Stahl statt Gold: Krise zwingt Schweizer Uhrenbauer zum Umdenken

Preise und Materialien für Luxusuhren passen sich den schrumpfenden Absatzzahlen der Hersteller an. Die Schweizer Uhrenexporte sanken in den ersten elf Monaten des vergangenen Jahres um 3,3 Prozent. Wirtschaftlichen Schwierigkeiten in den traditionellen Luxus-Kunden Regionen China, Russland und Arabien senken die Nachfrage.

Auf der Uhrenmesse in Genf glänzt und funkelt es noch. Trotz Absatzflaute in China und nachlassender Touristenströme in Europa hat der Branchentreff der Luxusgüterhersteller nichts an Glamour verloren – zumindest auf den ersten Blick. Doch dort, wo in den vergangenen Jahren fast ausschließlich Luxuszeitmesser aus Gold auslagen, blitzen nun auch zunehmend Modelle aus poliertem Stahl. Luxuskonzerne wie Richemont mit den Marken Cartier und Piaget setzen inzwischen stärker auf weniger hochpreisige Modelle, um die Kundschaft trotz unsicherer Zeiten zum Kauf zu animieren.

Das neue in Stahl gefasste Cartier-Herrenmodell Drive etwa ist ab gut 5000 Euro zu haben. Das ist unüblich für die Edelmarke, die neue Linien normalerweise zuerst in Gold und Leder für mehr als 10.000 Euro lanciert. Auch für die Damenuhren der Schwestermarke Piaget müssen die Käuferinnen weniger tief in die Tasche greifen – sie kosten gut 7000 Euro und nicht wie bislang mindestens 10.000 Euro. „Der Preis spielt für die Kunden heute eine andere Rolle“, sagte Piaget-Chef Philippe Leopold-Metzger zur Nachrichtenagentur Reuters. „Die Zeiten sind schwierig. Der Markt hat sich verändert und ist stärker umkämpft, was den Preis betrifft.“

Das spiegelt sich auch in den Absatzzahlen der Hersteller wider: Die Schweizer Uhrenexporte sanken in den ersten elf Monaten des vergangenen Jahres um 3,3 Prozent. Das liegt zum einen an dem langsameren Wirtschaftswachstum im wichtigen chinesischen Markt. Zudem geht die dortige Regierung im Kampf gegen Korruption seit einiger Zeit gegen das Verschenken von Luxusartikeln vor. Doch auch die trotz Krisen gewöhnlich konsumfreudige Kundschaft aus Russland und dem arabischen Raum kann die Einbussen in Asien nicht ausgleichen. Vor allem rund um den persischen Golf sorgt der niedrige Ölpreis für Verunsicherung – und die Kunden lassen ihre nicht mehr ganz so dicke Geldbörse lieber stecken.

Zwar ist das für die Uhrenkonzerne unterm Strich bislang nicht so schmerzhaft wie die Krise in den Jahren 2008 und 2009. Damals hatte die traditionsreiche Schweizer Uhrenindustrie mehr als 5000 Arbeitsplätze abgebaut. Wie lange der Abschwung anhält, ist allerdings nach Einschätzung des Präsidenten des Schweizer Uhrenverbands, Jean-Daniel Pasche, noch nicht absehbar. „2016 wird viel davon abhängen, wie sich die geopolitische Situation entwickelt.“ Denn Wohl und Wehe der Branche hängt nicht zuletzt an den Touristenströmen in Europas Großstädte. Die Terroranschläge in Paris im November haben jedoch viele davon abgehalten, den Kontinent zu bereisen.

Entsprechend leer bleiben die Luxusboutiquen in den Innenstädten. Einige Uhrenproduzenten haben darauf bereits mit dem Abbau von Arbeitsplätzen reagiert – etwa der jüngst vom Luxusgüterkonzern Kering übernommene Uhrenhersteller Ulysse Nardin oder die unabhängigen Konkurrenten Parmigiani und Christophe Claret. Selbst der rasch wachsenden Richemont-Schmuck- und Uhrenmarke Van Cleef & Arpels macht der Nachfragerückgang in Hongkong, Macau und den USA zu schaffen. Deren Chef Nicolas Bos spürt den Gegenwind für die Branche Tag für Tag: „Wir sind von dem sinkenden Konsumvertrauen genauso betroffen wie alle anderen.“

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