Strukturwandel: Deutschland ist kein Land der Streiker

Die Streikdauer hat in Deutschland in den vergangen vier Jahren deutlich zugenommen. Im europäischen Vergleich ist Deutschland allerdings immer noch eines der ruhigsten Länder. Doch obwohl die Zahl der Streikenden in Deutschland sogar deutlich zurückgegangen ist, sind die Arbeitsniederlegungen deutlich spürbar.

Mit Blick auf die vergangenen eineinhalb Jahre ist bei den deutschen Bürgern der Eindruck entstanden, dass wesentlich mehr als früher gestreikt wird. Tatsächlich aber hat sich  eher die Streiklandschaft verschoben. So sind beispielsweise die streikbedingten Ausfalltage je 1.000 Beschäftigte zwischen 2010 und 2014 von 0,9 Tagen auf 2,8 Tage angestiegen, doch die Zahl der am Streik Beteiligten ist deutlich zurückgegangen, wie eine Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln zeigt.

Demnach lag die Zahl der Streikenden je bestreiktem Betrieb von 1995 bis 1999 bei durchschnittlich 583 Beschäftigten. In der Zeit zwischen 2010 und 2014 waren es durchschnittlich nur noch 64 Beschäftigte, die sich an einem Streik beteiligten. Der Streikumfang hat deutlich abgenommen.

Dass den Bürgern die Intensität der Streiks in den vergangenen Jahren dennoch höher erscheint, liegt an der Struktur der Streiks. Zwischen 1990 und 1994 hatten die Streiks im Produzierenden Gewerbe und im Dienstleistungsgewerbe einen ähnlichen Umfang, während zwischen 1995 und 2004 die Streiks im Produzierenden Gewerbe deutlich dominierender waren. Seit 2005 jedoch kehrte sich dies um.

In den vergangenen neun Jahren haben die Arbeitsniederlegungen im Dienstleistungssektor deutlich die Oberhand erlangt. Das führte dazu, dass die Streiks von der breiten Öffentlichkeit deutlich stärker wahrgenommen werden. So entfallen seit 2005 drei Viertel auf den Dienstleistungssektor, also zum Beispiel auf Busse, Bahn oder Kindergärten.

Ein weiterer Wandel ist die Kleinteiligkeit. Mit der Zunahme der Streiks im Dienstleistungssektor waren es auch zunehmend kleine Gewerkschaften, die zu Streiks aufgerufen hatten, um die eigenen Ziele durchzusetzen. Ein Umstand, der sich in den vergangenen fünf Monaten noch einmal kurz vor dem Inkrafttreten des Tarifeinheitsgesetzes noch einmal zu einer Zunahme der Streiks geführt hatte.

Nichtsdestotrotz ist Deutschland im internationalen Vergleich ein eher weniger streikendes Land. Während beispielsweise in Deutschland durch Streiks 2,8 Arbeitstage ausfielen, waren es  in Großbritannien seit 2010 im Schnitt 26 Tage und in Frankreich sogar 139 Tage. Ähnlich sieht es bei der Betrachtung des Streikumfangs aus. In vielen Ländern beteiligen sich meist mehr Arbeitskräfte an Arbeitsniederlegungen als in Deutschland. Insgesamt nimmt der Streikumfang aber in vielen der OECD-Länder ab.

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