Die Renten in Deutschland sind nicht sicher

Anders als in den USA beruht das deutsche Rentensystem nicht auf Aktien, sondern auf festverzinslichen Papieren. Daher sind Negativ-Zinsen für die Rentner in den USA gut, für jene in Deutschland und Europa dagegen Gift. Doch die niedrigen Zinsen sind nur der jüngste Beitrag zu einer insgesamt verfehlten Rentenpolitik.

In den 90er Jahren hat Deutschland im Zuge der EU-Vorgaben die Versicherungsbranche dereguliert. Dadurch wurde der Markt stärker für Unternehmen außerhalb der europäischen Grenzen geöffnet. Der Konkurrenzdruck stieg, zahlreiche Vorschriften wurden abgeschafft. Eine entsprechende EU-Richtlinie hatte Vorschriften über Tarife, Prämien, Garantien und Leistungen aufgehoben. In Deutschland war bis zu diesem Zeitpunkt der Garantiesatz traditionell von der Aufsicht festgelegt worden. Eine neue Formel für den Garantiesatz im Neugeschäft sorgte dafür, dass die Unternehmen den Neukunden im Kampf um Marktanteile über Jahre zu hohe Garantien versprachen. Auf bis zu vier Prozent wurden die Garantiesätze angehoben, trotz tendenziell sinkender Renditen. Der Trend hielt bis 2003 an.

Die nun seit fast eineinhalb Jahren anhaltenden Niedrigzinsen führen dazu, dass die Versicherer bei den hohen garantierten Renditen draufzahlen. Lag der nominale Durchschnittszins der gesamten Tagesgeldangebote bei einer Anlagesumme von 10.000 Euro im März noch bei 0,30 Prozent, sind es inzwischen nur mehr 0,08 Prozent. Mittlerweile geben 96 von 800 Banken bei einer Anlage von 10.000 Euro schon gar keine Zinsen mehr. Vor Draghis Entscheidung im März waren es 55 Banken, vor zwei Jahren lediglich zwei.

Die Lage der Versicherer wird durch eine Verschärfung der Regulierung an anderer Stelle verschärft:  Das zu Beginn des Jahres in Kraft getretene Regularium Solvency II zwingt die Versicherungen, einen größeren Kapitalpuffer anzulegen und verbietet gleichzeitig die Anlage der Vermögen in riskantere Anlageformen. Dieser Schritt soll die Branche auf festere Beine stellen, entzieht ihr jedoch auch noch die letzte Möglichkeit, zumindest den vor Jahren gewährten Garantiezins zu erreichen.

Immobilien und Aktien sind durch die neue Regulierung kaum mehr als Anlagemöglichkeit für die Versicherungen greifbar. Für die Investition in Aktien müssen 49 Prozent des Investments mit Eigenkapital gesichert werden, bei Immobilien sind es mittlerweile 25 Prozent. Angesichts der schwierigen finanziellen Situation vieler Versicherer ist dies kaum durchführbar.

Als von der EU einzig richtige, sichere Anlageform für Versicherungen werden Staatsanleihen gesehen. Sie müssen nicht mit Kapital unterlegt werden. Allerdings führt der massive Anleihekauf der EZB hier dazu, dass die Rendite bei etlichen Staatsanleihen ebenfalls extrem niedrig ist oder sogar im negativen Bereich liegt. Durch den Ankauf sind auch immer weniger solche Papiere auf dem Markt.

Der Bundesregierung kommt die neuerliche Diskussion um unsichere Renten nicht gelegen. Knapp eineinhalb Jahre vor der Bundestagswahl wollen beide Regierungsparteien die Gunst der Rentner mit Geschenken gewinnen. CSU-Chef Horst Seehofer brachte eine Erhöhung der Altersbezüge ins Gespräch. Arbeitsministerin Andrea Nahles kündigt ein neues Rentenkonzept an. Bundesfinanzminister Schäuble attackiert die EZB und fordert eine Wende in der Zinspolitik. Der IWF dagegen unterstützt die Negativzinsen – aus verständlichen Motiven: In den USA stehen ebenfalls Wahlen an, und die sind noch bedeutsamer als jene in Deutschland. Ein langfristiges Konzept fehlt allen Beteiligten, weil das Leben auf Kosten der künftigen Generationen bisher zum Standard-Repertoire der internationalen Politik gehört hat.

 

Kommentare

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  1. Dieter van Haag sagt:

    Die amerikanischen Rentner sind vieles, aber ganz bestimmt nicht besser dran wie die Deutschen. Es war schon vor Jahren klar, das die Rente gesenkt wird, man hat zwar immer wieder wie jetzt im Sommer eine leiche abbremsung hingelegt, das Ergebnis ist aber ein starker Kaufkraftverlust, und dieser hat nichts mit den Niedrigzinsen zutun, sondern mit der Absenkung des Rentenniwos. Die Saat des ganzen trift jetzt die Bestandsrentner. Die Lebensversicherung sind eh nur für die Provision der Banken und Versicherungen da. Ist aber seit Jahrzehnten bekannt. Da muss man sich jetzt nicht hinstellen und sagen man hat es nicht gewusst.

  2. Mazi sagt:

    Wo ist das Problem?

    Solange die Lebensversicherten die Dividendengarantie für die Versicherungsaktionäre sicherstellen müssen, besteht doch auf Seite der Aktionäre berhaupt kein Grund zur Klage.

    Kritisch wird es erst, wenn die Beiträge der Versicherten nicht mehr ausreichen, die Dividenden, die Verwaltungskosten und vor allem die Boni der Vorstände nicht mehr begleichen können.

    Dass die Versicherten keinen Anspruch auf eine finanzielle Gegenleistung haben, das steht schon seit Jahr und Tag so im Gesetz (§ 89 VAG).

    Es ist wohl sehr wenig entgegenzuhalten, wenn jemand behauptet, dass in keiner Branche so erfolgreich Lobbyismus (andere behaupten Korruption) betrieben wird, wie in der Versicherungsbrache.

  3. Josef Schreiber sagt:

    Plutokratien fressen das Brot der kleinen Leute!