Finanzexperte: „Gute Unternehmen finden immer eine Finanzierung“

Das von Private Equity Häusern in deutsche Unternehmen investierte Eigenkapital betrug 7,16 Milliarden Euro im Jahr 2014, sagte Max Römer, den Deutschen Mittelstands Nachrichten. Römer ist Chairman und Gründungspartner von Quadriga Capital. Mit diesen Investitionen nehme Deutschland nach England und Frankreich eine Spitzenposition bei der eigenkapitalbasierten Unternehmensfinanzierung ein.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Welche Rolle spielt Private Equity (PE) in Europa?

Max Römer: Das Volumen des Eigenkapitalgeschäftes in Europa hat sich in den letzten 35 Jahren nahezu verhundertfacht. Politik und Wirtschaft haben erkannt, dass die Ausstattung von jungen und auch wachsenden Unternehmen mit genügend Eigenkapital ein wichtiger Faktor für die Entwicklung der Gesamtwirtschaft ist. Im Jahr 2014 haben Eigenkapitalhäuser – Private Equity Fonds – € 41,5 Milliarden in über 5.500 europäische Unternehmen investiert, von denen 83% Klein- und mittelständische Unternehmen waren. Hierbei handelt es sich um Firmen mit einem Umsatzvolumen von bis zu €50 Millionen.

Dieser Trend hat sich auch langfristig bestätigt. Die nachstehende Statistik von Invest Europe, Brüssel, für die Jahre 2007 bis 2014 zeigt auf europäischer Ebene folgende Zahlen:

 

n diesem Zeitraum wurden mit dem investierten Kapital 27.959 Unternehmen in Europa finanziert.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Wie hat sich die europäische PE-Branche gegenüber den USA positioniert?

Max Römer: Die vergleichbare Zahl für Investments in junge und dynamisch wachsende US-Unternehmen beträgt US$ 47,3 Milliarden für 2014. Auf Euro-Basis liegt dieser Betrag erstmalig sogar leicht unter dem europäischen Investitionsvolumen.

Der langfristige Trend zeigt, dass Europa gegenüber den USA noch Aufholbedarf hat: Während die gesamten Private Equity Investitionen in Europa knapp 0,3% des europäischen Bruttosozialproduktes ausmachen, liegt dieser Wert in den USA schon seit Jahren bei fast 0,9% des US-amerikanischen Bruttosozialproduktes. Dies liegt u.a. an der homogenen Struktur der US-amerikanischen Private Equity Gesetzgebung. Ziel ist es, einen vereinfachten Gesetzesrahmen auch für alle Länder der europäischen Gemeinschaft zu schaffen. Das von der EU Kommission formulierte Ziel einer europäischen Kapitalmarktunion (CMU – Capital Market Union) weist in die richtige Richtung.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Gibt es in den einzelnen europäischen Ländern noch große Unterschiede?

Max Römer: In der Tat gibt es große Unterschiede. Diese haben ihren Grund in dem unterschiedlichen Entwicklungsgrad der Unternehmens- und Finanzmärkte. So ist Großbritannien traditionell führend mit einem jährlich durchschnittlich investierten Eigenkapitalvolumen von € 10,4 Milliarden in der Zeit von 2010 bis 2014.

 

In den osteuropäischen Ländern entwickelt sich diese Industrie langsam und stetig, jedoch auf einem niedrigeren Niveau, das sich um den Wert von 0,1% des Bruttosozialproduktes bewegt.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Welche Rolle spielt PE in Deutschland?

Max Römer: Das von Private Equity Häusern in deutsche Unternehmen investierte Eigenkapital betrug € 7,06 Milliarden im Jahr 2014. Dieser Betrag wurde in 1.382 Unternehmen investiert. Deutschland nimmt damit nach England und Frankreich eine Spitzenposition bei der eigenkapitalbasierten Unternehmensfinanzierung ein.

 

Seit dem Finanzkrisenjahr 2009 hat sich das Investitionsvolumen der Eigenkapitalhäuser in Deutschland mehr als verdoppelt, bleibt jedoch ca. 20% unter dem Niveau, das sich bis zum 15.09.2008 in der gesamten Finanzierungsbranche aufgebläht hatte.

Die detaillierte Analyse der mit Private Equity in Deutschland finanzierten Unternehmen zeigt für das Jahr 2014 folgendes Bild:

 

 

Der BVK – Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften – hat in seinem Jahresbericht 2014 die Beteiligungsgesellschaften auch nach der Mitarbeiterzahl und Umsatzhöhe ihrer insgesamt gehaltenen deutschen Portfoliounternehmen befragt. Demnach erwirtschafteten die zum Jahresende 2014 in den Beteiligungsgesellschaften gehaltenen deutschen Portfoliounternehmen Jahresumsätze in Höhe von insgesamt 178,2 Mrd. € und beschäftigten rund 900.400 Mitarbeiter (http://www.bvkap.de) .

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Was sind die wichtigsten Kennzahlen – wieviele Arbeitsplätze finden wir in PE-geführten europäischen Unternehmen?

Max Römer: Auf europäischer Ebene werden zurzeit mehr als 21.000 Unternehmen von Private Equity Häusern finanziert mit bis zu 8 Millionen Beschäftigten. Das sind 4,3% aller im Privatsektor tätigen ArbeitnehmerInnen von 184 Millionen. Zählt man den öffentlichen Bereich als Arbeitgeber hinzu, summiert sich die Zahl der Beschäftigten auf 216 Millionen.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Wo sehen Sie die größten Probleme der Unternehmensfinanzierung heute?

Max Römer: Grundsätzlich gilt, dass eine gute Unternehmensidee sowie ein gut geführtes Unternehmen, das sich in seinem Heimatmarkt auf einem Wachstumskurs befindet oder international expandieren will, eine Finanzierung erhalten wird. Die Herausforderung für den Unternehmer ist es, den richtigen Finanzierungspartner zu finden, der die unternehmerischen Pläne und Budgets versteht und bereit ist, diese mit Eigenkapital und/oder Fremdfinanzierung zu begleiten. Die europäische Kommission hat hier das Potential der Eigenkapitalhäuser als Arbeitsplätze schaffende und erhaltende Kraft erkannt: Der Juncker Wachstumsplan unter Federführung des europäischen Investitionsfonds EIF in Luxemburg beinhaltet ein Eigenkapitalprogramm, wonach die Finanzierungskraft der Unternehmen gestärkt werden soll, und zwar durch das Zusammenkoppeln von Private Equity mit dem von der EU bereitgestellten Wachstumskapital..

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Wie können PE Unternehmen helfen, die Transformation in Richtung Industrie 4.0 durchzuführen?

Max Römer: Private Equity Funds haben grundsätzlich die Weiterentwicklung der durch sie finanzierten Unternehmen im Fokus. Nachhaltige Wachstumschancen zu nutzen beinhaltet immer, mit den neuesten technischen Entwicklungen Schritt zu halten. Dies gilt natürlich auch für die Transformation von Unternehmen, die die Chancen der Industrie 4.0 erkennen und für sich erschließen wollen.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Profitiert PE von der aktuellen Banken-Regulierung?

Max Römer: Nicht nur die europäischen Banken werden durch die seit Januar 2011 arbeitende Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA – European Securities and Markets Authority) reguliert, sondern auch die Private Equity Häuser. Aufgabe der Behörde ist es, das öffentliche Interesse zu schützen, indem sie für die Wirtschaft der Europäischen Union, ihre Bürger und Unternehmen zur kurz-, mittel- und langfristigen Stabilität und Effektivität des Finanzsystems beiträgt. Dazu ist sie u.a. befugt, der Kommission Vorschläge für Verordnungen vorzulegen, oder gegenüber nationalen Behörden sowie in besonderen Fällen einzelnen Marktteilnehmern gegenüber direkt aktiv zu werden. Es geht also nicht darum, dass Eigenkapitalhäuser und Banken sich gegenseitig Geschäft wegnehmen, sondern ihre Chancen unter dem gemeinsamen Regulierungsschirm der ESMA wahrnehmen.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: In D-A-CH ist PE ja sehr im Mittelstand verankert – ist der Mittelstand gut gewappnet für die technologischen Umbrüche?

Max Römer: Hier bin ich sehr zuversichtlich, weil der europäische Mittelstand schon immer ein hohes Maß an Bereitschaft und Initiative bewiesen hat, sich neuen technologischen Herausforderungen zu stellen. Zwei Zahlen sind hier besonders beeindruckend: Von den 500 umsatzstärksten Familienunternehmen der Welt befinden sich 243 in Europa (inkl. Schweiz und Norwegen), gefolgt von Nordamerika (USA, Kanada, Mexiko) mit 121. Ein Blick auf die 100 ältesten Unternehmen der Welt ist mit 72 in Europa ansässigen Unternehmen noch beeindruckender. Wesentliches Merkmal des europäischen Mittelstandes ist neben der Innovationsfähigkeit seine Nachhaltigkeit, die bisher nicht der wachsenden Kurzatmigkeit der Kapitalmärkte erlegen ist.

Der PWC Private Equity Trend Report 2015 zeigt für die in der D.A.C.H. Region tätigen Buy-Out Unternehmen folgende Investitionsschwerpunkte:

 

Neben den stark innovativen Branchen Technologie, Media, Telekommunikation (20%), Pharma, Medizin und Biotechnologie (8%) liegt der Investitionsschwerpunkt bei Produktionsunternehmen aus Industrie und Chemie (55%), die sich den Herausforderungen hin zur Industrie 4.0 stellen müssen.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Sie haben bei INVEST EUROPE neue ethische Standards definiert – worum geht es da?

Max Römer: Es geht um die Gesamtheit der Professional Standards, die von INVEST EUROPE soeben in überarbeiteter Form veröffentlicht worden sind(http://www.investeurope.eu/) . Diese betreffen Handlungsempfehlungen für das gesamte Private Equity Geschäft. Das gilt für die Zusammenarbeit mit Private Equity Investoren wie Pensionsfonds, Versicherungen, Banken und Family Offices aus der ganzen Welt. Dies gilt natürlich auch für die in unterschiedlichen Phasen der Unternehmensfinanzierung tätigen Eigenkapitalhäuser wie Venture Capital Unternehmen, die sich auf die Frühphasenfinanzierung konzentrieren, sowie Buy-out Unternehmen, die zusammen mit dem jeweiligen Management Unternehmensübernahmen durchführen, die sich im Rahmen von Nachfolgeregelungen oder Konzernausgliederungen ergeben. Hierzu zählen auch Eigenkapitalhäuser, die als Infrastrukturfonds auf die langfristige Finanzierung von Projekten eingestellt sind.

INVEST EUROPE vertritt als einer der größten internationalen Eigenkapitalverbände die Interessen all dieser Gruppen. Dieses Konzept funktioniert bereits seit 1983 als erfolgreiche und hoch transparente Plattform der Zusammenarbeit zwischen Investoren und Fondsmanagern.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Andere Investoren – wie etwa der norwegische Pensionsfonds – haben solche Standards schon, und haben damit erhebliche Veränderungen bewirkt. Werden wir einen Wandel hin zum nachhaltigeren Wirtschaften erleben?

Max Römer: Die Investitionsstandards der europäischen Pensionsfonds halten jedem internationalen Vergleich Stand, wenn es um die Frage der Nachhaltigkeit geht. Es waren die europäischen Pensionsfonds, die als erste Forderungen im Bereich Umwelt, Soziales und Unternehmensführung (ESG – Environmental, Social, Governance) an ihre Fondsmanager gestellt haben. Diese Pensionsfonds wie auch andere europäische institutionelle Investoren zeigen hier ein hohes Maß an Verantwortung, weil es ihnen neben der Rendite auch darum geht, dass diese von nachhaltig aufgestellten Unternehmen erwirtschaftet wird. Die europäischen ESG-Standards sind ein echtes Gütesiegel. Im internationalen Vergleich kann Europa stolz sein auf die wirksamsten Gesetze zum Schutz der Umwelt, das am weitesten entwickelte Arbeitsrecht und klar geregelte Grundsätze und Prinzipien der Unternehmensführung. Wichtig hierbei ist natürlich, dass sich alle Unternehmen der europäischen „Familie“ auch daran halten.

 

 

Kommentare

Schreiben Sie den ersten Kommentar zum Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.