Mindestlohn und Ölpreis gefährden Transportunternehmen

Ein Großteil der deutschen Transportbranchen wird von kleinen und mittleren Betrieben getragen. Diese geraten aber aufgrund des Mindestlohns und der billigen Konkurrenz aus dem Ausland zunehmend unter Druck. Die niedrigen Ölpreise haben den Unternehmen nur eine vorübergehende Verschnaufpause beschert. Im kommenden Jahr ist mit steigenden Insolvenzen zu rechnen.

Die Transportbranche ist das Rückgrat für das Produzierende Gewerbe in Deutschland. Während die Schienen als Transportweg nur in 20 Prozent der Fälle genutzt wird, ist die Straße mit 70 Prozent Auslastung der wichtigste Weg. Doch die stark fragmentierte Transportbranche in Deutschland muss in den kommenden Jahren dennoch mit erheblichen Schwierigkeiten rechnen. Mindestlohn, Dumpinglöhne ausländischer Transportunternehmen und der steigende Ölpreis werden die oft kleinen und mittleren Betreibe der Branche unter Druck setzen. Immerhin wird die Branche in Deutschland zu 98 Prozent von KMUs bedient. 68 Prozent dieser verfügen über kaum mehr als neun Beschäftigte.

Im vergangenen Jahr wurden über den deutschen Straßentransport 305.744 Millionen Tonnen pro Kilometer rangiert. Damit ist der deutsche Straßentransport an erster Stelle in Europa: gefolgt von Polen, Spanien, Frankreich und Großbritannien. „Diese traditionelle Spitzenstellung beruht zum Teil auf der geografischen Lage des Landes als Bindeglied zwischen Ost- und Westeuropa“, heißt es in einem aktuellen Branchenbericht von Euler und Hermes. „Doch dieser Vorteil hat in den vergangenen Jahren an Bedeutung verloren, was die deutschen Straßenspediteure dazu zwingt, sich zunehmend auf den nationalen Markt zu konzentrieren.“ 2013 entfielen bereits 84 Prozent der Arbeit auf den nationalen Markt.

Doch trotz einer erwarteten Bruttoproduktion von 4,5 Prozent in diesem Jahr und 3,8 Prozent 2016 rechnet Euler Hermes für das kommende Jahr wieder mit steigenden Insolvenzen in der Transportbranche auf 1.700. Bisher konnten die gesunkenen Ölpreise die Mehrkosten etwa durch den Mindestlohn noch auffangen. Im ersten Quartal stiegen die Arbeitskosten in Deutschland insgesamt um 3,2 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. „Wir gehen davon aus, dass der durchschnittliche Ölpreis im kommenden Jahr von 63 US-Dollar pro Barrel auf rund 75 US-Dollar ansteigt“, sagte Ludovic Subran von Euler Hermes. „Das trifft insbesondere die Klein- und Kleinstbetriebe hart. 99% der deutschen Transportunternehmen sind kleine und mittelständische Unternehmen – knapp 70% haben sogar weniger als neun Mitarbeiter.“

Wenn der Ölpreis sich wieder erholt hat, bleibt den deutschen Transportunternehmen zumindest in Sachen Mindestlohn lediglich das Trostpflaster, dass auch ausländische Unternehmen, die in Deutschland transportieren, die Mindestlöhne einhalten müssen. Allerdings könnte sich das noch einmal ändern, da die EU erst vor ein paar Tagen ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland genau vor diesem Hintergrund eingeleitet hat. Der EU-Kommission zufolge sei die Anwendung des Mindestlohns auf „auf alle Verkehrsleistungen, die deutsches Gebiet berühren, eine unverhältnismäßige Einschränkung der Dienstleistungsfreiheit und des freien Warenverkehrs“.

Das sieht der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) anders: „Um halbwegs faire Wettbewerbsverhältnisse herzustellen, ist es unabdingbar und naheliegend, die von Gebietsfremden in Deutschland übernommenen grenzüberschreitenden Transporte und auch innerdeutschen Verkehre zumindest den Mindestlohnverpflichtungen zu unterwerfen.“

Die ausländische Konkurrenz wird sich aber auch unabhängig von der Mindestlohndebatte auf EU-Ebene noch verschärfen. Demnach hat der Bundesverkehrsminister Dobrindt jüngst entschieden, das noch bestehende Kabotageverbot für Transportunternehmen aus Kroation in Deutschland mit dem 30. Juni auslaufen zu lassen. Dann könnten die kroatischen Unternehmen ihre Transportdienstleistungen  in Deutschland erbringen. Der BGL hatte den Minister noch dazu aufgerufen, das Kabotageverbot zu verlängern. Durch die hohen Lohn- und Sozialkostenunterschiede werde diese Entscheidung den Preisdruck und den „Dumpingwettbewerb“ noch verschärfen, so der BGL.

Der Druck, der am eigenen Binnenmarkt herrscht, wird zudem von einem sinkenden internationalen Marktanteil begleitet. „Deutschland ist inzwischen weltweit nicht mehr Spitzenreiter im Marktsegment des internationalen Transportwesens, sondern liegt hier nach Spanien und Polen nur noch an dritter Stelle“, heißt es in dem Branchenbericht. Zwischen 2010 und 2013 waren die Aktivitäten um 19 Prozent zurückgegangen. Grund hierfür sind wiederum die hohen lohkosten im Vergleich zu den osteuropäischen Konkurrenten. Der eingeführte Mindestlohn hat diesen Unterschied auf dem internationalen Markt noch vergrößert, denn so liegen die Gehälter bald vier Mal so hoch wie in Osteuropa.

 

Kommentare

Schreiben Sie den ersten Kommentar zum Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.