Einkaufstourismus im Ausland belastet Schweizer Einzelhandel

Der starke Franken treibt immer mehr Schweizer zum Einkauf ins Ausland. Selbst Fahrten von bis zu einer Stunde und mehr werden dafür in Kauf genommen. Lebensmittel, Drogerieartikel aber auch Einrichtungsgegenstände werden gekauft. Fast neun Milliarden Franken entgehen so dem Schweizer Einzelhandel.

Wohnt man in Kreuzlingen, ist der Weg ins Ausland nicht weit. Der Grenzübergang zu Konstanz wird von vielen Schweizern genutzt, um Lebensmittel und Bekleidung in der Stadt am Bodensee zu kaufen. Im Gegenzug freuen sich die Konstanzer über einen kurzen Tanktrip in die Schweiz. In den vergangenen Monaten jedoch ist der Andrang in Konstanzer Supermärkten und Einkaufscentern am Bodensee deutlich größer geworden. Die massive Aufwertung des Schweizer Frankens treibt noch mehr Schweizer zum Shoppen ins Ausland.

Selbst Schweizer, die nicht so nah an der Landesgrenze leben, gehen für Einkäufe ins Ausland. Eine Studie des Forschungszentrums für Handelsmanagement an der Universität St. Gallen zeigt, dass selbst Konsumenten aus der Innerschweiz (Kantone Zug, Luzern, Schwyz und Bern) teilweise außerhalb der Schweiz einkaufen gehen. Die Konsumenten aus dieser Region decken immerhin 30 Prozent ihres Bedarfs mit Einkäufen im Ausland.

Wie groß die Bereitschaft zum Einkaufen im Ausland ist, zeigte sich auch bei den durchschnittlichen Fahrzeiten der insgesamt 3.000 für die Studie befragten Einkaufstouristen. Diese liegt immerhin bei fast einer Stunde. Knapp 50 Prozent der Befragten sind bereit, mehr als 40 Minuten für die Einkäufe zu fahren, jeder Fünfte würde sogar eine Fahrtzeit von mehr als einer Stunde in Kauf nehmen.

Darüber hinaus hat fast ein Drittel der Befragten bereits einmal bei einem ausländischen Anbieter im Internet bestellt. Hier stehen aber eher Bekleidung, Sportartikel oder Einrichtungsgegenstände und weniger Lebensmittel im Vordergrund. Mit durchschnittlich 628 Franken gäben die Schweizer Konsumenten für Einrichtungsgegenstände aus dem Ausland vergleichsweise viel aus, heißt es in der Studie.

Immerhin 60 Prozent der Schweizer kaufen dafür ab und an Lebensmittel und Drogerieartikel im Ausland. „Im Durchschnitt kaufen Konsumenten ca. 8,5 Mal pro Jahr Lebensmittel im grenznahen Ausland ein“, so die Studie. „Auch Drogerieartikel werden durchschnittlich 5,4 Mal pro Jahr vergleichsweise häufig im grenznahen Ausland eingekauft.“

Dabei sind die Ausgabebeträge für Drogeriemärkte mit durchschnittlich 81 Franken deutlich niedriger als bei den Lebensmitteln. Hierfür werden im Schnitt mehr als 100 Franken ausgegeben. Schätzungsweise entgehen dem Schweizer Einzelhandel durch den Einkaufstourismus knapp neun Milliarden Franken.

In den ersten drei Monaten verbuchte der Schweizer Detailhandel ein Minus von 0,8 Prozent. Der Online-Handel wird grundsätzlich zunehmend mehr ein Problem für den Schweizer Detailhandel. Allein im vergangenen Jahr legte der Online- und Versandhandel 7,2 Prozent zu. Der Umsatz lag bei 6,7 Milliarden Franken. Vor allem Heimelektronik und Bekleidung sorgten für die stärksten Umsätze, so die Gesellschaft für Konsumforschung GfK. Davon wurden Waren im Wert von 200 Millionen Franken an Paketstationen im Ausland abgeholt.

Doch nicht nur der starke Franken ist für die hohen Preise in der Schweiz verantwortlich. Allein die Warenbeschaffung im Inland macht der Economie Suisse zufolge mit 44 Prozent den bedeutendsten Kostenfaktor aus. So spürt der Detailhandel beim Bezug von inländischen Produzenten den Agrarprotektionismus stark. „Er bezahlt 25 Prozent mehr als in der EU“, so die Economie Suisse. Der zweitgrößte Kostenfaktor für den Detailhandel ist mit 17 Prozent die Warenbeschaffung aus dem Ausland, gefolgt von Personal- und Vorleistungskosten.

Das hohe Schweizer Lohnniveau, die geringe Größe des Schweizer Marktes und die starke Konzentration auf bestimmte Anbieter im Lebensmittelhandel treibt die Preise. Schon allein die Mehrsprachigkeit der Schweiz verteuert die Verpackung und die Werbung. Ein Blick auf den Schweizer Warenkorb zeigt, dass die Preise trotz eines verteuerten Warenkorbs in Segmenten wie Lebensmittel und Bekleidung in den vergangenen Jahren leicht gesunken sind, Handys und Fernseher sogar um 26 Prozent. Doch die Preisdifferenz zum Ausland ist noch immer groß genug, um den Einkaufstourismus zu beflügeln.

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