Eurotunnel: Flüchtlingsdrama bringt Spediteure in Bedrängnis

Die zunehmenden Zwischenfälle mit Flüchtlingen am Eurotunnel beeinträchtigen den Frachtverkehr erheblich, wie Transporteure berichten. Insbesondere nächtliche Sperrungen treffen die Bahn und verursachen Verspätungen von bis zu 24 Stunden. Der Verband der Transportlogistiker BGL spricht von unhaltbaren Zuständen, da die Wartezeiten erhebliche Kosten verursachen und für einzelne Spediteure existenzbedrohend seien.

Das Flüchtlingsdrama am Kanaltunnel zieht die Wirtschaft zunehmend in Mitleidenschaft. Tausende Migranten versuchen immer wieder, als blinde Passagiere über diese Verbindung von Frankreich nach Großbritannien zu gelangen. Der Frachtverkehr ist durch Zwischenfälle erheblich beeinträchtigt, wie Transporteure berichten. Die Deutsche Bahn treffen insbesondere nächtliche Sperrungen, denn ein Großteil der Güterzüge ist dort zwischen Dämmerung und Tagesanbruch unterwegs. Zurzeit seien Verspätungen von bis zu 24 Stunden üblich, klagt eine Bahn-Sprecherin.

Der Spitzenverband der Transportlogistiker BGL spricht von „unhaltbaren Zuständen“ im Gebiet um Calais. Die betroffenen Unternehmen müssten zu lange Wartezeiten in Kauf nehmen, bevor sie mit ihrer Lkw-Fracht in das vom Eurotunnel -Konzern betriebene, 50 Kilometer lange Röhrensystem unter dem Ärmelkanal gelangten. Dies verursache erhebliche Kosten. Für einzelne Spediteure seien die Probleme existenzbedrohend. Verschärft wird die Situation durch einen Ausstand streikender Seeleute im Fährhafen von Calais. Rund um die französische Stadt am Ärmelkanal gibt es etliche Lager, in denen sich Tausende Flüchtlinge sammeln.

Die Migranten stammen meist aus Afrika und dem Nahen Osten. Sie sind auf der Suche nach Sicherheit, Jobs und einem besseren Leben. Mehrere bezahlten den Versuch, auf illegalem Weg nach Großbritannien zu gelangen, bereits mit dem Leben. Doch auch unter Lkw-Fahrern geht mittlerweile die Angst um. Manche Flüchtlinge versuchten laut BGL unter Androhung von Gewalt, auf die Lastwagen zu gelangen: „Ich habe noch keine Situation erlebt, in der Fahrer so viel Angst um Leib und Leben hatten“, sagt der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Verbands, Adolf Zobel.

Sie sind angehalten, in Frankreich durchzufahren, damit organisierte Schlepper niemand auf Parkplätzen an Bord schleusen können. Wenn die britischen Einwanderungsbehörden blinde Passagiere entdecken, drohen Fahrern und Unternehmen nach Angaben der Logistiker empfindliche Strafen wegen Menschenschmuggels.

Laut Christian Bühl vom Spediteur Thermotraffic herrschen um Calais herum „chaotische Zustände“. Die Münchner Firma, die Frischware und Tiefgefrorenes transportiert, klagt über stundenlange Wartezeiten auf der englischen Seite des Ärmelkanals. Doch im Juli seien wegen langer Rückstaus auch schon mal drei bis vier Tage Stop-and-Go vor dem französischen Südportal der Kanalröhre „normal“ gewesen – eine extreme Belastung im Hochsommer für die Kühlfahrzeuge und Fahrer, die zudem noch Ruhezeiten einhalten müssen. Thermotraffic-Niederlassungsleiter Christian Louda beziffert den finanziellen Schaden allein im Juli auf einen sechsstelligen Euro-Betrag.

Seine Fahrer berichteten davon, dass Migranten im Pulk versuchten, in die Laderäume der Lastwagen zu klettern. Nach französischen Angaben wurden allein dieses Jahr 17 Schleuserringe zerschlagen. Dabei gibt es Kontrollen: Die Lastwagen werden beispielsweise mit Sonden untersucht, ob ein erhöhter CO2-Gehalt auf die Atemluft blinder Passagiere hinweist. Doch manche Flüchtlinge springen erst kurz vor den Kontrollstellen auf die Lkw auf und bleiben so unentdeckt.

Die Deutsche Bahn betont, Wagen und Loks würden derzeit noch intensiver kontrolliert. „Dabei gehen die Mitarbeiter mit höchstmöglicher Sensibilität vor und äußerst sorgsam mit möglichen Flüchtlingen um“, so die Sprecherin. Der BGL verweist darauf, dass sich die Lage zuletzt etwas entspannt habe, da immer mehr britische Firmen in die Werksferien gingen: „Wir haben deutlich weniger Lkw-Verkehr als noch vor ein paar Wochen.“ Doch nach der Urlaubszeit werde sich das wieder ändern. Die Regiering in London will mit einer Millionensumme den Bau eines drei Meter hohen Zauns um das Terminal bei Coquelles auf der französischen Seite des Tunnels mitfinanzieren. Zobel sieht die Erfolgsaussichten skeptisch: „Die Frage ist doch, ob mehr Zäune helfen.“

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