Klima-Konferenz: „Aufruf zum zivilen Ungehorsam“

„Wichtiger als was in den Verhandlungen passiert, wird sein, was auf der Straße passiert“, sagte Melanie Mattauch von der Klimaschutz-Organisation 350.org den Deutschen Mittelstands Nachrichten. Die Klimapläne der Regierungen reichen Mattauch und ihren Mitstreitern nicht.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Frau Mattauch, Abgesehen von Paris, wo höchstwahrscheinlich aufgrund der Anschläge von Mitte November keine Demonstrationen stattfinden dürfen, wird es in vielen anderen Städten zu Demonstrationen kommen. Welche Erwartungen haben Sie?

Melanie Mattauch: Am Wochenende vor dem Start der Klimakonferenz finden Demonstrationen in Städten auf der ganzen Welt statt, auch in Berlin. In Paris werden am 29. November zwischen 300.000 und 500.000 Menschen erwartet. Während der zweiwöchigen Konferenz werden Menschen aus ganz Europa in Paris eintreffen und es wird eine Vielzahl von Veranstaltungen und Aktionen geben.

Die Klimakonferenz kann ein starkes Signal senden, dass sich das Zeitalter von Kohle, Öl und Gas rapide dem Ende nähert. Jedoch ist jetzt schon abzusehen, dass sie weit unter dem, was Wissenschaft und Gerechtigkeit fordern, zurückbleiben wird. Darum werden am 12. Dezember, wenn die Konferenz zu Ende geht, etwa 5.000 Menschen an der europaweit größten Massenaktion zivilen Ungehorsams für das Klima teilnehmen. Sie wollen das letzte Wort nicht der Politik überlassen. Sie werden rote Linien um das Konferenzgelände ziehen, die für die Minimalbedingungen stehen, die wir für einen bewohnbaren und gerechten Planeten brauchen.

Die Demo am 29. November und die Aktion am 12. Dezember werden von einem breiten Bündnis getragen, der Coalition Climat 21, die aus den unterschiedlichsten Gruppen wie Gewerkschaften, Umweltorganisationen und Glaubensgruppen besteht.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Was genau kritisieren Sie?

Melanie Mattauch: Die Klimakrise ist ein Problem mangelnden politischen Willens und des massiven Einflusses, den die Kohle-, Öl- und Gasindustrie auf die politischen Entscheidungsträger hat. Obwohl die Klimawissenschaft absolut alarmierend ist und wir die Alternativen haben, laufen die Verhandlungen seit 20 Jahren, ohne dass unsere Politiker endlich handeln.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Glauben Sie, die eigenen Ländervorgaben reichen aus, um das Klima nachhaltig zu schützen?

Melanie Mattauch: Nein. Laut dem UN-Klimasekretariat würden die Verpflichtungen, die Länder auf den Tisch gelegt haben, dazu führen, dass sich die Erde bis 2100 um 3,5°C erwärmt. Das ist weit von dem politisch vereinbarten 2°C-Ziel entfernt und noch viel weiter von den 1,5°C, die wir laut Wissenschaftlern nicht überschreiten sollten.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Von wem hätten Sie mehr erwartet?

Melanie Mattauch: Insbesondere die Industrienationen haben am meisten zum Klimawandel beigetragen und stehen somit in besonderer Verantwortung, ihre Emissionen rapide zu reduzieren und Entwicklungsländer, die am meisten unter den Auswirkungen des Klimawandels leiden, zu unterstützen.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Was erwarten Sie von der Klimakonferenz?

Melanie Mattauch: Die Klimakonferenz kann ein wichtiges Zeichen setzen, dass das Zeitalter der fossilen Industrie vor dem Aus steht. Es ist jedoch abzusehen, dass die Vereinbarungen weit unter dem, was Wissenschaft und Gerechtigkeit fordern, zurückbleiben werden.

Wichtiger als was in den Verhandlungen passiert, wird sein, was auf der Straße passiert. Wo die Politik versagt, müssen Menschen sich zusammenfinden und die Sache selbst in die Hand nehmen.

Apartheid oder der Sklavenhandel wurden nicht gestoppt, weil sich Politiker dazu entschieden hätten. Eine Bewegung von organisierten Menschen haben ihr keine andere Wahl gelassen. Jetzt geht es darum, dafür zu sorgen, dass 80 Prozent der fossilen Rohstoffe im Boden bleiben, damit wir unsere Lebensgrundlage nicht zerstören.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Es gibt einige Gruppen, die sagen, der heraufbeschworene Klimawandel sei ein Schwindel, dieser finde gar nicht statt. Was sagen Sie diesen?

Melanie Mattauch: Die Kohle-, Öl- und Gasindustrie hat über Jahrzehnte Milliarden investiert, um Zweifel am Klimawandel zu säen. Tatsächlich ist der Klimawandel wissenschaftlich belegt. Der Zusammenhang zwischen CO2-Emissionen und Klimawandel ist mittlerweile stärker belegt als der Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Ist die Klimakonferenz Ihrer Meinung nach wirklich politisch unabhängig. Wie stark ist hier der Einfluss der Unternehmen?

Melanie Mattauch: Der Einfluss der Unternehmen, die den Klimawandel maßgeblich vorantreiben, ist immens. Es ist ein Hauptgrund, warum politisches Handeln bisher ausgeblieben ist. Um eine Chance auf das 2°C-Ziel zu wahren, dass sich die Konferenz gesetzt hat, dürfen 80 Prozent der bekannten Kohle-, Öl- und Gasreserven nicht verbrannt werden. Die Unternehmen, die im Besitz dieser Reserven sind, sollten von der Konferenz ausgeschlossen werden.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Was wollen Sie mit Ihren Protesten konkret erreichen?

Melanie Mattauch: Wir wissen, dass die Klimakrise nicht in Paris gelöst werden wird. Wir wollen den Politikern nicht das Feld überlassen und die Stimmen derer, die bereits am meisten unter dem Klimawandel leiden, Gehör verschaffen. Wir wollen den Menschen Hoffnung geben und zeigen, dass es eine globale Bewegung gibt, die nicht länger bereit ist, auf Politiker zu warten, sondern die Sache selbst in die Hand nimmt.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Glauben Sie, dass Ihre Proteste von den Verantwortlichen überhaupt wahrgenommen werden?

Melanie Mattauch: Natürlich. Als letztes Jahr 400.000 Menschen auf den Straßen von New York für Klimaschutz demonstriert haben – zusammen mit Aktionen rund um den Erdball – wurde dies von den Regierungschefs beim UN-Klimagipfel am nächsten Tag immer wieder in ihren Ansprachen erwähnt. Hunderttausende Menschen auf den Straßen von Paris und tausende Menschen in einer Aktion zivilen Ungehorsams werden nicht unbeachtet bleiben.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Was sind Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen, wenn es um den Klimawandel geht?

Melanie Mattauch: Das Ende des fossilen Zeitalters und die Energiewende sind unaufhaltsam, aber uns läuft die Zeit davon.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Was machen Sie, in der Zeit, in der keine Klimakonferenz stattfindet?

Melanie Mattauch: 350.org arbeitet mit Menschen rund um den Erdball, um vor Ort Klimaschutz durchzusetzen und eine international vernetzte Bewegung aufzubauen. Erst letzte Woche haben wir in den USA einen großen Erfolg gefeiert, als Präsident Obama der Keystone XL Öl-Pipeline, die Öl von den kanadischen Teersanden quer durch die USA transportiert hätte, eine Absage erteilt hat. Noch vor wenigen Jahren galt die Pipeline als beschlossene Sache. Doch jahrelanger Widerstand hat jetzt zum Ende des Projekts geführt.

Wenige Monate nach Paris wird im Frühjahr eine Welle von Massenaktionen auf verschiedenen Kontinenten den Stopp fossiler Großprojekte fordern. Divestment-Kampagnen fordern von Städten, Universitäten, Pensionsfonds und anderen Investoren, ihre Gelder aus der Kohle-, Öl- und Gasindustrie abzuziehen. Mittlerweile haben sich über 450 Institutionen mit einem Vermögen von 2,7 Billionen US-Dollar der Bewegung angeschlossen. Auch in Deutschland gibt es mittlerweile Divestment-Kampagnen in 23 Städten. Erst letzte Woche hat die Stadt Münster beschlossen, nicht länger in Kohle, Öl und Gas zu investieren.

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  1. kitty sagt:

    Wenn ich mir anschaue, vor was uns diese „Experten“ in den letzten Jahrzehnten schon gewarnt haben.

    Damals hieß es, aufgrund des „sauren Regens“ gibt es ab 2005 in ganz Europa keine Wälder mehr. Oder 1977 wurde gewarnt, dass unser Erdöl maximal noch 40 Jahre ausreichen würde. Ja, ja, die Experten und ihre Computermodelle…

    Seit 20 Jahren warnt man nun vor der Klimaerwärmung. Seit 19 Jahren SINKT die Durchschnittstemperatur auf der Erde. Die Antarktis meldet seit Jahren Rekordeisstände. Bevor man sich hier also als „Warner“ wichtig macht, sollte man sich im Internet erstmal schlau machen, ob diese Erwärmung überhaupt existiert.