Fusionen: Unternehmen fürchten zu starke Eingriffe des Staates

Vorstandschefs, Investmentbanker und Aktionäre sehen sich bei Fusionen und Übernahmen immer häufiger einem unerwarteten Gegner gegenüber: dem Staat. Bei den Pharmariesen Pfizer und Allergan war es ein plötzlicher Schwenk der US-Regierung in Steuerfragen, die die zweitgrößte Fusion aller Zeiten platzen ließ.

Bei den US-Öldienstleistern Halliburton und Baker Hughes hat die Politik in Washington Bedenken angemeldet. Gegen die Fusion der Büroartikel-Konzerns Staples und Office Depot läuft eine Klage der Wettbewerbsbehörde FTC.

Die Regierung von Barack Obama macht sich offenbar Sorgen, dass die Konzerne es mit der Konsolidierung ihrer Branchen zu weit treiben. Das Justizministerium zeigt sich beunruhigt: „Es ist nicht nur die Zahl der geplanten Fusionen, es ist die schiere Größe und die Komplexität“, begründete Generalstaatsanwältin Loretta Lynch das Vorgehen. Der Staat müsse sicherstellen, dass die Marktmechanismen nicht nur Managern und Großaktionären zu Gute kämen, sondern allen Amerikanern.

Auch in Europa mischt der Staat mit: Der Absage der Fusion der französischen Telekom-Konzerne Orange und Bouygues ging ein Streit zwischen Martin Bouygues und Wirtschaftsminister Emmanuel Macron um die drohende Marktmacht des Milliardärs voraus. Und auch die Deutsche Börse bangt um die Zustimmung der staatlichen Börsenaufsicht zu der geplanten Übernahme der Londoner LSE.

Das drückt nicht nur auf die Stimmung, sondern schlägt sich auch in der Zahl der Fusionen nieder: „Weil die Unsicherheit an vielen Fronten wächst, sind die Unternehmen viel vorsichtiger, und die Zahl großer Übernahmen mit mehr als zehn Milliarden Dollar ist im ersten Quartal deutlich zurückgegangen“, sagt Investmentbanker Luigi Rizzo, der die Fusionsberatung bei der Bank of America Merrill Lynch in Europa leitet. Im Rekordjahr 2015 hatte es weltweit 18 Mega-Deals im Volumen von mehr als 30 Milliarden Dollar gegeben, ein Jahr zuvor waren es erst sieben.

Begünstigt wurden viele davon von einer Konstruktion, mit der sich bei der Fusion jede Menge Steuern sparen ließen – im Investmentbanker-Slang heißt sie „Inversion Deal“. US-Konzerne kauften eine ausländische Firma und verlegten den Sitz des fusionierten Unternehmens ins Ausland. So wollte Pfizer nach der Allergan-Übernahme nach Irland umziehen. Die neuen Vorschriften des US-Finanzministeriums, die solche Schachzüge unterbinden sollen, zeigten Wirkung. Die Fusion platzte. Es war bereits der dritte Versuch der Regierung von US-Präsident Barack Obama, das Schlupfloch zu schließen. Doch damit es auf Dauer geschlossen bleibt, müsse erst der Kongress die Steuergesetze ändern, sagt der Abgeordnete Peter Welch.

Zur Abschreckung gegen ehrgeizige Übernahmepläne reicht es aber schon jetzt: Die Intercontinental Exchange (ICE), der potenzielle Nebenbuhler der Deutschen Börse im Werben um die LSE, hat Insidern zufolge schon ausgeschlossen, dass er es dabei auf einen „Inversion Deal“ angelegt hat. Die ICE selbst will sich dazu nicht äußern.

Zu den Leidtragenden der politischen Interventionen gehören auch die Investmentbanker. Für die Fusionsberater von Goldman Sachs, JPMorgan, Centerview und Moelis war bei Allergan/Pfizer nicht nur monatelange Arbeit vergeblich. Weil ihre Gebühren zum größten Teil erfolgsabhängig sind, gehen ihnen mehr als 200 Millionen Dollar durch die Lappen. Einige Banker wollen schon Konsequenzen daraus ziehen, dass die Querschüsse zunehmen und die von ihnen eingefädelten Deals immer öfter platzen: Man werde versuchen, mehr Geld vorab zu bekommen, sagt ein Insider.

 

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