China-Kooperation soll Digitalisierung im Mittelstand vorantreiben

Eine stärkere Zusammenarbeit mit China soll die Digitalisierung der deutschen Industrie zur Industrie 4.0 vorantreiben. Insbesondere der Mittelstand sei aufgefordert, in die Digitalisierung zu investieren, um nicht zur „Werkbank“ amerikanischer IT-Konzerne zu verkommen, so Forschungsministerin Wanka. Gemeinsam mit China sollen etwa Projekte zur Vernetzung von Produktionsabläufen entstehen.

Bundesforschungsministerin Johanna Wanka will die deutsch-chinesische Zusammenarbeit beim Thema Industrie 4.0 erheblich ausbauen. China sei ein „sehr wichtiger Partner“ beim Versuch, industrielle Produktionsabläufe und Digitalisierung zu verschmelzen, sagte Wanka in einem Reuters-Interview. Beide Regierungen hätten sich jetzt auf gemeinsame Standards bei der Forschungsförderung geeinigt, sagte die Wissenschaftsministerin nach einem Besuch in China, wo sie sich über chinesische Anstrengungen bei der Digitalisierung informiert hatte. „Das ist technologieoffen, kann aber eben auch für Industrie 4.0-Projekte genutzt werden. Ich würde gerne schon in diesem Jahr mit einigen Projekten starten“, sagte Wanka.

Industrie 4.0 wird von der Bundesregierung und der deutschen Wirtschaft als nächste große industrielle Revolution angesehen. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat mehrfach davor gewarnt, dass die deutschen Unternehmen ohne eine digitale Vernetzung ihrer Fabriken zur „Werkbank“ amerikanischer IT-Konzerne zu verkommen drohten. Chinas Führung hat bereits im vergangenen Jahr großes Interesse an einer Zusammenarbeit geäußert.

„In China gibt es eine ganz große Erwartungshaltung an das Thema Industrie 4.0“, sagte Wanka. Staatspräsident Xi Jinping kümmere sich selbst um das Thema. Teilweise herrschten aber überzogene Erwartungen, wie schnell das Land seinen Rückstand aufholen könne. „China hat auf jeden Fall ein großes Interesse, mit uns zusammenzuarbeiten. Denn beide Länder zeichnet ein hoher Industrialisierungsgrad aus.“ In Deutschland sei allerdings die Automatisierung viel weiter fortgeschritten. Gerechnet auf 10.000 Industriearbeitsplätze habe es 2013 in China 14 und in Deutschland 282 Industrieroboter gegeben. „Was die komplexe Steuerung von Anlagen angeht, sind deutsche Unternehmen Weltspitze“, betonte die CDU-Politikerin.

Bei ihrem Besuch in China sei vereinbart worden, dass gemeinsame Arbeitsgruppen ausloten sollten, wo die Zusammenarbeit sinnvoll sei – und wo nicht. Wanka reagierte damit auf Vorbehalte deutscher Mittelständler, die Angst davor haben, dass chinesische Partner Knowhow absaugen. China sei aber deshalb ein interessanter Partner, weil das Land über sehr große industrielle Kapazitäten verfüge. Zudem könne die Regierung in Peking beträchtliche Finanzmittel einsetzen.

Wanka mahnte aber auch stärkere Anstrengungen in Deutschland an. „Unternehmen wie Siemens oder Bosch sind bei Industrie 4.0 führend. Aber Deutschland wird auf Dauer nur stark sein, wenn nicht nur die ganz Großen vorne sind“, sagte sie.

Die Bundesregierung wolle nun mit einem neuen Förderkonzept vor allem mittelständische Firmen ermuntern, die digitale Vernetzung der Produktion voranzutreiben. Die Firmen könnten dies für ihren Betrieb auf Testfeldern beispielsweise bei Siemens oder den Fraunhofer-Instituten durchspielen. „Unser Ziel ist es, auch Unternehmen zu eigenen Innovationsanstrengungen zu ermuntern, die hier bisher wenig aktiv waren“, sagte die CDU-Politikerin. Kern der Reform der Forschungsförderung in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) ist die Vermittlung von Schlüsseltechnologien, die Einbindung in Netzwerke sowie Erleichterungen bei der Inanspruchnahme staatlicher Hilfen.

Zudem will das Ministerium die Unterstützung von KMU um 30 Prozent auf rund 320 Millionen Euro pro Jahr erhöhen. Nach einer Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) lagen die Ausgaben der Unternehmen für Forschung und Entwicklung zwar insgesamt mit 145 Milliarden Euro im Jahr 2014 auf einem stabilen hohen Niveau. Aber der Anteil der KMU daran nahm ab. Gleichzeitig sank der Anteil der Unternehmen, die neue Produkte und Dienstleistungen in den Markt eingeführten, die sogenannte „Innovatorenquote“.

Entscheidend für den Erfolg der Digitalisierung werde die Datensicherheit sein, weil Industrie 4.0 nahezu alle Bereiche einer Firma vernetze. Auch deshalb habe Deutschland sehr gute Chancen: „Es profitieren gerade nicht diejenigen Länder mit den niedrigsten Datenschutzstandards.“ Die Firmen müssten selbst entscheiden, wo die anfallenden Daten ausgewertet und so auch neue Geschäftsmodelle entwickeln werden könnten. „Sonst kann man seine Daten gleich bei Google und Co. verwalten lassen – aber dann passieren die nächsten Innovationsschritte halt nicht mehr in den Unternehmen.“

Deshalb sei die Initiative der Fraunhofer-Forschungsinstitute zu einem „Industrial Data Space“, eines geschützten Datenraums speziell für Firmen, so wichtig, sagte die Ministerin. Zudem treibe auf EU-Ebene Digital-Kommissar Günther Oettinger das Konzept eines europäischen Datenraums voran. China müsse sich überlegen, wie Daten gesichert werden sollten. „Ohne wirklichen Datenschutz sind Fortschritte bei Industrie 4.0 und auch bei einer Kooperation nicht möglich.“

Bereits vergangenen März hatte das China-Institut Merics den starken Nutzen einer deutsch-chinesischen Zusammenarbeit in diesem Bereich betont. Damit könne man ein Gegengewicht zu US-Bemühungen der Standardsetzung bei digitalen Produkten schaffen.

 

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