Industrie 4.0: Mittelstand fehlt es an Krediten und Fachkräften

Die zunehmende Digitalisierung könnte für mittelständische Unternehmen eigentlich Hilfe in Sachen Fachkräftemangel sein. Doch noch immer konzentrieren sich zu wenige Betriebe auf Industrie 4.0. So fehlen Fachkräfte für die Umstellung und Einführung von Industrie 4.0. Die Metallbranche weiß um das Problem, zieht aber die fehlenden Finanzmittel für die Umstellung als Argument heran.

Die Schnelligkeit in der Entwicklung neuer so genannter Innovationen und die zunehmende Digitalisierung treiben auch die Zukunft der Industrie 4.0 in der Wirtschaft voran. Doch ein Blick auf die deutschen Unternehmen zeigt, dass hier noch ein erheblicher Nachholbedarf besteht. So schätzt zwar ein Großteil der Unternehmen die allgemeine Bedeutung der Industrie 4.0 als hoch in, aber zwischen dem allgemeinen Nutzen und der Anwendung im eigenen Betrieb klafft ein großes Loch.

Wie eine aktuelle Umfrage des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaften zeigt, sagen 84 Prozent der befragten Unternehmen, dass die allgemeine Bedeutung von Industrie 4.0 hoch ist. Aber nur insgesamt 69,1 Prozent sehen das auch in Bezug auf ihren eigenen Betrieb. Nach eigenen Angaben sind nicht einmal die Hälfte der Unternehmen im Bereich Digitalisierung und Industrie 4.0 aktiv. Das ist vor allem ein Problem des Mittelstandes. Denn die Unternehmen, die hier bereits in der Umsetzungs- bzw. Pilotisierungsphase sind, sind im regelfall größere Unternehmen.

Dabei könnte gerade der Mittelstand von der Industrie 4.0 profitieren. „Unglücklicherweise sind gerade die KMUs nach unserer Befragung bei der Umsetzung ganz hinten und nutzen deshalb diese Chancen nicht, obwohl es gerade für sie vorteilhaft wäre“, sagt Tim Jeske, der Studienleiter am Institut für angewandte Arbeitswissenschaft. „Industrie 4.0 kann eine Stellschraube sein, die es auch kleinen und mittleren Unternehmen erlaubt trotz der Entwicklung wettbewerbsfähig zu bleiben“. Den in Zeiten des Fachkräftemangels bietet vor allem die Digitalisierung Möglichkeiten, diesen auf mittlere Sicht zu kompensieren. Das gilt nicht nur in Bezug auf schwere körperliche Arbeit, sondern auch im Hinblick auf Mitarbeiterbindung und die Erweiterung des Einsatzgebietes einzelner Mitarbeiter.

So gaben selbst die befragten Unternehmen hinsichtlich der Vorteile von Industrie 4.0 an, dass anwenderfreundliche Assistenzsysteme die Chance böten, Prozesse zu vereinfachen. Das wiederum würde geringer qualifizierten oder „Flüchtlingen, die mit unterschiedlichem Qualifzierungs- und Sprachniveau in Deutschland ankommen, helfen.

Allerdings sehen viele Mittelständler auch etliche Probleme. So fürchten viele die fehlende Qualifikation von Beschäftigten, die Abhänigkeit von technischen Systemen, die Frage nach der Datensicherheit und die hohen Investitionen. Vor allem die ersten drei Befürchtungen der Unternehmen verweisen neben den hohen Anschaffungskosten auf weitere Kosten, die die Industrie 4.0 nach sich zieht.

„Wir brauchen mehr Fördermittel und Direktkredite für KMU, eine flächendeckende Breitbandversorgung und mehr digitale Bildung in Schulen“, sagt Arndt G. Kirchhoff , der Präsident des Verbandes der Metall- und Elektro-Industrie Nordrhein-Westfalen (METALL NRW). Zwar habe Deutschland in Sachen Industrie 4.0 noch einen Vorsprung, aber, in „der ersten Klasse des Industrie-4.0-Zuges sitzen vornehmlich amerikanische Internetfirmen“. „Deshalb müssen Fördermittel und Direktkredite in angemessener Höhe auch ohne horrende Absicherungssummen gewährt werden“, forderte Kirchhoff. Die Digitalisierung sei angesichts komplexer Verfahren teuer und für den industriellen Mittelstand nicht so leicht tragbar.

Die Stärken in Bezug auf Industrie 4.0 sieht Kirchhoff vor allem in der Sensorik, bei innovativen Produktionsprozessen, in der Roboterausstattung und in der Logistik. Die Mittelständler müssten sich aber, um konkurrenzfähig zu bleiben, darüber bewusst werden, „dass ihre Fabrik in Industrie 4.0 ein offenes, lernendes System sein wird“, so Kirchoff. Die KMU müssen offen für »exotische« Denkansätze und Sichtweisen sein und permanent die eigene Denkweise reflektieren. „Diese neue Form des Arbeitens wird auch die gesamte Organisationsstruktur eines Unternehmens beeinflussen mit einer neuen Führungskultur, mit Kreativräumen für die Beschäftigten und vielem mehr.“ Auch die Wissenskultur in einem KMU werde sich ändern. Ähnlich wie beim Umgang von Schülern mit dem Internet heißt es dann, dass nicht mehr nur das reine Wissen dem Unternehmen einen Wettbewerbsvorsprung verschaffe, sondern der richtige Umgang damit.

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