Verlangsamter Welthandel belastet deutsches Wachstum

Zwei führende deutsche Wirtschaftsinstitute haben ihre Prognose für das deutsche Wachstum in diesem Jahr überraschend gesenkt. Ohne die Ausgaben für die vielen Flüchtlinge, würde das nationale BIP sogar noch langsamer wachsen.

Ökonomen blicken zunehmend skeptisch auf die Konjunktur in Deutschland. Das Essener RWI-Institut senkte seine Wachstumsprognose für 2016 auf 1,4 von 1,8 Prozent. „Die Dynamik des Welthandels hat sich deutlich verlangsamt“, sagte RWI-Konjunkturchef Roland Döhrn. „Sollten sich diese Tendenzen fortsetzen, wäre das Gift für eine offene, auf einen intensiven internationalen Warenaustausch ausgerichtete Volkswirtschaft wie Deutschland.“ Bereits im Dezember hatte das RWI seine Prognose von 1,9 auf 1,7 Prozent nach unten korrigiert. Für 2017 rechnen die Forscher mit einem BIP-Wachstum von nur noch 1,6 Prozent.

Neben Schwellenländern wie Russland, Brasilien und Venezuela ist vor allem die Entwicklung in China ausschlaggebend für die Entwicklung des Welthandels in den kommenden Monaten. Ein konjunktureller Einbruch hier, sei das größte Risiko. Die Entwicklung der Rohstoffpreise spielt hierbei eine genauso wichtige Rolle wie die geplante Wirtschaftsumstellung des chinesischen Premiers Li Kequiang verläuft.

„Die deutsche Wirtschaft dürfte ihr Wachstumstempo in etwa halten – ohne die Ausgaben für Geflüchtete, die wie ein Konjunkturprogramm wirken, würde sie jedoch an Fahrt verlieren“, sagte auch DIW-Präsident Marcel Fratzscher in Berlin. Ähnlich ist es auch im Bericht des RWI zu lesen. Gleichzeitig aber werde der Flüchtlingsandrang dazu führen, dass die der registrierten Arbeitslosigkeit zulegen werde.

„Die Inflationsrate dürfte von 0,4 Prozent in diesem auf 1,5 Prozent im nächsten Jahr steigen“, so die Forscher vom RWI. „Angesichts der expansiv ausgerichteten Finanzpolitik und der staatlichen Aufwendungen im Zusammenhang mit der Flüchtlingsmigration dürfte der Budgetüberschuss des Staates in diesem Jahr im Vergleich zum Vorjahr von 19 auf knapp 4 Milliarden Euro sinken.“

Auch das DIW aus Berlin kappte seine Schätzung auf 1,6 (bisher 1,7) Prozent. Der Staat nimmt nach DIW-Schätzung 2016 rund 15 Milliarden Euro in die Hand, um Flüchtlinge unterzubringen, zu versorgen und zu integrieren. Im nächsten Jahr liegen die Kosten demnach wohl bei 18,3 Milliarden Euro. Dennoch würden die öffentlichen Haushalte in beiden Jahren Überschüsse schaffen. Das Plus sinke aber von 0,6 Prozent der Wirtschaftskraft 2015 auf 0,5 Prozent in diesem und auf 0,4 Prozent im kommenden Jahr.

„Die Risiken für die Weltkonjunktur haben zugenommen“, so der DIW-Bericht. „Insbesondere die erhöhte Volatilität an den Finanzmärkten und die teilweise Verschlechterung der privaten Finanzierungsbedingungen könnten das Wachstum belasten.“ Ein weiteres Risiko für die Prognose bestehe zudem in einer fortbestehenden Deflation im Euroraum. Sie würde zu Kaufzurückhaltung bei Haushalten führen und den privaten sowie staatlichen Schuldenabbau erschweren.

Das RWI und das DIW, die beide die Bundesregierung beraten, erwarten Impulse vor allem vom privaten Konsum. Wegen der eher schwachen globalen Konjunktur halten sich dagegen viele Firmen mit Ausgaben zurück. „Investitionen sind die Achillesferse“, sagte Fratzscher. Er erwartet für das nächste Jahr ein Wirtschaftswachstum von 1,5 Prozent, das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) rechnet mit 1,6 Prozent. Zuletzt senkten auch die Konjunktur-Experten des Kieler IfW-Instituts und des HWWI aus Hamburg ihre Prognosen.

Im Januar waren die deutschen Exporte den zweiten Monat in Folge gesunken. Im Vergleich zum Januar 2015 fielen die Exporte sogar um 1,4 Prozent auf 88,7 Milliarden Euro. Einen stärkeren Rückgang gab es zuletzt vor rund anderthalb Jahren. Hauptgrund dafür: Die Lieferungen in die Länder außerhalb der Europäischen Union schrumpften um 5,0 Prozent.

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