Österreich: Industrie warnt vor nationalen Alleingängen

Die österreichische Industrie hat angesichts des kommenden Austritts Großbritanniens aus der EU vor Kurzschlussreaktionen gewarnt.

Nachdem am Donnerstagabend noch ein Sieg der EU-Befürworter angekündigt worden war, steht nun fest: Die Mehrheit der Briten will den Ausstieg aus der EU. 51,9 Prozent haben sich für den Brexit ausgesprochen. Die Börsen weltweit befinden sich gerade in einem mächtigen Kursrutsch, die tatsächlichen Folgen sind nicht wirklich absehbar. Bereits vor dem Referendum gab es sehr unterschiedliche Analysen zu diesem Thema. Die österreichische Industrie jedoch rechnet mit deutlichen Umsatzeinbußen. Großbritannien gehört zu den Top 10 Handelspartner des Landes.

„Das demokratische Ergebnis des Referendums ist selbstverständlich zu respektieren, die weitreichenden und vor allem kritischen Folgen für das Vereinigte Königreich, aber auch für Europa, sowie für Wirtschaft und Arbeitsplätze sind heute noch nicht abschätzbar“, sagt Georg Kapsch, der Präsident der Industriellenvereinigung. Auf lange Sicht werde der Schaden für die österreichische Volkswirtschaft allerdings wahrscheinlich gering ausfallen.

„Das Ergebnis zeigt deutlich, wie ernst die Europaverdrossenheit vieler EU-Bürgerinnen und -Bürger zu nehmen ist“, so Kapsch. Aus heutiger Sicht sei es allerdings unwahrscheinlich, dass der Austritt Großbritanniens zum Zusammenbruch der EU führen könnte. Umso wichtiger sei es, dass das Wahlergebnis nicht zu falschen Schlussfolgerungen führe. „Nationale Alleingänge schwächen Europa im globalen Wettbewerb, die EU-Mitglieder müssen auf verstärkte Kooperation und weitergehende Integration setzen.“

Der Crash an den Börsen in Folge des Brexit-Entscheids hat Experten zufolge weltweit fünf Billionen Dollar an Börsenwert vernichtet. Dies entspreche dem Doppelten der gesamten Wirtschaftsleistung Großbritanniens und 17 Prozent der Wirtschaftsleistung der G7-Staaten im vergangenen Jahr, schrieb Aktienstratege Christian Kahler von der DZ Bank in einem Kurzkommentar.

Großbritanniens Premier David Cameron hat indes seinen Rücktritt angekündigt. „Ich werde in den kommenden Monaten alles tun, um das Schiff auf einem stetigen Kurs zu halten“, sagte der Konservative am Freitagmorgen vor seinem Amtssitz in der Londoner Downing Street. „Aber es wäre nicht richtig, wenn ich versuchen würde, der Kapitän zu sein, der unser Land auf sein nächstes Ziel zusteuert.“ Cameron, der während seiner kurzen Ansprache mit den Tränen kämpfte, nannte keinen konkreten Zeitplan für seinen Rückzug vom Amt. Er erklärte aber, bis zum Parteitag der Konservativen im Oktober solle es einen neuen Premierminister geben. Cameron hatte für den Verbleib seines Landes in der EU geworben.

„Das ist kein guter Tag für Großbritannien, kein guter Tag für Europa, aber auch kein guter Tag für unser Land“, sagte Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) nach dem Ergebnis des Referendums. Europa werde an Stellung und Bedeutung in der Welt verlieren. Auch die wirtschaftlichen Auswirkungen würden noch geraume Zeit zu spüren sein. Kern forderte einen Reformprozess, sagte aber deutlich: „Wir werden Österreich mit Sicherheit keinem Referendum aussetzen.“

Heinz-Christian Strache (FPÖ) und Harald Vilimsky haben unterdessen EU-Kommissionspräsident Juncker und EU-Parlamentschef Schulz zum Rückzug aufgefordert. Sollte die EU stattdessen aber an ihrer Reformunwilligkeit weiter erlahmen und auch noch Länder wie die Türkei hereinholen, dann sei auch für Österreich eine Abstimmung über den weiteren Verbleib in der EU eine politische Zielerklärung. Im Morgenjournal sprach Außenminister Sebastian Kurz von einem „Erdbeben“, kein Stein könne nun auf dem anderen bleiben. Die EU werde überleben, so Kurz. Sie müsse sich aber schnell neu aufstellen, wenn sich ein solches Referendum nicht in einem anderen EU-Land wiederholen solle.

Kommentare

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  1. Ecke sagt:

    So ein dummer Satz. Wer will nationalen Alleingängen? Aber das die EU reformiert werden muss steht wohl außer Frage, und zwar ohne die Grün/Linken und dem Steuertrickser Junker.