Rohstoff-Krise bedroht den Standort Schweiz

Die Rohstoff-Industrie befindet sich im Umbruch. Der kürzlich veröffentlichte Jahresverlust von Glencore stellte nur das jüngste Beispiel einer Reihe von Rückschlägen für bedeutende Firmen dar. Betrachtet man die Staaten, die von den Entwicklungen am meisten betroffen sein könnten, rückt vor allem die Schweiz in den Fokus.

Am Mittwoch hatte der Minen- und Handelskonzern Glencore für das vergangene Jahr einen Verlust von rund 8 Milliarden Dollar bekanntgeben müssen. Der Einbruch war hauptsächlich auf den Verfall der Preise wichtiger Rohstoffe zurückzuführen. Im Jahr 2014 konnte das Unternehmen mit Sitz im Schweizerischen Baar noch einen Vorsteuer-Gewinn von 4,3 Milliarden Dollar erzielen. Glencore hat deshalb angekündigt, sich schneller als bisher geplant von Beteiligungen zu trennen, um dringend benötigtes Kapital zu generieren. Der Konzern peilt im laufenden Jahr Sondererlöse von rund 6 Milliarden Dollar an. Schulden von rund 26 Milliarden Dollar will Glencore unter anderem durch den Verkauf von Minen abbauen.

Die gesamte Rohstoffbranche befindet sich in einer schweren Rezession. Zuletzt hatten bedeutende Minenunternehmen Milliardensummen abschreiben müssen oder hohe Verluste gemeldet – beispielsweise der australische Konzern Rio Tinto, der 2015 einen Verlust von 900 Millionen Dollar bekanntgab oder BHP Billiton, der 2015 fast 5,7 Milliarden Dollar verlor.

In Europa hat sich vor allem die Schweiz und insbesondere Genf als Schwerpunkt des Rohstoffhandels etabliert. Nicht nur Glencore, sondern auch die Schwergewichte Gunvor, Mercuria und Vitol – das umsatzstärkste Unternehmen des Landes – haben hier ihre Hauptniederlassung oder bedeutende Teilniederlassungen. Tiefe Steuersätze, auf Handelsfinanzierung spezialisierte Firmen und eine hohe politische sowie wirtschaftliche Stabilität des Landes sind typische Schweizer Standortvorteile im internationalen Wettbewerb.

Die Bedeutung des Sektors für die Schweiz lässt sich an einschlägigen Kennzahlen ablesen: sechs der zehn umsatzstärksten Schweizer Firmen kommen aus dem Rohstoffbereich. An der Spitze steht der Mineralölhändler Vitol mit einem Jahresumsatz von rund 280 Milliarden Franken vor Glencore mit Umsätzen von rund 209 Milliarden Franken. Zum Vergleich: Nestlé, der weltweit führende Nahrungsmittelhersteller, liegt mit rund 90 Milliarden Franken an sechster Stelle.

Die starken Preisrückgänge bei wichtigen Rohstoffen und die daraus resultierenden Probleme dürften sich deshalb überproportional auf den Wirtschaftsstandort Schweiz auswirken. Anfang Februar berichtete Bloomberg, dass sich Gunvor aufgrund des Preisverfalls aus dem Metallhandel zurückziehe. „Die Profitabilität nahm ab, während die Risiken stiegen“, sagte ein Sprecher dazu. Vitol soll sich zudem im vergangenen Jahr von allen Beteiligungen in Russland getrennt und diese an den schwedischen Petrogrand-Konzern veräußert haben. Der Preiszerfall bei Erdöl bietet aber auch Vorteile, beispielsweise, wenn eine Firma viel Öl einlagern und später zu einem höheren Preis verkaufen kann.

Zum ökonomisch schwierigen Umfeld gesellen sich politischen Herausforderungen. Die EU und die OECD drängen darauf, dass sich die Schweiz den internationalen Steuerregeln anpasst und Steuerprivilegien für ausländische Unternehmen abschafft – ein Vorstoß, der eines der Standbeine der Schweizer Wettbewerbsfähigkeit bedroht. Zudem herrscht noch immer Unklarheit über die letztendlichen Auswirkungen der sogenannten Masseneinwanderungs-Initiative.

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