Brexit: Deutsche Autobauer fürchten sinkende Exporte

Kommt es tatsächlich zu einem Austritt Großbritanniens aus der EU müssen sich die deutschen Autobauer in den kommenden Jahren auf Exporthindernisse gefasst machen. Der britische Markt ist sehr wichtig für die deutschen Autobauer. Hohe Zölle könnten das Geschäft und die Gewinne der Autobauer und Zulieferer eintrüben.

„Es muss alles getan werden, um den bislang ungehinderten Waren- und Dienstleistungsverkehr zwischen Großbritannien und den anderen EU-Ländern auch künftig zu ermöglichen“, forderte Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) angesichts der Entscheidung der Briten, die EU zu verlassen. Vor alle, sollte nach einem EU-Austritt sollte „niemand Interesse daran haben, mit Zollschranken zwischen Großbritannien und dem Festland den internationalen Warenverkehr zu verteuern“, so Wissmann.

Nach Angaben des VDA ist Großbritannien das weltweit größte Exportland für die deutsche Automobilindustrie. 2015 gingen 810.000 Pkws nach Großbritannien. 86 Prozent der Neuzulassungen in Großbritannien betreffen Autos aus dem Ausland.

Für den Autobauer BMW beispielsweise ist Großbritannien das einzige Land, in dem alle drei Marken – BMW, Mini und Rolls-Royce – mit Werken vertreten sind. In Oxford produzieren rund 4500 Beschäftigte den Mini. Zum Produktionsnetzwerk gehören zudem das Komponentenwerk in Swindon (etwa 800 Mitarbeiter) sowie das Motorenwerk in Hams Hall (rund 900 Beschäftigte). Großbritannien ist zudem die Heimat der Superluxusmarke Rolls-Royce. Seit 2003 werden unter der Ägide der Münchner im südenglischen Goodwood die teuren Limousinen von Hand gefertigt. Knapp 1200 Beschäftigte arbeiten in der Manufaktur, auch Fachleute aus der Möbel- oder Modeindustrie. Für die Marke Rolls-Royce ist die Fertigung vor Ort von zentraler Bedeutung. Nach dem Referendum wartet BMW erst einmal ab: „Bevor die neuen Rahmenbedingungen nicht im Detail definiert sind, können wir uns zu konkreten Auswirkungen auf unsere Aktivitäten in Großbritannien nicht äußern.“

Deutsche Autobauer und Zulieferer hätten in Großbritannien rund 100 Produktionsstätten, sagte Wissmann. „Wenn es zu einem Handelskonflikt Großbritanniens mit der Europäischen Union käme, wäre der Schaden für alle enorm und kaum abschätzbar“.

Daimler-Benz ist schon sehr lange in Großbritannien unterwegs. Bereits 1974 gründete das Unternehmen die Mercedes-Benz United Kingdom Ltd. mit Sitz in Brentford. Ziel war es den britischen Vertrieb vor Ort durchzuführen.2005 eröffnete der Konzern ein Brand Center nahe der Brooklands Rennstrecke. Etwa acht Prozent des weltweiten Absatzes von Daimler werden in Großbritannien gemacht.

Für Volkswagen ist Großbritannien der zweitwichtigste Einzelmarkt in Europa. Die Tochter Bentley wird in Großbritannien produziert. Von 2013 auf 2014 konnte Volkswagen die Auslieferungen von Autos nach Großbritannien um 10,8 Prozent steigern. Dabei sind nicht nur die Marken Audi und VW beliebt, auch Skoda und Seat finden etliche Abnehmer in Großbritannien.

Für den Autozulieferer Bosch ist Großbritannien nach Deutschland der zweitgrößte europäische Markt mit 3,7 Milliarden Euro Umsatz 2015, sieben eigenen Produktionsstandorten und 5300 Mitarbeitern. „Wir haben derzeit keine Pläne, unsere Investitionen in Großbritannien zurückzufahren“, erklärte Bosch-Chef Volkmar Denner.

Analysten haben die Folgen des Brexit für die Autobranche im kommenden Jahr bereits kalkuliert. So erwarten die Experten der Deutschen Bank einen Rückgang des britischen Automarktes – der zweitgrößte in Europa – um zehn Prozent, da die Preise mit dem schwächeren Pfund steigen. Das könne beim Marktführer Volkswagen und bei BMW den operativen Gewinn um acht Prozent drücken, bei Daimler wären es fünf Prozent. Das Analysehaus Evercore ISI erwartet in Großbritannien einen Rückgang der Autoverkäufe um 14 Prozent. Das bedeute für Volkswagen rund zwei Milliarden Euro oder gut 14 Prozent weniger Vorsteuergewinn, bei BMW zehn Prozent und bei Daimler sechs Prozent.

Der Autoexperte Ferdnand Dudenhöffer hingegen warnt vor einer Hysterie. „Bei nüchterner Betrachtung erscheint in der Autobranche ein Brexit längst nicht so gefährlich, wie ihn viele Verbände und Unternehmen an die Wand malen“, sagte Dudenhöffer dem Magazin Automobil Produktion. Man dürfe die Bedeutung des britischen Automarktes nicht überschätzen. Der britische Automobilmarkt am Weltmarkt mache nur 3 Prozent aus. Selbst bei einem Absatzeinbruch um 50 Prozent bestehe für die Autoindustrie kein Grund zur Panik, so der Autoexperte. Der erwartete Zuwachs in China würde das locker ausgleichen – selbst bei vorsichtigen Prognosen für das Reich der Mitte.

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