Rendite für Bundesanleihen fallen erstmals unter Null

Am Dienstag wurde die wichtigste deutsche Staatsanleihe - die seit Anfang der 60er Jahre regelmäßig ausgegeben wird - mit einem negativen Zins von 0,003 Prozent gehandelt.

Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik ist die Rendite der zehnjährigen deutschen Staatsanleihen unter null Prozent gefallen. Damit müssen Anleger noch Geld mitbringen, wenn sie dem Bund Geld leihen wollen. Die international richtungsweisenden zehnjährigen Bundesanleihen rentierten am Dienstag bei minus 0,003 Prozent.

Bei Titeln mit kürzeren Laufzeiten ist der Negativzins bereits Alltag: Die Investition in zweijährige Papiere ist seit Mitte 2014 durchgängig ein Verlustgeschäft. Die Bundesrepublik ist das zweite Land aus der Riege der sieben führenden Industrienationen (G7), dessen zehnjährige Titel unter null Prozent rentieren. Die vergleichbaren japanischen Papiere notieren seit Anfang März in negativem Terrain.

Die Deutsche Finanzagentur sieht ungeachtet der negativen Rendite zehnjähriger Bundesanleihen keine Marktstörungen. „Die Handelbarkeit von Bundeswertpapieren ist nach wie vor sehr hoch“, sagte ein Sprecher der für das Schuldenmanagement des Bundes zuständigen Agentur am Dienstag der Nachrichtenagentur Reuters. „Die Strategie des Bundes ist langfristig ausgerichtet, daher spielt das aktuelle absolute Renditenniveau nur eine untergeordnete Rolle.“ Ziel bleibe eine nachhaltige Balance zwischen Kosten und Planungssicherheit für das Schuldenportfolio des Bundes.

Für den Analysten Michael Schulz von der NordLB sind die Papiere ebenfalls ein fast risikoloses Investment. „Der deutsche Staat ist über jeden Zweifel erhaben. Das ist fundamental begründet durch das robuste Wirtschaftswachstum, die niedrige Arbeitslosigkeit und die vergleichsweise gesunden Staatsfinanzen.“ Alle großen Ratingagenturen bewertet deshalb die Bonität Deutschlands mit der Bestnote AAA.

Anleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren sind rund um die Welt zum wichtigsten Finanzierungsinstrument institutioneller Anleger avanciert. Ein Grund hierfür sei, dass die durchschnittliche Laufzeit aller ausgegebenen Papiere bei etwa acht Jahren liege, sagt Chef-Ökonom Hellmeyer.

Europa hangelt sich seit Jahren von Krise zu Krise. Von der Finanz- zur Staatsschulden- und Griechenland- bis hin zur Flüchtlingskrise. Akut ist derzeit vor allem die Gefahr eines EU-Abschieds von Großbritannien, sollte sich beim Referendum am 23. Juni eine Mehrheit der Briten dafür aussprechen. Kommt es dazu, steht die Zukunft der gesamten Europäischen Union auf dem Spiel. Experten befürchten ein weltweites Börsenbeben. Auch eine Rezession in Großbritannien und bei wichtigen Handelspartnern sagen einige Ökonomen voraus. Investoren müssen solche Risiken einkalkulieren. „In Zeiten erhöhter Verunsicherung greifen Anleger zu den Papieren mit der geringsten Ausfallwahrscheinlichkeit“, erklärt Schulz. „Und das sind nun einmal die Bundesanleihen.“

Der riesige Markt: An einem durchschnittlichen Handelstag wechseln Bundeswertpapiere in Höhe von rund 20 Milliarden Euro den Besitzer. Die derzeit im Umlauf befindlichen zehnjährigen Bundesanleihen haben einen Wert von fast 500 Milliarden Euro. Am Sekundärmarkt – etwa europäische Wertpapierbörsen, elektronische Handelsplattformen und außerbörslich – wird aber pro Jahr ein Volumen von etwa 2,5 Billionen Euro gehandelt, also rund das Fünffache. Nur der Markt für US-Staatsanleihen ist noch liquider. Das bedeutet, dass Besitzer ihre Papiere praktisch jederzeit größere Bestände zu Geld machen können.

Die zehnjährige Bundesanleihe ist das mit Abstand wichtigste Instrument zur Finanzierung des Schuldenberges des Bundes. Dieser hatte zum Ende des ersten Quartals eine Höhe von 1,08 Billionen Euro. Knapp die Hälfte der Schulden besteht aus zehnjährigen Bundesanleihen. Daneben begibt die Bundesregierung auch Anleihen mit einer Laufzeiten zwischen wenigen Monaten und 30 Jahren. Insgesamt bestehen fast 98 Prozent der Schulden des Bundes und seiner Nebenhaushalte aus börsenfähigen Wertpapieren.

Die Bundesregierung nimmt zwar seit 2014 keine neuen Schulden mehr auf. Allerdings muss sie jedes Jahr rund 20 Prozent der Altschulden umfinanzieren, weil alte Anleihen auslaufen und durch neue ersetzt werden müssen.

Kommentare

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  1. Mazi sagt:

    Für Zinseinnahmen bei einem Zinssatz von größer Null-Prozent haben die Finanzbehörden eigens ein Formular entwickelt und kassieren Steuern.

    Wie ist es aber bei Negativ-Zinsen? Erstattet das Finanzamt dann „Steuern“?

    Wer als Steuerpflichtiger vorsätzlich auf einen Zugewinn verzichtet, dessen Handeln wird steuerlich als „Liebhaberei“ behandelt. Welche Regelungen hat denn der Fiskus jetzt vorgesehen?

    Minuszinsen dürften wohl das gesamte Steuerrecht auf den Kopf stellen.

  2. Jörg sagt:

    Warum sich die deutschen das überhaupt gefallen lassen?
    Ich dachte sie sind sehr gebildete Leute.
    Investiert die deutsche Rentenversicherung und Lebensversicherung auch in sicheren Staatsanleihen ? Was kommt dann als nächstes?