Top-Ökonom: In China entsteht ein Problem für die Weltwirtschaft

Nicht nur Chinas wirtschaftlicher Abschwung, sondern vor allem die massive Staatsverschuldung wird zu einem handfesten Problem für die Weltwirtschaft werden, warnt der Ökonom Klaus Wellershoff. Gleichzeitig spielt auch die wirtschaftliche Entwicklung eine große Rolle. Noch stützen Konsum und Ölpreise die Wirtschaft. Steigen die Ölpreise wieder, könnte auch hier eine Krise drohen.

Deutsche Mittelstands Nachrichten: Herr Wellershoff, Brasilien ist den Ratingagenturen zufolge nun endgültig Ramsch, Russland kämpft mit einer handfesten Wirtschaftskrise und China bezahlt den Übergang vom Industriestaat hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft mit Prozentpunkten beim Wachstum. Lässt sich hier ein Zusammenhang erkennen. Ist das der Beginn einer Weltwirtschaftskrise?

Klaus Wellershoff: Dass die Wachstumsraten in den BRIC-Staaten heute deutlich niedriger liegen als noch vor wenigen Jahren, ist das Resultat eines ganz normalen und vorhersagbaren Prozesses. Wir prognostizieren seit dem Jahr 2010 stark fallende Trendwachstumsraten für die meisten Schwellenländer. Wer sich ein wenig mehr mit Ökonomie auseinandergesetzt hat, musste erkennen, dass auch aufstrebende Volkswirtschaften nicht dauerhaft mit so hohem Wachstum unterwegs sein können.

Wie gefährlich sind die Entwicklungen in den drei Ländern tatsächlich?

In Russland und Brasilien belasten zusätzlich zum fallenden Trendwachstum die Auswirkungen der gesunkenen Rohstoffpreise die Konjunktur. Das ist sehr schmerzhaft und noch nicht ausgestanden. In China hat die Regierung versucht, mit einer massiven Ausweitung der Verschuldung auf den Abschwung zu reagieren. Heute ist China so hoch verschuldet, wie es nie ein Land gleicher Entwicklungsstufe bisher gewesen ist. Da entsteht ein wirkliches Problem für die Weltwirtschaft.

Wie beurteilen Sie die Folgen dieser Entwicklung für die US-Wirtschaft?

Die Amerikaner leiden vor allem unter dem starken Dollar. Auch hier sehen wir einen Superlativ: Handelsgewichtet und inflationsbereinigt war der Dollar noch nie so stark wie heute. Das hinterlässt Spuren vor allem in den Ertragsrechnungen der Unternehmen. Die Unternehmensgewinne fallen und damit vergeht den Unternehmern auch die Lust am Investieren. Ohne Investitionen wird es aber knapp in der Konjunktur. Das unterschätzen die meisten Beobachter.

Im vierten Quartal 2015 soll die US-Wirtschaft um ein Prozent gewachsen sein. Kann man da noch von Wachstum sprechen?

Ja, noch hält der US-Konsument die Konjunktur am Laufen. Das liegt vor allem daran, dass die nochmals gefallenen Ölpreise die real verfügbaren Löhne deutlich haben steigen lassen. Wenn die Ölpreise irgendwann einmal nicht mehr fallen, dann ist auch hier Schluss.

Wie gut ist die US-Wirtschaft mit Blick auf einen weiteren Abfall der Rohstoffpreise eingestellt?

Sie haben Recht. Fallende Ölpreise sind nicht nur gut für den Konsum, sondern auch schlecht für die Ölproduzenten und deren Zulieferer. Alaska und Texas sind wohl heute schon in einer tiefen Rezession. Insgesamt überwiegen aber die Vorteile für die US-Wirtschaft deutlich.

Wo befindet sich derzeit die Achillesverse der USA?

Da gibt es mehr als eine. Seit Jahren will die Produktivität nicht mehr richtig wachsen. Die Teilnahme der Menschen am Arbeitsmarkt ist so niedrig wie zuletzt Ende der Siebziger Jahre. Es gelingt der Regierung immer schlechter, Minderheiten im Arbeitsmarkt zu integrieren. Das Budgetdefizit ist doppelt so gross wie das der Eurozone und in punkto Staatsverschuldung haben die Amerikaner die Europäer überholt.

Rechnen Sie in den kommenden Monaten mit einer weiteren Zinserhöhung durch die Fed?

Das Verhalten von Notenbanken zu prognostizieren ist unter Bankökonomen ein beliebtes Spiel. Die meisten unserer Kunden interessiert mehr, ob die Zinsen an den Kapital- und Kreditmärkten steigen. Hier müssen wir erwarten, dass die tieferen Erdölpreise in den kommenden Monaten auch die Inflationsraten wieder senken werden. Damit ist ein Zinsanstieg aber nur verschoben. Aktuell liegt die US-Inflation ohne den Erdölpreiseffekt bei 2.2 Prozent und damit über dem mittelfristigen Zielwert der US-Notenbank. Das riecht nach stark steigenden Kapitalmarktzinsen in den letzten Jahresmonaten.

Wie hätte sich die Finanzkrise entwickelt, wenn es 2008/2009 schon TTIP gegeben hätte?

Kein bisschen anders.

Die Turbulenzen an den internationalen Börsen halten spätestens seit Dezember (China) die Händler auf Trab. Sind diese Turbulenzen schon völlig unabhängig von den wirtschaftlichen Begebenheiten?

Dieser Eindruck ist weit verbreitet. Wenn man ein wenig die Zahlen studiert, ist das allerdings seltsam. Die Weltbörsen werden durch die amerikanische Börse dominiert. In den USA waren die Unternehmensgewinne vor neun Monaten auf einem Allzeithoch. Seitdem fallen sie. Gleichzeitig ist der US-Aktienmarkt teuer. Wenn da die Börsenkurse nicht ins Rutschen kommen, wann dann?

Den Finanzmärkten wird vorgeworfen, dass sie schon lang keinen Gegenwert mehr aufweisen können. Wird sich die Wirkungsbeziehung zwischen Industrie, Produktion etc. und den Finanzmärkten umkehren?

Die Preise sind an den Finanzmärkten hoch, weil die Zinsen unglaublich tief sind. Das ist ein fundamentaler, ökonomischer und rationaler Zusammenhang. Solange die Zinsen fallen und die Preise steigen, stört das niemanden. Wenn man dann mit den Preisen oben angekommen ist und feststellt, dass durch die gestiegenen Preise ganz selbstverständlich die Renditeerwartungen gesunken sind, reiben sich alle verwundert die Augen. Nein, eine Umkehr der Zusammenhänge hat es nicht gegeben und wird es nicht geben. Wir wollen bloss nicht wahr haben, dass wir einen Teil unseres vermeintlichen Börsenreichtums wieder verlieren werden, wenn die Zinsen eines Tages wieder steigen.

Was ist Ihrer Meinung nach wahrscheinlicher? Ein globaler Finanzcrash oder eine Weltwirtschaftskrise?

Angesichts der hohen Finanzvermögen und der historisch einmaligen Verschuldung wird beides gleichzeitig kommen. Für die Schwarzseher unter ihren Lesern: Wann das kommt, kann man nicht vorhersagen. Das kann noch Jahre dauern. Und für die Daueroptimisten: Muss es aber nicht.

Klaus W. Wellershoff arbeitete bis 2009 als Chefökonom der UBS und im Anschluss daran als Mitglied der Geschäftsleitung. Neben seinem Engagement als Verwaltungsratspräsident des Beratungsunternehmens Wellershoff & Partners unterrichtet er unter anderem auch Nationalökonomie an der Universität St. Gallen.

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