Schweiz: Schlechte Zahlungsmoral der Kunden gefährdet Unternehmen

Die Schweizer Unternehmen leiden nicht nur unter dem starken Franken und der weltweiten wirtschaftlichen Abkühlung. Auch die Zahlungsmoral ihrer Kunden – Privatleute wie Unternehmenskunden – macht ihnen zu schaffen. Viele stellen deswegen auch weniger ein.

Derzeit müssen mehr als 60 Prozent der Schweizer Unternehmen eine längere Zahlungsfrist akzeptieren. Das geht aus dem aktuellen European Payment Report 2015 der Beratungsfirma Intrum Justitia hervor. Fast die Hälfte (43%) rechnet mit daraus resultierenden Liquiditätsengpässen. Zum Vergleich: 2013 sprachen 41 Prozent von Liquiditätsengpässen aufgrund schlechter Zahlungsmoral, 2012 waren es noch 36 Prozent.

Privatkunden haben in der Schweiz durchschnittlich 26 Tage Zeit, um ihre Rechnungen zu begleichen. Immerhin mehr als der Durchschnitt in der EU. Die Schweizer zahlen allerdings in der Regel erst nach mehr als 32 Tagen und somit deutlich später. Noch deutlicher wird die schlechte Zahlungsmoral hinsichtlich der Unternehmenskunden. Bei einer Zahlungsfrist von 28 Tagen zahlen viele Unternehmen erst nach durchschnittlich 37 Tagen. „Die öffentliche Hand liegt hier mit mehr als zehn Tagen sogar traurig an der Spitze (Zahlungsfrist 29,7 Tage; Zahlungsdauer 40,4 Tage)“, heißt es in dem Report.

Ein Teufelskreis: Schließlich bringen die zu spät beglichenen Rechnungen die Unternehmen in finanzielle Not und sorgen dafür, dass diese wiederum Schwierigkeiten haben, ihre Rechnungen zu bezahlen. „Zahlungsverzug und -ausfall führt in negative Spiralen, die allzu häufig in Umsatzeinbussen, Liquiditätsengpässen und auch Verhinderung von Wachstum enden“, sagt Thomas Hutter von der Intrum Justitia Schweiz AG.

Am stärksten seien die kleinen und mittelständischen Unternehmen betroffen. Und die stellen immerhin zwei Drittel der Schweizer Arbeitsplätze. Allein von 2012 auf 2013 stiegen die Zahlungsausfälle in der Schweiz von 7,8 Milliarden Franken auf 8,3 Milliarden Franken. In Europa beliefen sich die Zahlungsausfälle in dieser Zeit auf insgesamt 360 Milliarden Euro.

Eine Untersuchung des Internationalen Währungsfonds (IWF) beschäftigte sich ebenfalls mit Zahlungsverzug – speziell mit Blick auf die Auswirkungen zu spät oder gar nicht bezahlter Rechnungen von öffentlichen Institutionen. Die Untersuchungen ergaben, dass die Zahlungsmoral der öffentlichen Institutionen „erhebliche Folgen“ für die­­­­­ Wirtschaft hat. „Unsere Ergebnisse haben gezeigt, dass Zahlungsverzug Profite verringert, die Wahrscheinlichkeit von Insolvenzen erhöht und sogar das wirtschaftliche Wachstum reduziert.“ Allerdings sei es nicht möglich, exakte Größen diesbezüglich zu nennen.

Die Liquiditätsengpässe spiegeln sich auch in den Investitionen der jeweiligen Unternehmen wider. Dem European Payment Report 2015 zufolge würde jedes zehnte Unternehmen in der Schweiz mehr Beschäftigte anstellen, wenn die Kunde ihre Rechnungen pünktlich begleichen würden. Und dass die Schweizer Unternehmen derzeit tatsächlich nicht über viele neue Anstellungen nachdenken, zeigte sich jüngst beim KOF Beschäftigungsindikator der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich.

So fiel der KOF Beschäftigungsindikator im April auf den tiefsten Stand seit 2009: Er fiel im 2. Quartal 2015 um 6,2 Punkte. Im ersten Quartal lag der Indikator noch bei -2 Punkten. Mehr als 9.000 Schweizer Unternehmen werden monatlich und vierteljährlich von der Konjunkturstelle befragt. So war der Anteil der Unternehmen, die in den kommenden drei Monaten Stellen abbauen wollen, deutlich größer als der Anteil jener, die anstellen wollen. „Auch den gegenwärtigen Bestand an Beschäftigten bewertete eine über­wiegende Zahl der befragten Unternehmen als zu hoch“, so die KOF. Das zeigte sich auch daran, dass der Indikator für das erste Quartal bereits negativ ausfiel, obwohl zum damaligen Zeitpunkt viele Unternehmen vor der Abkoppelung des Frankens an der Umfrage teilgenommen hatten.

Gleichzeitig stieg auch die Zahl der Konkurse in der Schweiz. 1.415 Konkurseröffnungen gab es in den ersten vier Monaten, so der Wirtschaftsinformationsdienst Bisnode D&B Schweiz. Das entspricht einer Zunahme von einem Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. „Zusätzlich zu den 1.415 Insolvenzfällen wurden 482 Unternehmen als Karteileichen gemäss OR Artikel 731b aufgelöst, was zu einem Total von 1.897 Konkursverfahren führte.“

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