Österreich: Selbständigkeit wird zur Armutsfalle

Über drei Viertel der gescheiterten Selbständigen haben einen Schuldenberg angehäuft. Auf die Selbstständigkeit folgt nicht selten Arbeitslosigkeit. Das führt dazu, dass bei Selbstständigen eine doppelt so hohe Armutsgefährdung besteht wie bei Beschäftigten.

In den vergangenen Jahren hat die Zahl der Unternehmensgründungen in Österreich deutlich zugenommen. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum stieg die Zahl der Unternehmensneugründungen im ersten Halbjahr 2013 um 2,3 Prozent. Gleichzeitig aber erhöhte sich auch die Zahl der überschuldeten Selbstständigen. Haftungen und Bürgschaften führten dazu, dass viele ehemalige Selbstständige sich bei einem Firmenkonkurs auch privat verschuldeten.

Die Gründe, aus denen heraus sich Österreicher selbstständig machen, haben sich über die Jahre verändert. Fast jeder dritte (32 %) ehemalige Selbstständige bei den Schuldnerberatungen in Österreich war vor seiner Selbstständigkeit arbeitslos. Das sind deutlich mehr als noch 2003 (20 %), wie die Langzeitstudie „Gescheiterte Selbstständige“ von 1998 bis 2013 zeigt.

Im Zusammenhang mit der Langzeitstudie bezeichnet der Begriff „ehemals Selbstständige“ jene Schuldner, die bei der Erstberatung in einer staatlich anerkannten Schuldenberatungsstelle eine gescheiterte Selbstständigkeit als einen der Gründe für ihre Überschuldung angaben.

230 der für die Studie Befragten gaben die ehemalige Selbstständigkeit als Überschuldungsgrund an: Das entspricht einem Anteil von 22,9 Prozent. 2008 waren es nur 22,6 Prozent. Nur Arbeitslosigkeit (32,9 %) und falscher Umgang mit Geld (25,4 %) wurden noch öfter als Gründe angegeben, wobei hinzuzufügen ist, dass eine Mehrfachnennung möglich war. Insgesamt lag die durchschnittliche Verschuldung der ehemaligen Selbstständigen bei 101.000 Euro. Bei den Frauen liegt die Durchschnittverschuldung mit 110.800 Euro über der der Männer (98.000 Euro).

Auffällig ist, dass die Zahl der gescheiterten Selbstständigen, die aus der Arbeitslosigkeit heraus ein Unternehmen gegründet haben, in den vergangenen Jahren zugenommen hat. Immerhin gaben auch 14 Prozent die Arbeitslosigkeit neben dem Streben nach Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung als Hauptmotiv für den Schritt in die Selbstständigkeit an.

„Auffallend ist, dass sich das Thema Arbeitslosigkeit wie ein roter Faden durch die Befragungsergebnisse zieht und im Vergleich zu den früheren Befragungen an Bedeutung in Bezug auf ehemals Selbstständige gewonnen hat“, heißt es in der Langzeitstudie.

So sind aktuell auch mehr als ein Drittel (36 %) der ehemaligen Selbstständigen wieder arbeitslos. 2008 waren es 30 Prozent, 2003 nur 25 Prozent. „Abschließend kann festgehalten werden, dass laut EU-SILC 2011 bei selbstständig tätigen Personen mit 12 % eine doppelt so hohe Armutsgefährdung besteht wie bei unselbstständig Beschäftigten.“

Darüber hinaus zeigt die Langzeitstudie eine steigende Tendenz „des Scheiterns innerhalb des ersten Jahres“. Fast die Hälfte der ehemaligen Selbstständigen beendete ihre wirtschaftliche Tätigkeit bereits während der ersten drei Jahre. Rund 70 Prozent waren maximal fünf Jahre als Unternehmer tätig. Auch hinsichtlich des Alters hat sich in den vergangenen Jahren etwas verschoben.

Mit 77,9 Prozent entschied sich die Mehrheit für eine Neugründung, nur 22,1 Prozent übernahmen ein bereits existierendes Unternehmen. Immerhin 20 Prozent der gescheiterten Unternehmer beschäftigten fünf bis 25 Mitarbeiter, rund ein Drittel war Alleinunternehmer.

Lag der Anteil der früher Selbstständigen über 50 Jahre in den untersuchten Jahren zuvor zwischen 15 und 20 Prozent, belief er sich 2013 auf 38 Prozent. „Dies kann darauf zurückgeführt werden, dass ältere Personen aktuell eher den Schritt in die Selbstständigkeit wagen als noch in den Jahren zuvor, oder aber, dass ältere Selbstständige im Jahr 2013 häufiger gescheitert sind.“ Auch hier gibt es Parallelen zum Arbeitsmarkt. So ist auch die Arbeitslosenquote bei den über 45-Jährigen 2013 deutlich höher als noch 2008.

Kommentare

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  1. hugin sagt:

    TRÜBE AUSSICHTEN
    Das Arbeitsmarkt-Service (Arbeitsamt) rät Arbeitslosen, sich selbständig zu machen.
    Meist werden Branchen gewählt, wo kein Kapital erforderlich ist. „Finanzberater“, „Betriebsberater“, „Psycho-Therapeut“ und Ähnliches. Diese Berufe haben sich in den letzten Jahren vervielfacht! Dazu kommen „Reformen“, welche finanzielle Belastungen bringen. Das Unternehmertum hat nur mehr sporlichen Charakter, wirklich verdient wird nicht mehr. Heuer soll das Wirtschafts-Wachstum nur 0,7% betragen, es wird aber sicher nach unten korrigiert werden. Für nächstes Jahr werden unrealistische 1,9% prognostiziert.
    2 Millionen Erwerbstätige zahlen keine Steuer, weil sie zu wenig verdienen,500.000 Arbeitslose, Mindestrentner…..
    Eine Aufwärts-Entwicklung kommt erst nach dem Zusammenbruch, aber das wagt niemand zu sagen!

  2. Siggi40.de sagt:

    An einer Existenzgründung scheint man in Österreich auch wenig Interesse zu haben.
    Vor ca. 2 Jahren stellte ich beim Gewerbeamt in Linz eine Anfrage auf Prüfung einer Gewerbeerlaubnis. Bis heute habe ich noch keine Antwort erhalten. Drei Monate nach der Anfrage hatte ich mich telefonisch erkundigt und erfahren, dass der Antrag auf Gewerbeerlaubnis an die Regierung Oberösterreich zur weiteren Bearbeitung weitergeleitet wurde.

  3. cocooning sagt:

    Ein paar Existenzgründungsseminare bei der IHK helfen, eine Insolvenz zu vermeiden. Denn bei den Seminaren lernt man auch den „geordneten Rückzug“ und die rechtzeitige Liquidation. Ohne Eigenklapital / Sicherheitspuffer: „Finger weg von einer Selbständigkeit“. Wenn man sich aus einer Arbeitslosigkeit heraus selbständig macht, kann man u.a. noch eine freiwillige Arbeitslosenversicheruing abschließen. Vielleicht gibt es diese in Österreich ja auch. Aber es stimmt: Als ehemaliger Selbständiger braucht man eine viel längere Zeit, um wieder in den Arbeitnehmer-Arbeitsmarkt zu kommen. In Deutschland dauert es länger – In den USA geht es schneller.

    • Wie brauchen mehr kleine und mittelständische Unternehmen! sagt:

      Meine Meinung ist, das viele Gründer sich noch besser informieren
      müssen, wie man am Anfang Kosten einsparen kann und welche
      Möglichkeiten es gibt, Aufträge zu bekommen. Da
      hilft zum Beispiel hier: http://www.tipps-für-existenzgründer.de

      Wichtig für mögliche Gründer ist auch mal nach neuen Unternehmensformen
      ausschau zu halten, wie man sich z.B. im Internet ein Unternehmen
      aufbauen kann: http://www.die-internet-geldmaschine.de
      Im heutigen digitalen Zeitalter ist das für viele eine gute Chance.