Ökonom: Die Löhne in Deutschland müssen steigen

Nicht nur Lohndumping ist ein Problem der deutschen Gesellschaft, vielmehr müssten die deutschen Löhne generell in den kommenden fünf bis zehn Jahren wachsen, warnt der Ökonom Heiner Flassbeck. Die Versuche, bei Flüchtlingen eine Ausnahme des Mindestlohns zu machen, betrachtet er zudem als weiterer Schritt in Richtung Lohn-Dumping.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Die Wirtschaftsweisen und Hans-Werner Sinn haben vorgeschlagen, die Flüchtlinge vom Mindestlohn vorübergehend auszunehmen, vorgeblich, um sie schneller und einfacher in den Arbeitsmarkt integrieren zu können. Könnte das nicht ein Versuch sein, den flächendeckenden Mindestlohn in Deutschland generell zu unterlaufen?

Heiner Flassbeck: Natürlich – und zwar ohne jeden Grund. Die Flüchtlingskrise wird dazu genutzt, um den Mindestlohn auszuhebeln, weil man nicht nachweisen kann, dass er Schaden angerichtet hat. Es gibt keinen einzigen empirischen Beweis dafür, dass ein Mindestlohn oder die Erhöhung des Mindestlohns zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit führt und die Theorie hinter der Ablehnung des Mindestlohnes ist lächerlich.

Deutsche Mittelstands Nachrichten:  Ist es nicht auffallend, dass ausgerechnet Deutschland so lang gebraucht hat, um den Mindestlohn einzuführen?

Heiner Flassbeck: Das ist vollkommen richtig. In Deutschland halten sich ökonomische Dogmen ziemlich lang. Weil der Mindestlohn gezahlt wurde, hatte das einen positiven Nachfrageeffekt. Doch ein Mindestlohn von 8,50 Euro ist zu niedrig angesetzt. Eigentlich bräuchten wir einen Mindestlohn von zwölf bis dreizehn Euro.

Deutsche Mittelstands Nachrichten:  Es gibt die These, dass der Zuzug vieler Flüchtlinge und Migranten auch zu einer Belebung der Wirtschaft führen werde. Was ist dran an dieser These?

Heiner Flassbeck: Zwangsläufig nicht, aber man kann dafür sorgen, dass zusätzliche Nachfrage entsteht. Das steigert wiederum die Produktion und schafft Arbeitsplätze. Die Flüchtlinge müssen in diesem Fall eine Anfangsausstattung an Einkommen bekommen und diese werden sie in den Konsum stecken. Dieses Geld muss der Staat leihen, weil es nur dann eine starke Anregung der Wirtschaft gibt. Er muss sich folglich durch die Begebung von Staatsanleihen Geld am Kapitalmarkt leihen. Die aktuellen Bedingungen dafür sind ja sehr günstig und eine andere Möglichkeit gibt es nicht, um einen positiven Nachfrage- und Arbeitsmarkteffekt für die Flüchtlinge zu erzeugen.

Deutsche Mittelstands Nachrichten:  Wie sehen Sie die Lohnentwicklung hinsichtlich der zunehmenden Digitalisierung der Industrie und der Arbeit allgemein?

Heiner Flassbeck: Wenn Digitalisierung die Produktivität steigert, müsste es auch zu einer Steigerung der Löhne kommen. Doch die Digitalisierung hat bisher keine positiven Produktivitätseffekte gehabt, zumindest steigt die Produktivität nicht stärker als vorher, sondern schwächer.

Deutsche Mittelstands Nachrichten:  Kann man mit dem Mindestlohn Lohndumping bekämpfen?

Heiner Flassbeck: Einzelwirtschaftlich schon, aber viel wichtiger ist ein anderer Ansatz. Die Löhne in Deutschland insgesamt müssen für die kommenden fünf bis zehn Jahre um mindestens fünf Prozent pro Jahr steigen. Nur das schafft positive Nachfrageeffekte und hilft die Ungleichgewichte in der Eurozone abzubauen.

Deutsche Mittelstands Nachrichten:  Was bedeutet TTIP für die deutsche Arbeitswelt und vor allem für die Lohnentwicklung?

Heiner Flassbeck: TTIP ist eine Fiktion. Der Gedanke, dass durch die TTIP mehr Arbeitsplätze geschaffen werden, stimmt nicht. Die USA werden sogar darauf setzen, dass die Außenhandelsüberschüsse Deutschlands sinken. TTIP würde dann dazu führen, dass der Freihandel negative Effekte für das deutsche Wachstum hat. Deshalb wird es meiner Meinung nach auch nicht zum Abschluss des TTIP-Abkommens kommen. Der US-Kongress ist ohnehin gegen Freihandelsabkommen mit Staaten, deren Währungen unterbewertet sind. Der Euro ist deutlich unterbewertet.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Wie würden sie das Phänomen der Leiharbeit einstufen?

Heiner Flassbeck: Nur negativ. Wenn die Firmen das Instrument der Leiharbeit nicht gehabt hätten, hätten sie die Leute trotzdem eingestellt. Leiharbeit ist eine grandiose Fehlentwicklung, die lediglich dazu dient, Unternehmen zu subventionieren. Schauen wir uns die vergangenen 15 Jahre an. Die Reallöhne sind gesunken und die Binnennachfrage ist kaum angestiegen. Ohne den Export von Arbeitslosigkeit in den Rest der Welt wäre es offensichtlich, dass diese Politik gescheitert ist.

Deutsche Mittelstands Nachrichten:  Können Sie uns eine Vorausschau bezüglich der wirtschaftlichen Situation geben?

Heiner Flassbeck: Die gesamtwirtschaftliche Situation ist schlecht. Deutschland und Europa befinden sich in einer Rezession. Da die Geldpolitik am Ende ihres Lateins ist, gibt es nur noch die Möglichkeit, im Rahmen einer expansiven Fiskalpolitik positive Nachfrageeffekte zu schaffen und damit die Wirtschaft anzukurbeln. Das heißt ganz explizit, der Staat muss neue Schulden machen, anders geht es nicht.

Der Kern der gesamten Krise in Europa liegt doch darin, dass wir im Gegensatz zu anderen EU-Staaten mehr exportieren als importieren und damit auf die Verschuldung anderer Länder setzen. Das geht jetzt nicht mehr.

Deutsche Mittelstands Nachrichten:  Können Sie das genauer beschreiben?

Heiner Flassbeck: Die Krisenländer der EU weisen schon ein hohes Volumen an Auslandsschulden auf. Die sind entstanden, weil Deutschland mit niedrigen Löhnen die Wettbewerbsfähigkeit dieser Staaten zunichte gemacht hat. In der Vergangenheit konnten Krisenländer dagegen vorgehen, indem sie ihre nationalen Währungen abwerteten. Doch innerhalb der Währungsunion ist das nicht mehr möglich.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Warum senken die Krisenländer die Löhne nicht? Dann wären sie doch wieder wettbewerbsfähig…

Heiner Flassbeck: Das geht nicht, weil es katastrophale Folgen hat, wie wir es in Südeuropa gesehen haben. Sie können keine weiteren Lohnsenkungen von 20 bis 30 Prozent durchsetzen. Was am Ende einer solchen Politik stehen würde, ist eine Deflation innerhalb der gesamten Union. Dann würden wir über eine lange Zeit hinweg kein Wachstum mehr haben. Folglich müssen in Deutschland die Löhne steigen. Passiert das nicht, wird der Euro irgendwann wegbrechen und in Deutschland kommt es in ganz kurzer Zeit zum Verlust von Hunderttausenden von Arbeitsplätzen, weil die Krisenländern eine drastische Abwertung ihrer nationalen Währungen vornehmen würden, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Unsere Wirtschaft würde klar den größten Schaden bei einem Scheitern des Euro erleiden.

Der Ökonom Heiner Flassbeck, geboren 1950 in Birkenfeld/Nahe, ist ehemaliger Chefökonom der Welthandels- und Entwicklungskonferenz (UNCTAD) und war zuvor Staatssekretär im Bundesministerium für Finanzen.

Kommentare

Dieser Artikel hat 2 Kommentare. Wie lautet Ihrer?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

  1. Dietlef sagt:

    Zum Teil hat der Ökonom recht, leider nur zum Teil. Aber zumindest sagt er das alles Schrott ist. Schulden machen ist nicht die Lösung, da aber bald ohnehin ein Großteil das Kapitals den Euroraum verlassen wird, schon wegen hoher Schulden ist dieser weg weggebrochen. Wettbewerbsfähig gegenüber dem Ausland ist eine Sache, aber der Binnenmarkt ist die andere Sache. Hier in Deutschland wie auch dem Rest der EU ist die Binnenwirtschaft zu schwach, das Geld geht nur an die Reichen, die nicht wissen wohin damit und Leute die Konsumieren würden haben immer weniger. Die Deflation ist da, wo man die Preise nicht Diktieren kann, die Inflation dort wo man diese ohne Rücksicht auf Verluste durchsetzen kann. Würde man den Leuten gute Löhne gönnen, würde sich der Markt selbst helfen. Ein Mindestlohn von 8,50 Euro sind lächerlich, bei 12 bis 13 Euro schon deutlich besser. Würde Fachkräfte an die 20 Euro verdienen wären 12 bis 13 Euro für ungelernte aber im guten Verhältnis. Aber egal, wünsche noch schönes Zwangsgeizen.

  2. Brigitte sagt:

    „Das heißt ganz explizit, der Staat muss neue Schulden machen, anders geht es nicht.“

    Das heißt ganz einfach, der Staat soll sich verschulden, damit Unternehmen auch weiterhin Gewinne erwirtschaften können. Doch dies bedeutet auch, dass die Staaten immer stärker, aufgrund der steigenden Verschuldung, erpressbar werden, siehe u.a. Griechenland und der Markt mit Geld gefluttet wird.

    Dies ist der falsche Weg Herr Flassbeck. Innerhalb der Unternehmen sind die Investitionen, also die Maschinen, welche steuerfrei und damit kostengünstiger arbeiten können als Arbeitnehmer deren stärkste Konkurrenten. Erhöht sich der Lohn, so wird noch mehr auf Maschinen gesetzt. Menschen verlieren ihre Arbeit und damit ihr Einkommen. Die Nachfrage nach den hergestellten Produkten stagniert bzw. bricht ein, sodass auch keine Investitionen mehr getätigt werden.

    Eine faire Verteilung der Steuerlast, welche hauptsächlich auf den Arbeitnehmer und dessen Familie liegt, würde hier Abhilfe schaffen. Deshalb plädiere ich für die Abschaffung der derzeitigen Besteuerung der Arbeitnehmer und Unternehmen, sowie der Umsatzsteuer und die Einführung einer prozentual einheitlichen Steuer auf jeglichen Gewinn, den Abschreibungen und den Arbeitnehmerentgelten.

    Obiger Vorschlag würde wieder zu einer stärkeren Nachfrage nach Arbeitnehmern, aufgrund der Verteuerung der Investitionen, führen und somit u.a. deren Verhandlungsbasis stärken.

    Brigitte