US-Steuerverschärfung könnte deutsche Firmen treffen

Die jüngste Verschärfung der US-Steuerregeln könnte auch deutsche Konzerne einiges an Geld kosten. Eigentlich will Präsident Barack Obama mit den neuen Vorgaben die Steuerflucht von US-Unternehmen erschweren. Doch verschärft er gleichzeitig die Vorschriften, nach denen internationale Konzerne ihre in den USA ansässigen Töchter finanzieren.

Da dabei einige Firmen übers Ziel hinausschossen und aus ihren Amerika-Gesellschaften Steuerspar-Modelle machten, legt die US-Regierung nun allen ausländischen Firmen ein engeres Korsett an. „Die Spielregeln haben sich damit zweifellos stark geändert“, sagt Stephen Shay, Jura-Professor an der Universität Harvard. Wie schwerwiegend die Folgen für die einzelnen Firmen sind, ist noch unklar. „Bei unseren Mandanten in Deutschland ist große Unruhe ausgebrochen“, erzählt der Steuerexperte einer großen Wirtschaftprüfungsfirma.

Die Konzerne selbst zeigen sich gelassen: Der Chemieriese BASF und die Deutsche Telekom, zu der der drittgrößte amerikanische Mobilfunkanbieter T-Mobile US gehört, erwarten wegen der neuen Regeln kaum Veränderungen. Die Software-Schmiede SAP rechnet mit „sehr begrenzten“ Folgen. Für die beiden letzteren Konzerne sind die Geschäfte auf der anderen Seite des Atlantiks besonders wichtig: Die Telekom setzte dort voriges Jahr weit mehr Geld um als in Deutschland. Und bei SAP stellt das Land ein Viertel des Umsatzes.

Die neuerdings harte Haltung des US-Fiskus hat eine lange Vorgeschichte: Über Jahre türmten einheimische Vorzeigefirmen ins steuergünstige Ausland. Beliebt war dabei die Übernahme eines kleinen Konkurrenten aus einem Niedrigsteuerland wie Irland. Der Käufer verlegte danach seinen Hauptsitz in das europäische Land, nicht jedoch die operativen Aktivitäten. Der Schritt rechnete sich schnell, da die Unternehmenssteuer in den USA bei 35 Prozent liegt – im Vergleich zum irischen Satz von 12,5 Prozent. Diese „Tax Inversion“ genannte Methode war Obama schon länger ein Dorn im Auge. Aus dem Unbehagen wurden Taten, als der US-Pharmariese Pfizer sich anschickte, genau auf diesem Weg den US-Steuerbehörden ein Schnippchen zu schlagen. Mit der geplanten 160 Milliarden Dollar schweren Übernahme des irischen Botox-Herstellers Allergan hätte Pfizer seinen juristischen Sitz auf die grüne Insel verlagert. Anfang des Monats preschte Obama vor und verschärfte die Steuervorschriften so sehr, dass Pfizer und Allergan den Deal beerdigten.

Gleichzeitig erließ das Washingtoner Finanzministerium auch strengere Regeln für ausländische Unternehmen in den USA. „Die sind sozusagen ein Kollateral-Schaden des Verbots der Tax Inversion“, sagt der Steuerexperte. Die Änderungen sollen eine andere Abgabenvermeidungstaktik durchkreuzen: Bislang konnten internationale Unternehmen ihrem US-Ableger viele Schulden aufbürden. Der zahlte dafür Zinsen an den Mutterkonzern und konnte diese Ausgaben in den USA von der Steuer absetzen.

Firmeninterne Kredite etwa für Investitionen in neue Fabriken bleiben natürlich erlaubt, doch will der US-Fiskus künftig genauer hinschauen, ob die Darlehen plausibel sind. Wenn eine US-Tochter zum Beispiel drei Jahre vor oder nach einem Kredit Gelder an die Muttergesellschaft transferiert, werden die Behörden hellhörig. Genauso, wenn die US-Tochter einen höheren Verschuldungsgrad aufweist als ihre Mutter. Nicht betroffen ist damit die Telekom: Dort ist diese Kennzahl – die Schuldenquote im Vergleich zum Gewinn – sowohl beim Konzern als auch bei T-Mobile US etwa gleich hoch.

Dass ausländische Unternehmen ihre US-Ableger ständig zur Steuervermeidung nutzen, weist Nancy McLernon, Präsidentin der Organisation for International Investment, einer Lobbygruppe für ausländische Firmen in den USA, zurück. „Wo ist das Problem, dass die USA beheben wollen?“ Ihre Vermutung sei, dass es der Regierung eher darum gehe, mehr Steuern einzunehmen. Doch die Praxis, durch die Vergabe von Krediten die Zahlungen an den US-Fiskus zu drücken, ist durchaus populär: Angewandt haben sie etwa der Pharmariese GlaxoSmithKline, der Bildungskonzern Pearson, der Energieversorger Scottish Power und der Telekom-Konzern Vodafone – alles britische Firmen, die nach eigenen Angaben nicht mehr so agieren. McLernon warnt, dass die neuen Regeln Nachteile für die US-Wirtschaft brächten: „Das wird Direktinvestitionen in die USA abkühlen lassen.“

Ein weiteres prominentes Beispiel ist SAP. Wie Reuters 2013 berichtete, verschoben die Walldorfer Gewinne an Töchter in das Niedrigsteuerland Irland. So fuhr SAP in Irland seinerzeit 20 Prozent des Konzerngewinns ein, erwirtschaftete dort aber nur ein Prozent des Umsatzes. Bei den Töchtern in Dublin ist das Software-Know-How der SAP-Mitarbeiter gebündelt, das dann innerhalb des Konzerns lizensiert wird. Zum Steuersparmodell gehört auch, dass eine Finanztochter in Irland anderen SAP-Gesellschaften Milliarden von Dollar verleiht – zu deutlich höheren Zinsen als am Markt üblich. Das Ganze ist vollkommen legal. Der irische Ableger wird nach Reuters-Berechnung weiter dazu genutzt, um die Abgabenlast zu mindern.

So hat SAP America sich 2015 von der SAP Ireland Financial Services 7,4 Milliarden Dollar geliehen und zahlt dafür mindestens sieben Prozent Zinsen. Die Konstruktion spart SAP im Jahr 200 Millionen Dollar an US-Steuern. Ein SAP-Sprecher wollte diese Zahlen nicht kommentieren. Die Schulden seien aufgenommen worden, um Übernahmen in den USA zu finanzieren, erklärte er. SAP Das halte sich an alle Steuerregeln und richte seine Finanzierungsstruktur nach Geschäftsmöglichkeiten und nicht Steuergesichtspunkten aus.

 

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