit negativ beeinflussen.“

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