Frankreich nach den Anschlägen paralysiert

Bei einer beispiellosen Anschlagsserie in Paris sind mindestens 120 Menschen getötet worden. Allein 87 Tote habe es gegeben, als Attentäter bei dem Auftritt einer US-Rockband am Freitagabend um sich schossen, teilten die Behörden mit.

Bei einer beispiellosen Anschlagsserie in Paris sind weit mehr als 100 Menschen getötet worden. Allein bei einer Geiselnahme in der Konzerthalle Bataclan habe es ungefähr 100 Tote gegeben, sagte ein Vertreter der Stadtverwaltung. Etwa 40 weitere Menschen seien an fünf anderen Orten in der französischen Hauptstadt umgekommen, als Attentäter mit Sturmgewehren und Bomben belebte Restaurants und Bars angriffen. Vor dem Nationalstadion, in dem Präsident Francois Hollande und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier das Fußball-Länderspiel Frankreich gegen Deutschland verfolgten, sprengten sich zwei Selbstmordattentäter in die Luft. Die Staatanwaltschaft sprach von mindestens 120 Toten, fünf Attentäter seien getötet worden. Hollande verhängte den Ausnahmezustand über das ganze Land, ließ die Grenzen schließen und ordnete den Einsatz des Militärs an, um weitere Anschläge zu verhindern.

Der sichtlich erschütterte Präsident sprach von einer noch nie dagewesenen Serie terroristischer Anschläge. „Das ist ein Horror“, sagte er in einer nächtlichen Fernsehansprache an die Nation, ehe er in eine Krisensitzung des Kabinetts eilte. „In diesen schwierigen Momenten müssen wir (…) Mitgefühl und Solidarität beweisen, aber auch Einigkeit und Ruhe bewahren“, mahnte Hollande, der laut Regierungskreisen seine Teilnahme am G-20-Gipfel am Wochenende in der Türkei absagte. „Im Angesicht des Terrors muss Frankreich stark sein, es muss Größe zeigen und die staatlichen Behörden Härte. Das werden wir.“ Unklar war, ob noch Attentäter auf der Flucht waren. Alle Rettungsdienste wurden mobilisiert und 1500 Soldaten zur Verstärkung nach Paris geschickt.

Politiker in aller Welt, darunter US-Präsident Barack Obama und Bundeskanzlerin Angela Merkel, zeigten sich schockiert und erklärten sich solidarisch mit Frankreich. Das Land wurde nach dem Anschlag auf die Satire-Zeitung „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt im Januar mit 18 Toten nun schon zum zweiten Mal in diesem Jahr das Opfer einer Attentatsserie. Bundesinnenminister Thomas de Maiziere bot Frankreich die Hilfe deutscher Spezialkräfte an.

Der Journalist Julien Pierce war in der Konzerthalle Bataclan, als dort die ersten Schüsse fielen. Mehrere sehr junge, unmaskierte Täter seien in den Saal gekommen und hätten mit Sturmgewehren des Typs Kalaschnikow blindwütig in die Menge gefeuert, die sich zu einem Konzert einer US-Rockband versammelt hatte, berichtete er auf der Internetseite des Rundfunksenders Europe 1.

Die Anschläge ereigneten sich fast zeitgleich zum Beginn des Wochenendes am Freitagabend, als viele Leute in der Stadt und den Restaurants unterwegs waren. Allein in der Nähe des Fußballstadions waren drei Explosionen zu hören, zwei davon wurden einem Medienbericht zufolge durch Selbstmordattentäter ausgelöst. Das Freundschaftsspiel wurde dennoch fortgesetzt. Unter den Zuschauern brach allerdings Panik aus, als Gerüchte über die Anschlagsserie die Runde machten. Die Sicherheitskräfte hielten die Fans zunächst im Stadion fest, wo diese sich spontan auf dem Spielfeld versammelten. Polizei-Hubschrauber kreisten über der Szene, als Hollande in Sicherheit gebracht wurde.

Im Stadtzentrum fielen Schüsse vor einem kambodschanischen Restaurant im zehnten Bezirk. Zudem gab es unbestätigte Berichte über weitere Anschläge mit Schusswaffen in der Rue de Charonne im elften Bezirk und im Einkaufszentrum Les Halles. Die Pariser Stadtverwaltung forderte die Bürger auf, zuhause zu bleiben. Die Metro stellte auf einigen Linien den Betrieb ein. Bewohner der französischen Hauptstadt boten gestrandeten Mitbürgern und Urlaubern über Twitter ein Quartier für die Nacht an. Am Samstag sollen Schulen und Universitäten im Großraum Paris wegen der Anschläge geschlossen bleiben. New York erhöhte die Sicherheitsvorkehrungen an den Sehenswürdigkeiten der Stadt.

Wer die Attentate verübte, blieb zunächst unklar. Auf Twitter bekannten sich Anhänger der Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) zu den Taten, dies ließ sich jedoch nicht verifizieren. „Der Kalifatstaat hat das Heim des Kreuzes getroffen“, hieß es in einem Tweet. Die Welle der Gewalt kam nur Tage nach den Anschlägen in einem Schiitenviertel der libanesischen Hauptstadt Bagdad, zu denen sich der IS bekannte, und dem Absturz eines Flugzeugs mit russischen Urlaubern über der ägyptischen Sinai-Halbinsel, den ebenfalls der IS verursacht haben will. Paris ist derzeit ohnehin im Alarmzustand, weil dort noch in diesem Monat die Weltklimakonferenz mit zahlreichen hochrangigen Gästen stattfinden soll.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Frankreich nach der Anschlagsserie in Paris Unterstützung zugesagt. „Wir werden mit Ihnen gemeinsam den Kampf gegen die führen, die Ihnen so etwas Unfassbares angetan haben“, sagte Merkel am Samstag in Berlin. Dem französischen Volk wolle sie sagen: „Wir, die deutschen Freunde, wir fühlen uns Ihnen so nah. Wir weinen mit Ihnen.“ Zugleich unterstrich die Kanzlerin, alle müssten im Kampf gegen den Terrorismus zusammenstehen. „Dieser Angriff auf die Freiheit gilt nicht nur Paris. Er meint uns alle und er trifft uns alle.“ Merkel fügte hinzu: „Deswegen werden wir auch alle gemeinsam die Antwort geben.“ Merkel unterstrich, das freie Leben sei stärker als jeder Terror. „Lassen Sie uns den Terroristen die Antwort geben, indem wir unsere Werte selbstbewusst leben und indem wir diese Werte für ganz Europa bekräftigen – jetzt mehr denn je.“

„Wir haben ein weiteres Mal einen abscheulichen Versuch erlebt, unschuldige Zivilisten zu terrorisieren“, sagte Barack Obama. „Wir sind bereit jede Unterstützung zu liefern, die die Regierung und die Bevölkerung Frankreichs benötigen.“

Merkels Worte:

„Meine Damen und Herren, hinter uns liegt eine der schrecklichsten Nächte, die Europa seit langer Zeit erlebt hat. Die Menschen in Paris müssen einen Alptraum von Gewalt, Terror und Angst durchleiden, und ich möchte ihnen und allen Franzosen heute von hier aus vor allem eines sagen: Wir, die deutschen Freunde, wir fühlen uns Ihnen so nah. Wir weinen mit Ihnen. Wir werden mit Ihnen gemeinsam den Kampf gegen die führen, die Ihnen so etwas Unfassbares angetan haben.

Ich bin in Gedanken bei den mehr als 120 Menschen, denen das Leben geraubt wurde, und ich bin in Gedanken bei den Familien und Angehörigen. Seien Sie versichert: Deutschland fühlt mit Ihnen in Ihrem Schmerz und in Ihrer Trauer. Ich denke auch an die Verletzten ‑ mögen sie genesen, körperlich und seelisch.

Die Menschen, um die wir trauern, wurden vor Cafés ermordet, im Restaurant, im Konzertsaal oder auf offener Straße. Sie wollten das Leben freier Menschen leben, in einer Stadt, die das Leben feiert ‑ und sie sind auf Mörder getroffen, die genau dieses Leben in Freiheit hassen.

Dieser Angriff auf die Freiheit gilt nicht nur Paris ‑ er meint uns alle und er trifft uns alle. Deswegen werden wir auch alle gemeinsam die Antwort geben.

Da ist zunächst die Antwort der Sicherheitskräfte: Die Bundesregierung steht dazu im engen Kontakt mit der französischen Regierung und hat jedwede Unterstützung angeboten. Wir werden alles tun, um bei der Jagd auf die Täter und Hintermänner zu helfen und gemeinsam den Kampf gegen diese Terroristen zu führen. Ich werde heute im Laufe des Tages mit den zuständigen Ministern zusammenkommen, um die weitere Entwicklung der Lage in Frankreich und alle damit verbundenen Fragen zu erörtern.

Und dann geben wir auch als Bürger eine klare Antwort, und die heißt: Wir leben von der Mitmenschlichkeit, von der Nächstenliebe, von der Freude an der Gemeinschaft. Wir glauben an das Recht jedes Einzelnen ‑ an das Recht jedes Einzelnen, sein Glück zu suchen und zu leben, an den Respekt vor dem anderen und an die Toleranz. Wir wissen, dass unser freies Leben stärker ist als jeder Terror.

Lassen Sie uns den Terroristen die Antwort geben, indem wir unsere Werte selbstbewusst leben und indem wir diese Werte für ganz Europa bekräftigen ‑ jetzt mehr denn je.“

 

 

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  1. Alex sagt:

    Es ist natürlich furchtbar, was passierte. Gewalt gegen unbeteiligte Zivilpersonen ist grundsätzlich zu verurteilen.
    Aber, Merkels Satz „Die Menschen in Paris müssen einen Alptraum von Gewalt, Terror und Angst durchleiden“ ist doch das Letzte.
    Das was sie da beschreibt ist für die Menschen in Syrien, Libyen usw. seit Jahren Alltag, und daran sind Merkel und Co alles, nur nicht unschuldig.
    Was jetzt auf uns zukommt, bzw. wofür dieses Drama ausgenutzt wird, sollte jedem klar sein, die Politiker werden uns noch mehr militärisch engagieren, und den Überwachungsstaat vorantreiben.
    Meine Gedanken sind bei allen Opfern dieses seit Jahren währenden geopolitischen Fiaskos.