Schweiz: Brexit schadet der Regierung und hilft den Banken

Ein möglicher EU-Austritt Großbritanniens hätte vielfältige Folgen für die Schweiz. Die Banken würden wahrscheinlich vom Abfluss von Geldern aus London profitieren. Anders stellt sich die Situation für die Regierung dar, weil die EU wichtige Verhandlungen zum Verhältnis EU-Schweiz vorerst gestoppt hat.

Der mögliche Austritt Großbritanniens aus der EU hat auch Auswirkungen auf das Nicht-EU-Mitglied Schweiz. Für die Regierung in Bern stellt das Referendum an sich bereits ein Problem dar, weil die EU alle Verhandlungen zur praktischen Umsetzung der im vergangenen Januar angenommenen „Masseneinwanderungsinitiative“ gestoppt hat. Eine knappe Mehrheit der Schweizer Stimmbürger hatte sich damals dafür ausgesprochen, die unbegrenzte Zuwanderung in die Schweiz zu reglementieren. Weil die EU darin fundamentale Rechte des Schengen-Abkommens verletzt sieht, muss die Frage der Freizügigkeit nun neu verhandelt werden.

Doch im Vorfeld des britischen Referendums scheut sich die EU-Kommission davor, mit der Schweiz weiter zu verhandeln. Man befürchtet offenbar, dass Zugeständnisse an die Eidgenossen EU-kritischen Bewegungen in anderen Ländern Auftrieb geben könnten.
Die Zwangspause der ohnehin zähen Gespräche kommt zur Unzeit: Denn die Regierung in Bern hat nur noch bis zum Sommer Zeit, die erhoffte Einigung auf Obergrenzen für den Zuzug von EU-Ausländern zu präsentieren. Dann muss sie den Gesetzesprozess auf den Weg bringen, schreibt Reuters. Sollte es bis dahin keine Einigung mit der EU geben, wäre die Schweiz eventuell gezwungen, den Zuzug von EU-Ausländern auf eigene Faust zu begrenzen.

Dies würde eine Eskalation der Situation bedeuten und andere bilaterale Verträge zwischen den beiden Partnern massiv gefährden. Einer Schätzung des Beratungsunternehmens BAKBasel zufolge würde ein Ausfall dieser Verträge die Wirtschaftsleistung des Landes bis 2035 um rund sieben Prozent oder 64 Milliarden Franken schmälern. Die EU ist der wichtigste Handelspartner der Schweiz, umgekehrt rangiert die Schweiz auf Platz vier der wichtigsten Handelspartner der EU.

Für die Banken des Landes könnte sich ein Brexit hingegen sogar in barer Münze auszahlen. Branchen-Beobachter erwarten im Falle eines Austritts Großbritanniens Geldzuflüsse für Schweizer Vermögensverwalter. Die Schweiz garantiere als neutraler, politisch wie finanziell solider Rechtsstaat mit Zugang zu den internationalen Finanzmärkten in den Augen vieler Vermögender dann mehr Stabilität als der Standort London. Dort würde nach einem Austritt eine Phase der rechtlichen Unsicherheit anbrechen.

Die Schweiz ist nach Angaben der Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group mit ausländischen Vermögenswerten von 2,3 Billionen Dollar bereits heute der wichtigste Ort, an dem Kunden aus aller Welt ihr Geld anlegen. An zweiter Stelle rangiert mit einem ausländischen Vermögen von 1,3 Billionen Dollar Großbritannien. „Im Wealth Management wird die Schweiz wahrscheinlich vom Brexit profitieren“, wird der Schweizer BCG-Chairman Matthias Naumann von Reuters zitiert.
Ein Zeichen für die Rolle des Landes als „sicherer Hafen“ für Investoren ist die Aufwertung des Schweizer Franken. Dieser hatte sich in der vergangenen Woche bereits um 2 Prozent zum Euro verteuert. Die Zentralbank des Landes versucht seit Monaten, den Kurs mit Devisenkäufen zu schwächen, weil eine zu starke Landeswährung die Wirtschaft beeinträchtigt.

In dieser Hinsicht könnte sich ein Brexit wieder negativ für die Schweiz auswirken. „Das Resultat der Abstimmung vom 23. Juni 2016 zur Zukunft des Vereinigten Königreichs in der EU (Brexit) ist ebenfalls ein Risikofaktor. Ein Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU mit noch unklaren Modalitäten hätte Auswirkungen sowohl auf verschiedene Wechselkurse und andere Finanzmarktvariablen, als auch auf die Unternehmensinvestitionen und möglicherweise auf den Welthandel“, schreibt das Staatssekretariat für Wirtschaft in einer Stellungnahme.

Schweizer Banken bereiten sich derzeit nach eigenen Angaben noch nicht auf eine Welle neuer Gelder vor. „Wir wollen kein Geld für Berater ausgeben. Wir beginnen erst, wenn wir wissen, wie das Ergebnis ausfällt“, wird ein Banker zitiert.

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