Turbulenzen beim Öl-Preis gefährden US-Wirtschaft

Der sinkende Ölpreis ist ein Indikator, dass die Hegemonialmacht der USA am Schwinden ist. Das Problem: Die Neuordnung der Kräfteverhältnisse erhöht die Kriegsgefahr. Die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft werden gravierend sein.

Die Finanzmärkte werden derzeit von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Zu den bedeutendsten zählen die Entwicklung der Erdölpreise, die Währungspolitik Chinas sowie die Geldpolitik der großen Zentralbanken. In den vergangenen zwei Wochen sorgte die Hoffnung auf Produktionskürzungen durch Mitglieder des Ölkartells OPEC sowie Russland für einen deutlichen Anstieg der Ölpreise und der Aktienkurse.

Die Erholung an den Aktienmärkten hatte alle Merkmale einer Rückkauf-Panik, denn substantielle Resultate kamen bei den Beratungen nicht zustande. Saudi-Arabien, Russland, Katar und Venezuela kamen lediglich überein, die Produktion auf dem Stand von Januar 2016 (und somit nahe am internationalen Höchststand) einzufrieren, falls andere Förderländer nachzögen. Iran und Irak, zwei andere wichtige Produzentenländer, konnten sich dazu nicht durchringen. Ganz im Gegenteil, der Iran plant, seine Förderung wieder auf die Niveaus von 2011 und darüber hinaus hochzufahren. Der Irak hat angesichts des Bürgerkrieges und einer hochkorrupten Regierung ganz andere Sorgen und eine spezielle Agenda. Auch er will seine Produktion strategisch ausdehnen. Die Macht der Zentralregierung in Bagdad ist außerdem beschränkt. Insbesondere die Ölförderung im von den Kurden dominierten Norden des Landes kann sie nicht kontrollieren.

Es stiftet kaum Vertrauen, dass die Zukunftsaussichten der Weltwirtschaft und der Finanzmärkte von Ländern abzuhängen scheinen, die aktuell (Russland) oder noch bis vor kurzem (Iran) als Bösewichte und Feindbilder herhielten oder die tatsächlich diesem Profil entsprechen (Saudi-Arabien, Katar). Dass die drei wichtigsten Länder der Öl-Übereinkunft möglicherweise kurz vor einem Waffengang in Syrien stehen – auf entgegengesetzter Seite wohlbemerkt – sei nur am Rande vermerkt.

Was das Ganze anzeigt, ist ein Kontrollverlust der amerikanischen Weltmacht durch die gescheiterte Mittelostpolitik verschiedener Administrationen. Die 2000er Jahre bis zur Intervention in Libyen 2011 waren ein Jahrzehnt der Kraftmeierei im Dienste von Erdölinteressen. Im Vertrauen auf die eigene erhöhte Förderung verloren die USA um 2011/12 das Interesse am Mittleren Osten, und sehen sich jetzt, exemplarisch in Syrien, einer ausweglos scheinenden politisch-militärischen Konfrontation gegenüber.

Das Pendant auf wirtschaftlicher Ebene ist eine zu Hause wie im Mittleren Osten außer Kontrolle geratene Angebotssituation im Erdölmarkt. Diese Situation dürfte länger anhalten. Die enorm erhöhte Förderung durch die Fördermethode Fracking in den USA erlaubt eine viel raschere Inbetriebnahme der Förderung und verändert damit auch die Angebotsdynamik.

Man sollte sich jedoch keinen Illusionen hingeben, wo die Produktions-Kürzungen erfolgen werden. Die folgende kleine Tabelle zeigt die marginalen Produktionskosten wichtiger Förderländer. Von den drei großen Produzentenländern Russland, USA und Saudi-Arabien haben die USA die mit Abstand höchsten Produktionskosten. Dort wird der hauptsächliche Verlust eintreten müssen. Russland wird seine Förderung von Öl in der Arktis einstellen müssen. Auch ältere Felder in Sibirien, die zur Neige gehen, werden stillgelegt werden müssen. Ansonsten werden die Kapazitätseinschränkungen Kanada, Großbritannien und möglicherweise Brasilien betreffen.

Die aktuellen Schätzungen über die marginalen Förderkosten in der amerikanischen Fracking-Industrie differieren zwischen 50 und 70 US-Dollar pro Barrel (159 Liter). Der Ölminister Saudi-Arabiens hat vergangene Woche mit Blick auf diese Verwundbarkeit keinen Zweifel gelassen, dass es keine Produktionskürzung seitens seines Landes geben wird und dass die Produzenten mit höheren marginalen Kosten ausscheiden müssen.

Der Erdölpreis wird angesichts des Überangebots wieder ins Rutschen kommen und wahrscheinlich neue Tiefstände erreichen. Neben dem Überangebot dürfte dies insbesondere auch an der verhaltenen Nachfrage liegen. Mit dem schwachen Wirtschaftswachstum in China, den Schwellenländern und den OECD-Ländern wird sich deren Nachfrage verlangsamen. 2015 sorgte ein Lageraufbau in China für strategische Zwecke noch für einen Nachfragestoß. Diese außerordentliche Nachfragekomponente dürfte nun auslaufen. Ein Nachfragerückschlag ist überhaupt nicht in die Erdölpreise eingepreist und dürfte die Wahrnehmung des Marktes auch mittel- und längerfristig stark ändern – mit ernsten Konsequenzen für die globale Konjunktur.

Wenn die Erdölpreise deutlich sinken, wird es Bankrottwellen, Währungs- und Staatsschuldenkrisen in den Förderländern, weitere Entlassungen und drakonische Kürzungen der Investitionen sowie der Dividendenzahlungen der Produzentenfirmen geben.

China, ein anderer potentieller Krisenherd, lieferte in den beiden vergangenen Wochen zusätzliche Anlässe für eine Erholung der Märkte. Der Chef der chinesischen Zentralbank gab nach monatelangem Schweigen ein Bekenntnis zu einem stabilen Wechselkurs ab. Er versicherte, dass China keine Abwertung wolle. Am grundsätzlichen Kurs der Liberalisierung des Kapitalverkehrs werde aber festgehalten. Für die nahe Zukunft dürfte dies bedeuten, dass die Zentralbank den US-Dollar-Wechselkurs des Yuan einigermaßen stabilisieren wird.

Doch mittel- und längerfristig dürfte die Toleranz für Währungs-Schwankungen im Rahmen des neu eingeführten handelsgewichteten Wechselkurses für weiteren Abwertungsdruck sorgen. Das Festhalten an der Liberalisierung des Kapitalverkehrs in einer sich anbahnenden Struktur- und Bankenkrise wird unvermeidlich für weitere Abflüsse sorgen. Letztlich ist die Wirtschaftsentwicklung in China eine „Black box“. Den offiziellen Zahlen ist in dieser heiklen Situation nicht zu trauen, weil sie bewusst manipuliert werden, um ein geschöntes Bild zu zeichnen. Wie es quantitativ wirklich steht, ist demgegenüber nicht einfach und präzise zu erschließen. Und die globalen Finanzmärkte werden angesichts dieser Unsicherheiten primär durch die Entwicklung oder Zuckungen der Aktien-, Rohstoff-, Geld- und Devisenmärkte in China und weniger durch Wirtschaftszahlen gelenkt oder geleitet werden.

Es ist völlig klar, dass China einen sehr wichtigen Einfluss auf die Rohstoff- und Beschaffungsmärkte, aber auch auf die Exportmärkte in den OECD-Ländern ausüben wird. Ganz zentral sind die Übertragungsmechanismen auf die Finanzmärkte. Von daher gibt es bedeutende Risiken.

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar. Wie lautet Ihrer?

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

  1. Zappenduster in Amiland sagt:

    Die US-Wirtschaft, oder besser das was davon noch übrig ist,
    gefährdet sich selbst durch:
    Arroganz, Überheblichkeit, Unzuverlässigkeit, miese Qualität und
    kaputtes Management.
    Nein, kein USA-Hass, eigene Erfahrungen als ehemaliger Mitarbeiter
    einer solchen „Firma“ .