Handelskammer: Beziehung zu Deutschland leidet

Die Aufwertung des Schweizer Franken und die Masseneinwanderungsinitiative hat die Beziehungen zwischen Deutschland und der Schweiz verschlechtert, warnt der Chef der Handelskammer. Diese sei aber wichtig für die angeschlagene Wirtschaft der Schweiz. Sonst könnte eine Abwanderung von Unternehmen nach Deutschland folgen.

„Die Aufhebung der Wechselkursuntergrenze im Januar dieses Jahres forderte die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und der Schweiz zusätzlich heraus und hinterliess Bremsspuren und dies paradoxerweise nicht nur dies- sondern auch jenseits der Grenze“, sagte Handelkammerpräsident Gottlieb Keller bei der 103. Mitgliederversammlung in Zürich. Gemeint sind damit die Schweiz und Deutschland, die seit Jahren wichtige Handelspartner sind. Vor allem Chemie und Pharma, Maschinen, Apparate und Elektronik machen beidseitig einen großen Teil der Handelsware aus.

Doch die starke Aufwertung des Franken nach der Entkoppelung vom Euro und die Masseneinwanderungsinitiative, die noch immer für Aufregung sorgt, hätten zu  einer großen Verunsicherung geführt. Auch Auf Schweizer Seite führte das bei den Unternehmen zu großer Unsicherheit. „ Es herrscht grosse Verunsicherung über die Frage, welches Regelwerk und welches Integrationsniveau „Schweiz-EU“ künftig zu erwarten ist“, so Keller. Diese Frage werde den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Handelskammer beinahe täglich gestellt. „Die Befürchtungen die hier zum Ausdruck kommen, betreffen eine mögliche Personalknappheit, die damit verbundene Unsicherheit, Aufträge erfüllen zu können bis hin zur Frage, ob geplante Investitionen getätigt werden sollten oder nicht.“

Die Gefahr sei groß, dass der schwache Euro länger anhalten könnte und damit auch eine Rezession in der Schweiz in diesem Jahr nicht auszuschließen sei. Noch immer wird die Belastung durch den Frankenschock nicht von allen ernst genommen. Doch die Auswirkungen sind bereits deutlich sichtbar. Eine Analyse von Deloitte zeigte kürzlich, dass zwischen 2008 und 2014 sind die Übernachtungen aus Nachbarländern um 23,5 Prozent zurückgegangen. Das entspricht fast genau der Abnahme des Wechselkurses, der in derselben Periode von 1,59 auf 1,21 EUR/CHF (-23,3 %) gefallen ist.

In den ersten drei Monaten des Jahres ist das Schweizer BIP so stark gesunken wie seit 2011 nicht mehr. In der Baubranche beispielsweise gingen die Umsätze im Vergleich zum Vorquartal um 12 Prozent zurück. Die Warenexporte gingen in den ersten drei Monaten des Jahres um 2,3 Prozent zurück. Die Gefahr sei gross, dass der schwache Euro länger anhalten könnte und damit auch eine Rezession in der Schweiz in diesem Jahr nicht auszuschliessen sei, so Keller.

Umso wichtiger ist es, die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zu Deutschland zu pflegen. Denn in den ersten fünf Monaten fielen der Handelskammer zufolge die Exporte nach Deutschland um neun Prozent, die Einfuhren in die Schweiz sogar um 12 Prozent. Und „obwohl die Import- und Exportanteile Deutschlands am Schweizer Aussenhandel seit Jahren erodieren und heute unter der Grenze von einem Drittel bzw. einem Fünftel liegen, bleibt Deutschland mit grossem Abstand vor anderen Nationen der erste Wirtschaftspartner der Schweiz“, heißt es im Jahresbericht der Handelskammer.

In einer Umfrage der Handelskammer zeigte sich, dass 74 Prozent der Unternehmen sich in ihrer Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigt sehen. Mehr als die Hälfte von diesen sogar „sehr stark beeinträchtigt“. „43 Prozent gehen von einem Exportrückgang nach Deutschland in den kommenden 12 Monaten aus“, so die Handelskammer.  Um Kosten zu senken sucht fast die Hälfte der Unternehmen nach einer Verlagerung der Einkaufsquellen in die EU. „ Eine Abwanderungswelle nach Deutschland kann die Handelskammer im Tagesgeschäft allerdings nicht feststellen.“

Daher sei es ausgesprochen wichtig, dass Politik in der Schweiz für Rahmenbedingungen sorgt, die nicht noch zu weiteren Kostenerhöhungen für die Wirtschaft führen. Als Beispiele nannte Keller die Aktienrechtsreform und die Energiestrategie 2050. Eine Bürokratisierungsbremse wie in Deutschland ist Keller zufolge ebenfalls eine Überlegung wert.

Mit Blick auf die Masseneinwanderungsinitiative und die damit einhergehenden Folgen für die Beziehungen zu Deutschland und der EU, setzt die Handelskammer auf den Vorschlag eines flexiblen Migrationsmodells. Eine Kündigung der bilateralen Verträge wäre für die Wirtschaftsbeziehungen ein erheblicher Schaden, sagte Keller: Darum gelte es, so schnell als möglich die Planungssicherheit für unsere Unternehmen wiederherzustellen.

Kommentare

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  1. Jürgen Kunz sagt:

    Die Aufwertung des Franken stellt in der Tat ein großes Problem gegenüber allen Ländern im Euroraum dar.
    Die Initiative zur Begrenzung der Masseneinwanderung ist allerdings eine interne Angelegenheit der Schweiz, wie auch vieler anderer Staaten mit diesen oder ähnlichen Initiativen. Dies sollte keinerlei Auswirkungen auf den Handel haben.
    China und Japan nehmen überhaupt keine Wirtschaftsflüchtlinge (denn darum handelt es sich meist) auf – und die USA nur die Hälfte der Zahl, die Deutschland aufnimmt.
    Und Russland hat genug damit zu tun, die etwa 200.000 Flüchtlinge aus der Ukraine, wo tatsächlich geschossen wird, zu integrieren.
    Und das spielt beim Handel überhaupt keine Rolle.