Deutsche Wirtschaft schaut nach Indien

Deutschlands Firmen setzen auf gute Geschäfte in Indien und wollen dort mehr investieren. Am Sonntag startete Merkel eine mehrtägige Reise in das Land. Der deutsch-indische Handel lag 2014 bei 15,9 Milliarden Euro.

Knapp eineinhalb Jahre nach dem Amtsantritt des indischen Ministerpräsident Narendra Modi zeigt sich die deutsche Wirtschaft ernüchtert von dessen Reformen. „Die Erwartungshaltung, die es zumindest nach der Wahl Modis für Indien gab, sehen wir jedenfalls nicht bestätigt“, sagte der Vorsitzende des Asien-Pazifik-Ausschusses der deutschen Wirtschaft (APA), Hubert Lienhard, am Donnerstag im Reuters-Interview. Bei den großen Problemthemen habe sich nichts getan. Er nannte hier unter anderem die Frage einer einheitlichen Besteuerung und die Arbeitsmarktgesetzgebung.

Lienhard zufolge hatte es nach Modis Wahlsieg im Mai 2014 eine „große Euphorie“ in der deutschen Industrie gegeben. Im Frühjahr war Indien Partnerland der Industrie-Messe in Hannover gewesen. Am Montag finden unter Leitung von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Modi in Neu-Delhi deutsch-indische Regierungskonsultationen statt.

Allerdings nahm Lienhard den indischen Ministerpräsidenten ausdrücklich in Schutz. Denn um die genannten Probleme abstellen zu können, brauche dieser eine Verfassungsänderung. Dafür habe Modi aber nicht die nötige Mehrheit im indischen Oberhaus. Außerdem müsse man anerkennen, dass etliche Kraftwerks- und Infrastrukturprojekte tatsächlich beschleunigt worden seien. „Auch die Bürokratie arbeitet besser“, sagte der Manager, der zugleich Chef des Technologiekonzerns Voith ist.

Der ganz große wirtschaftliche Schub in dem Land mit 1,3 Milliarden Einwohnern steht bisher aus. Für dieses Jahr rechnet der Internationale Währungsfonds mit einem Wachstum von 7,5 Prozent. Als ein zentrales Problem der Wirtschaft sieht Lienhard die immer noch sehr starke Abschottung indischer Märkte. „Hier hat sich auch nicht viel geändert. Ausländische Banken und Versicherungen können immer noch keine Mehrheiten an Firmen in Indien haben“, erläuterte Lienhard. Im Industriebereich sei dies zwar anders, es gebe aber Benachteiligungen für ausländische Firmen bei öffentlichen Ausschreibungen.

Der deutsch-indische Handel lag 2014 bei 15,9 Milliarden Euro – das war weniger als 2012. „Ich bin nicht der Meinung, dass die deutsche Wirtschaft die Entwicklung in Indien verschlafen hat“, betonte Lienhard. Die rund 1.900 deutschen Firmen in dem Schwellenland seien gut positioniert. „Jetzt warten wir auf das Marktwachstum.“ Lienhard setzt bei den Geschäftsbeziehungen auf Regierungshilfe. Es helfe, wenn die Kanzlerin gut angesehen ist. „Ganz offensichtlich haben wir Deutschen im Ausland im Moment auch wegen unserer Flüchtlingspolitik einen sehr guten Ruf. Das Ansehen Deutschlands ist wirklich gestiegen.“

„Deutsche Unternehmen haben ein wieder stärkeres Vertrauen in Indien als Wachstumsmarkt und planen, ihre Aktivitäten dort auszubauen“, sagt auch DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier. „Zwei von drei der 30 größten deutschen Arbeitgeber vor Ort wollen alleine in den nächsten drei Jahren rund 1,4 Milliarden Euro investieren.“ Dies zeige eine Umfrage der deutsch-indischen Handelskammer. „Indien wird in diesem Jahr erstmals seit dreißig Jahren stärker wachsen als China“, begründete Treier den Optimismus. Bereits die Ankündigung wirtschaftspolitischer Reformen habe die Stimmung im Land deutlich verbessert – „und auch die der deutschen Unternehmen vor Ort.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel startet am Sonntag zu einer mehrtägigen Reise nach Indien, wo am Montag deutsch-indische Regierungskonsultationen beginnen. Auch Vize-Kanzler und Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel nimmt an den Gesprächen teil. Sie könnten nach Treiers Worten dazu beitragen, nötige Reformen anzukurbeln. „Dazu gehören der Ausbau grundlegender Infrastruktur, die Vereinfachung der Bürokratie, mehr Rechtssicherheit sowie der Abbau von Handelsbarrieren zwischen indischen Bundesstaaten.“

Zudem sollten die seit 2013 ruhenden Verhandlungen zum Freihandelsabkommen Indiens mit der EU schnell wieder aufgenommen werden. „Wichtig für die Unternehmen ist ein vollständiger Zollabbau bei Industrie- und Konsumgütern, die Reduzierung von doppelten Zulassungsverfahren sowie ein verstärkter Schutz geistigen Eigentums“, sagte der Experte des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK).

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