Schwacher Euro führt zu Reformstau in Unternehmen

Dank des niedrigen Euros konnten viele deutsche Unternehmen in diesem Jahr bisher noch gute Umsatzzahlen präsentieren. Mit wirtschaftlichen Erfolg im eigentlichen Sinn hat das aber nicht viel zu tun. Vielmehr verführt es die Unternehmen dazu, keine Reformanstrengungen zu unternehmen. Steigt der Euro wieder, kommt das große Erwachen. Wie stark die deutschen Unternehmen nämlich eigentlich unter den Krisen weltweit leiden, zeigt die trotz des niedrigen Euros hohe Zahl der Gewinnwarnungen.

Wirtschaftliche Schwierigkeiten in Russland, Brasilien und auch China sind nur ein paar der aktuellen Umsatzdrücker für deutsche Unternehmen. Der Wachstumsrückgang der Schwellenländer schwächt auch deutsche Exporteure und wird sich in den kommenden Monaten noch verstärken. Sanktionen wie gegenüber Russland tragen ebenfalls zum derzeitigen schwierigen Umfeld bei. Trotz dieser Gegebenheiten, gab es aber in diesem Jahr einige Unternehmen, die gute Umsatzzahlen präsentierten konnten. „Nachdem im Jahr 2014 die Zahl der Gewinnwarnungen auf den höchsten Stand seit 2011 gestiegen war, wurden im ersten Halbjahr von den 304 im Prime Standard notierten Unternehmen insgesamt 59 sogenannte Gewinn- oder Umsatzerwartungen veröffentlicht – ebenfalls ein neuer Höchststand“ heißt es in einer Analyse der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst Young.

‚Gewinnerwartung‘ heißt in diesem Zusammenhang, dass der Gewinn höher ausfällt als zuvor vom Unternehmen prognostiziert. Im ersten Halbjahr 2014 hatte es beispielsweise nur acht derartige Fälle gegeben. „Der schwache Euro wirkt aktuell bei vielen deutschen Unternehmen als Umsatz- und Gewinnturbo“, sagt Martin Steinbach, Leiter des Bereichs IPO and Listing Services bei EY. „Im ersten Halbjahr dieses Jahres lag der Eurokurs im Vergleich zum US-Dollar und zum chinesischen Renminbi etwa 20 Prozent niedriger als im Vorjahreszeitraum – entsprechend steigen die für diese Regionen ausgewiesenen Euro-Umsätze. Bei immerhin 15 der 59 Gewinn- und Umsatzerwartungen in den ersten sechs Monaten des Jahres war beispielsweise ausdrücklich von positiven Währungseffekten die Rede. So erfreulich und willkommen dieser Umsatzschub für die deutschen Konzerne sei – über die tatsächliche operative Entwicklung der Unternehmen sage die aktuelle Flut von Gewinn- und Umsatzerwartungen relativ wenig aus.

Das Problem: Viele Unternehmen können derzeit überhaupt nur aufgrund des schwachen Euros ein Wachstum aufweisen. Tatsächlich geht es diesen Unternehmen aber eigentlich nicht gut, sie müssten sich an die neuen Marktgegebenheiten anpassen, Reformen durchführen oder Einsparungen ergreifen. Der Eurokurs lenkt davon ab. Das wird aber seinen Tribut fordern, sobald der Eurokurs wieder Fahrt aufgenommen hat. „Wenn im nächsten Geschäftsjahr die positiven Wechselkurseffekte wegfallen, könnte es ein böses Erwachen geben“, sagt Bernd Richter, Leiter des Bereichs Restrukturierung bei EY.

Unabhängig davon sieht man derzeit aber auch, wie schwer es die deutschen Unternehmen angesichts der aktuellen globalen Wirtschaftslage haben. Denn trotz des Eurofalls gab es in diesem ersten Halbjahr auch 24 Gewinn- und Umsatzwarnungen, wo die Unternehmen ihre Prognosen nach unten korrigieren mussten. Zum Vergleich: 2011 lag die Zahl der Gewinn- und Umsatzwarnungen nur bei 13. „Ehemals vielversprechende Schwellenländer wie Brasilien und Russland entwickeln sich aktuell sehr schwach – und nun scheint auch China eine Wachstumspause einzulegen“, so Richter. Hinzu käme der extrem niedrige Ölpreis, der in einigen Branchen zu Problemen führt.

Vor allem Industrieunternehmen, Baukonzerne und Energieversorger mussten in den vergangenen viereinhalb Jahren oft ihre Gewinnprognosen nach unten korrigieren. 67 Prozent der Energieversorger haben mindestens eine Gewinnwarnung veröffentlicht. Bei den Industrieunternehmen und Baukonzernen lag der Anteil bei 61 bzw. 60 Prozent. Die meisten Gewinnwarnungen werden dabei von kleineren und mittelgroßen Unternehmen herausgegeben.

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