Zeichen stehen auf Krise: Deutsche Stahlindustrie drosselt Produktion

Seit 2012 sinken die Umsätze in der deutschen Stahlindustrie. Zu groß ist die Konkurrenz vor allem aus China, die erhebliche Überkapazitäten schafft und die Preise drückt. Die bisherigen Maßnahmen der EU wie etwa Strafzölle zeigen da wenig Wirkung, so dass die deutsche Industrie weiter ihre Stahlproduktion drosselt.

Im Februar hat die deutsche Stahlindustrie das vierte Mal in Folge ihre Produktion gedrosselt. Gegenüber dem Januar fuhren die Unternehmen die Produktion um 4,3 Prozent zurück. 3,36 Millionen Tonnen Stahl wurden weniger erzeugt. Vor allem die schwierigen Wettbewerbsbedingungen machen die Produzenten dafür verantwortlich. Im Vergleich zum Vorjahresmonat ging die Produktion um 3,1 Prozent zurück. Verbandschef Hans Jürgen Kerkhoff rechnet deshalb für dieses Jahr mit einem weiteren Produktionseinbruch um drei Prozent auf 41,5 Millionen Tonnen.

Die deutsche und die europäische Stahlindustrie befinden sich in einer außerordentlichen Krise. Mitte Februar hatten tausende Stahlarbeiter in Brüssel gegen die Billigimporte aus China demonstriert und neue Maßnahmen der EU gefordert. Kurz zuvor hatte die EU-Kommission drei neue Anti-Dumping-Untersuchungen gegen Stahlimporte aus China eingeleitet. Allerdings laufen seit vielen Jahren regelmäßig Verfahren in dieser Angelegenheit, verbessert hat sich die Situation dennoch nicht. Zuvor hatte dieses Mal sogar eine Initiative aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien und vier anderen Ländern einen Brandbrief an die EU geschrieben. Darin warnten die Wirtschaftsminister der sieben EU-Länder vor weiterer Untätigkeit der EU. „Wir dürfen nicht warten, bis der Schaden durch unfaire Praktiken für unsere Branche irreversibel wird“, hieß es in dem Brief.

Seit 2008 wurden etwa 85.000 Stellen europaweit in der Stahlbranche gestrichen. Und gleichzeitig waren im vergangenen Jahr die globalen Stahlexporte auf ein Rekordlevel von 355 Millionen Tonnen Stahl gestiegen. „2016 ist ein Schicksalsjahr für die Stahlindustrie: Politische Weichenstellungen in der Handels- und Klimapolitik sind für die Zukunft des Stahls in Deutschland und Europa entscheidend“, so Kerkhoff zuletzt auf der 20. Handelsblatt-Tagung „Stahlmarkt“. Während die China seine Stahlexporte in den vergangenen drei Jahren verdoppelt hat, haben die restlichen Stahlländer ihre um 20 Millionen Tonnen verringert. Anfang März hatte die US-Regierung auf die chinesischen Einfuhren von kaltgewalztem Stahl aus China Zölle im Umfang von 266 Prozent erhoben.

Etwas Hoffnung macht die geplante Massenentlassung, die die chinesische Regierung kürzlich ankündigte. Insgesamt sollen in der Kohle- und Stahlindustrie 1,8 Millionen Arbeitsplätze wegfallen, allen 500.000 entfallen dabei auf die Stahlbranche. Genaue Zeitpläne gibt es allerdings nicht. Und auch ist fraglich, wie die betroffenen Arbeiter einen Ersatz für ihre Arbeit finden sollen. Die Maßnahmen, die Teil der wirtschaftlichen Umbaumaßnahme der Regierung sind, könnten den Abschwung des Landes zumindest kurzfristig noch beschleunigen. Das wiederum hätte erhebliche Auswirkungen auf die Weltwirtschaft.

Mehr als die Hälfte der chinesischen Stahlproduzenten haben der China Iron and Steel Association zufolge im vergangenen Jahr rote Zahlen geschrieben. Damit untermauerte der Chef von ArcelorMittal, Lakshmi Mittal, seine These, dass China seine Kapazitäten reduzieren werde. „Ich denke, sie haben erkannt, dass dieses Preisniveau und dieses hohe Level an Überproduktion bei diesen Verlusten nicht nachhaltig ist“, sagte Mittal der FT.

ArcelorMittal verbucht 2015 fast acht Milliarden Euro Verlust. Die Schulden des Konzerns belaufen sich derzeit auf 15,7 Milliarden Euro. Ebenfalls im Minus sah sich ThyssenKrupp. Der Umsatz des Unternehmens sank im vierten Quartal gegenüber dem Vorjahresquartal um 5 Prozent. 23 Millionen Euro Minus erwirtschaftete ThyssenKrupp von Oktober bis Ende Dezember des vergangenen Jahres. Seit 2012 sind die Umsatzzahlen in der deutschen Stahlbranche rückläufig.

Und trotz der weltweiten Überproduktion und der überbordenden Konkurrenz spricht sich die Wirtschaftsvereinigung Stahl für TTIP aus: „Von einem starken TTIP sind wichtige Wachstumsimpulse für stahlverarbeitende Branchen wie die Automobilindustrie und dem Maschinenbau zu erwarten, die auch der Stahlindustrie zu Gute kommen.“ Derzeit entfallen fast 80 Prozent der deutschen Stahlausfuhren auf die EU.

 

Kommentare

Schreiben Sie den ersten Kommentar zum Artikel

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *